Das Reich der Mitte - eine potente Mutationsvariante der kulturellen Evolution

 

China und Europa - die geschichtliche Entwicklung im Vergleich

Teil 2: Von der Song-Dynastie zur Ming-Dynastie

 
6. Song-Dynastie (960-1279)

 
  Quelle: Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Song-Dynastie)
Yu Ninje 2004, Abgerufen 4.6.11

Die Song-Herrscher einten nur ein kleineres Gebiet, dessen nördliche Hälfte bereits nach eineinhalb Jahrhunderten von den mandschurischen Dschurdschen (Jin) überrannt wurde, auf die nach nochmals derselben Zeit die Mongolen folgten und ganz China eroberten (s. Karte rechts; das südliche Song-Reich (rotbraun) hat etwa die dreifache Fläche des heutigen Frankreich).
Unter dieser Dynastie fand gegenläufig einerseits ein Schub in Landwirtschaft, Technik und Gewerbe statt, der sich in einer Verstädterung der Gesellschaft ausdrückte, und begleitet wurde von einer Weiterentwicklung der Verwaltung, aber auch der Philosophie, der Wissenschaften und des Lebensstils der gehobenen Bevölkerung.
Andererseits - oder deswegen? - wurde das Heer trotz wachsender Ausgaben und Erfindung neuer Waffensysteme immer ineffizienter, sodass die äußere Bedrohung kontinuierlich zunahm bis zum Untergang.

Im Einzelnen:

Der erste Treiber für den Aufschwung der Wirtschaft war eine Revolution im Reisanbau: Es wurde aus Champa (Nordvietnam) eine frühreifende Reissorte eingeführt, die zwei statt einer Ernte pro Jahr ermöglichte. Infolgedessen stieg die Bevölkerung vom 8. bis zum 13. Jh. von 50 auf 100 Mio. Einwohner. Auf dem Großen Kanal wurden 4 Mio. Tonnen Reis jährlich nach Norden transportiert, knapp 15% der Gesamtgetreideernte Chinas.
Ein weiterer Faktor waren sprunghafte Weiterentwicklungen bzw. Erfindungen in Technologie und Finanzwirtschaft:
In der Metallurgie wurde Steinkohle statt Holzkohle eingesetzt und Sprengstoff im Bergbau verwendet (mehr zur Erfindung des Schießpulvers weiter unten); im 11. Jh. wurden ca. 110 Tausend Tonnen Gußeisen hergestellt.
Diese Größenordnung wurde in Europa erst im Verlauf der industriellen Revolution im 18. Jh. erreicht.
Die Porzellan- und Keramikherstellung wurde in Menge und Qualität erhöht.



 
     Quelle: Jacques Gernet, "Die chinesische Welt", 1988
   Gegenwartskarte in Farbe:
http://www.weltkarte.com/home.htm

Seefahrt: Durch den halbjährlich zuverlässig die Richtung wechselnden Monsun begünstigt, wurden die Strecken Kanton-Sumatra (3000 km Luftlinie) sowie Sumatra-Indien (2000 km Luftlinie) wohl schon seit dem 1. Jh. ohne Zwischenhalt gesegelt. Im 10. Jh. wurde die Hochseedschunke zu einem Vier- bis Sechs-Master entwickelt, mit Anker, Steuerruder und beweglichem Schwert gegen Abdrift; sie konnte 1000 Mann aufnehmen. Die genauesten Karten der Welt, bereits mit Himmelsrichtungs-Koordinaten, sowie die Verwendung des Kompass als Navigationsinstrument (11. Jh.) machten die Überseeschifffahrt zur Routine.
In Europa war der Seekompass im 12. Jh. bekannt.
Das Bild rechts oben zeigt eine chinesische Karte des 12. Jh., darunter eine britische Karte, die 600 Jahre jünger ist. Zum Vergleich oben (farbig) eine heutige Darstellung. Besonders am Küstenverlauf und an der Lage der großen Flüsse (Gelber Fluss und Jangtse) lässt sich leicht ein Qualitätsvergleich durchführen. 
Der Überseeexport von Seide und Porzellan nach Südostasien und Indien nahm zu, ebenso allerdings die - diesmal unfreiwilligen - Tribute von Seide, Tee und Silber an die nördlichen Nachbarn, die, letzlich erfolglos, Frieden erkaufen sollten.

Die Geldwirtschaft begann sich zu entwickeln. Der Song-Staat verzwanzigfachte die Prägung von Kupfermünzen auf 3 Mio. Schnüre pro Jahr (die Münzen waren gelocht, eine Schnur enthielt 1000 Münzen), ab dem 11. Jh. wurden (im Blockdruck) Banknoten gedruckt, etwa in derselben Menge.
Die Geldmenge betrug nach einer groben Abschätzung ein Hundertstel bis ein Zehntel der heutigen Menge, bezogen auf das Bruttosozialprodukt, sodass sicherlich der Tauschhandel noch die größere Rolle spielte.
Die Münzen waren im Ausland akzeptiert; es entwickelten sich Wechselstuben; Bankanweisungen und Wechsel wurden allgemein üblich.
Banknoten sollten im 14. Jh. durch eine Destabilisierung des Geldwesens allerdings in Mißkredit und weitgehend außer Gebrauch geraten.
In Europa verbreitete sich das Bankwesen, ausgehend von den toskanischen Stadtstaaten, die den Arabienhandel kontrollierten, etwa im 14. Jh.
Die ersten Vorläufer von Papiergeld führte erst im 17. Jh. England mit den "Bank Bills", Schuldverschreibungen des Staates, die als Zahlungsmittel kursierten, ein. Siehe auch Geschichte des (europäischen) Finanzwesens.
Die Zunahme des Handels machte diesen als Geldquelle wichtiger, so besteuerte die Verwaltung landwirtschaftliche Erträge etwa mit 10%, während Seezölle 10-40% betrugen. Für einige Waren, wie Salz, Tee und Alkohol, wurden Monopole errichtet, die zu ausgeprägtem Schmuggel führten. Die Staatseinnahmen aus dem Handel begannen diejenigen aus dem Ackerbau zu übertreffen.

Städte, wie z. B. Kaifeng, die nördliche Hauptstadt, wuchsen aus eigener Kraft (ohne zentrale Baumaßnahmen), mit privaten Märkten, Handwerk, Vergnügungsvierteln und einem Konsumgüterhandel. Im 11. Jh. wurde die Sperrstunde aufgehoben. Die Mobilität förderte die Gruppenbildung von Gilden, Lokalvereinigungen und Landsmannschaften.
Aufgrund der Geldwirtschaft bildete sich eine Mittelschicht von Grundrentnern, die von den finanziellen Einkünften ihres Landbesitzes lebten, und in den Städten wohnten. Gleichzeitig entstand ein Proletariat in den Manufakturzentren und in den Städten, aus lohnabhängigen Arbeitern und entwurzelten Landarbeitern. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich wurden größer (so wurde mit den Kleinbauern nur etwa 30% der Landwirtschaftsfläche besteuert, Großgrundbesitzer gingen frei aus), die sozialen Spannungen erhöhten sich.
In Europa fällt die Phase der deutlichen Überschussbildung aus der Landwirtschaft mit folgender Entwicklung von Handwerk, Handel und Städten etwa in das 13. Jh. 



Was geschah in der Regierung? Die Zentralverwaltung, insbesondere die Ämter für Wirtschaftsbelange wurden weiter verstärkt, sowie drei voneinander unabhängige Stellen zur Annahme von Stellungnahmen, Anregungen und Beschwerden geschaffen, die Immunität genossen; damit sollte die Korruption wirkungsvoller bekämpft werden. Das Beamtenprüfungsystem wurde vereinheitlicht, um praktische Fächer wie Recht oder Wirtschaft erweitert und dreigliedrig aufgestellt (die unterste Stufe fand in der Präfektur statt, die oberste unter der Anwesenheit des Kaisers in der Hauptstadt). Die Ergebnisse wurden anonym ausgewertet, wiederum um die Korruption des Ämterkaufes einzudämmen. Die Beamtengehälter wurden substanziell erhöht, aus demselben Grund. Der Kaiser trat als Entscheidungsträger hinter die Minister zurück; damit war auch den Palastintrigen und dem Eunucheneinfluss kaum Raum gegeben.
Die Song-Zeit war relativ liberal insofern, dass sich Interessenblöcke (sie Parteien zu nennen wäre irreführend) artikulieren konnten. So gab es die "Konservativen" und die "Reformer". Letztere  versuchten, die anerkannten Hauptziele des Staates - militärischen Schutz nach außen und kontrollierte Machtausübung nach innen - im veränderten Umfeld (agressive Nordnachbarn, schwaches Heer, Wirtschaftswachstum mit Zunahme der sozialen Ungleichheit) nachhaltig zu sichern.
Der bekannteste Reformer Wang Anshi führte eine Getreidepreiskontrolle ein und beschränkte Großaufkäufe, um die Spekulation der Händler einzudämmen. Er gab staatliche Darlehen an Kleinbauern, um den verbreiteten Wucher zu unterbinden. Großhändler wurden stärker besteuert, öffentliche Getreidespeicher, Waisen- und Armenhäuser gebaut.
Wang Anshi vertrat die Theorie, dass Umsatz, d. h. Umlauf von Waren und Geld, sowie eine Förderung der Produktion den Wohlstand aller steigere, und damit höhere Staatseinnahmen ermögliche.
Diese Gedanken muten recht modern an.
In Europa vertrat der Schotte Adam Smith, häufig als Begründer der Nationalökonomie bezeichnet, im 18. Jh. die prinzipiell vergleichbare These, dass es Aufgabe des Staates sei, das Allgemeinwohl durch Organisation der entsprechenden Randbedingungen zu fördern.
Er argumentierte allerdings aus einem völlig anderen historischen Kontext, der auf bereits demokratischen Strukturen und einer Begrifflichkeit von Menschenrechten und Gleichheit basierte. So sah er als beste Garanten für den allgemeinen Wohlstand die persönliche Freiheit und die Garantie des Privateigentums.


Wang Anshi war allerdings in der Minderheit, die Opposition der reichen Klassen war stärker; er hatte nur zweimal je ca. 8 Jahre Gelegenheit, seine Ideen als Regierungsmitglied zu realisieren. Ende des 11. Jh. wurden viele seiner Gesetze wieder aufgehoben.

So scheiterte auch sein Vorhaben, das ineffektive Heer wieder auf eine Bauernmiliz umzustellen. Während der Song-Zeit wurde die Kopfzahl des Söldnerheeres von 300 Tausend auf 1,3 Mio. erhöht, die effektive Leistungsfähigkeit hingegen sank, wegen schlechter Ausbildung und Motivation, sowie dem völligen Fehlen einer Kavallerie. Viele Positionen, die der Staat bezahlte, bestanden nur auf dem Papier.
Andererseits wurde die Waffentechnik weiterentwickelt. Schnelle Schaufelrad-Schiffe mit bis zu 25 Rädern wurden in Seeschlachten eingesetzt. Ab dem 10. Jh. wurde Schießpulver verwendet (die erste Erwähnung des Rezeptes, Schwefel, Salpeter und Holzkohle, stammt aus dem 11. Jh.) - damit wurden Nebel- und Brandgeschosse, Sprenggranaten und Mörser aus Bambusrohr (12. Jh.) sowie Granaten mit Metallhülse und Mörser aus Eisen oder Bronze (13. Jh.) entwickelt.
Nach Europa kam die Formel des Schießpulvers im 13. Jh., also 200 Jahre später, über die Araber. Vermutlich setzten die Mongolen in Ungarn zur selben Zeit bereits Feuerwaffen ein.

Die Wertverständnisse jener Zeit, die vom drohenden Mongolensturm noch nichts wusste, gingen allerdings weg von den kriegerischen Werten (Ehre, Aggressivität, Reiten, Jagd, Polo) hin zu einer städtischen Kultur, deren Intellektualität sich in geisteswissenschaftlicher Kenntnis verstand. Der Literat praktizierte und interpretierte Kalligraphie, Dichtung, Malerei und verachtete körperliche Tätigkeiten oder auch praktische Kenntnisse.
In der Wissenschaft entwickelte sich die Geographie (das Beispiel der Landkarte ist bereits bekannt), das astronomische Jahr wurde auf vier Sekunden genau berechnet, beschreibende Abhandlungen über Tiere, Pflanzen, Archäologie waren Mode (es existierte ein Markt für Antiquitäten), Geschichtswerke mit teilweise moralisierender Tendenz wurden geschrieben. Seit dem 13. Jh. wurde in der Algebra mit der Null gerechnet.
Nach Europa kam die Null zur selben Zeit, gemeinsam mit den arabischen Dezimalzahlen.

Die Philosophie fokussierte sich auf der Identität der natürlichen mit der menschlichen Ordnung, die gesellschaftliche Harmonie stand im Mittelpunkt.
Diese Gedankenwelt des Neokonfuzianismus sollte nahezu unverändert bis ins 19. Jh. das vorherrschende System bleiben.

 
 

 
Das Bild links zeigt eine Hängerolle des 10. Jh.; typisch ist der kontemplative Charakter der Darstellung.
Die "Verkündigung an die Hirten" aus dem Deutschen Reich der Sachsenkaiser stammt aus derselben Zeit.

In Europa kämpften Königreiche um Territorien und Macht, in einem gesellschaftlichen System aus Erbadel und abhängigen Bauern. Das Rittertum gab die ethischen und höfischen Regeln vor.
Andererseits hatte sich die transzendente Religion des Christentums, die die Nächstenliebe für alle Menschen predigt, in Form der Kirche und des Papsttums auch zu einer weltlichen Macht entwickelt, die die Politik steuerte. Der "Gang nach Canossa" im 11. Jh. war ein Höhepunkt des Kampfes zwischen weltlicher und geistiger Macht.
In jenem und den folgenden zwei Jahrhunderten fanden die Kreuzzüge gegen die Moslems statt, die, wie die großen Kirchenbauten der Romanik (rechts unten der Speyerer Dom, Hauptbauphasen 11.-12. Jh.) die wachsende innere Energie Europas im Hochmittelalter zeigten.
   

 
 
 Hängerolle des 10. Jh. aus einem Grab bei 
 Yemaotai, Provinz
 Liaoning. Museum der Provin Lianoning, Shenyang
 

 oben: Verkündigung an die Hirten, Perikopenbuch Heinrichs II.
 Reichenauer Schule, um 1010
 unten: Dom zu Speyer. Wesentliche Bauperioden 1024-1200

Die Kommunikation des Wissens und der Denkmodelle wurde durch die  breite Verwendung des Blockdrucks im 10. Jh. erleichtert; im 11. Jh. wurde der Letterndruck erfunden, ab dem 13. Jh. sind Zinnlettern bekannt.
Der Blockdruck sollte noch bis ins 19. Jh. verwendet werden, da der Letterndruck aufgrund der hohen Zeichenzahl der chinesischen Schrift nicht nur Vorteile hatte, und die Druckerpresse nicht bekannt war.
In Europa folgte die Kenntnis des Papiers (12. Jh.), seine Herstellung (13. Jh.), der Blockdruck (14. Jh.) und der Druck mit Zinnlettern unter Verwendung einer mechanisierten Druckerpresse (15. Jh.) dicht aufeinander. Beim Blockdruck lag China noch 500 Jahre vorn, der Letterndruck in einer effektiven Technologie durchdrang den Markt als erstes in Europa.

An dieser Stelle sei etwas zur chinesischen Sprache und Schrift gesagt:
Das heutige Chinesisch kennt etwa acht Hauptdialekte (mit einem Vielfachen an Unterdialekten), von denen Mandarin, das etwa dem Dialekt Bejings entspricht, als "Hochchinesisch" gilt. Einige Dialekte, insbesondere auf der Nord-Süd-Achse, sind untereinander mündlich nicht verständlich, über die Schrift jedoch schon (s.u.). Es gibt 21 Konsonanten und 37 Vokale, wobei vier Grundbetonungen für Silben existieren.
Die Grammatik hat keine Artikel, keinen Plural, weder Deklination noch Konjugation. Subjekt, Objekt und weitere Attribute sind an der Satzstellung erkennbar; Zahlwörter ersetzen den Plural; Zeitformen werden durch Signalwörter dargestellt. Z. B. heißt "Peter hat das Auto gekauft" auf chinesisch entsprechend "Peter / kaufen / abgeschlossen / Auto".
Zur Schrift: Sie durchlief seit ihrem Entstehen vor ca. 3000 Jahren moderate Modifikationen, sodass zu allen Zeiten die Beschäftigung mit der älteren Literatur, wie den "Klassikern", eher leicht fiel. 
Die chinesische Schrift ist nicht phonetisch, sondern begrifflich orientiert, wobei es neben Ideogrammen (das Schriftzeichen steht für einen Begriff) auch Zeichen gibt, die als phonetische Aussprachehilfen dienen. Somit sind sehr viele Zeichen nötig und Dialekte können sich über die Schrift verständigen. Fremdwörter werden, da lautlich nicht direkt abbildbar, gern "übersetzt": So heißt z. B.  "Bus" "öffentlich / gemeinsam / Dampf / Fahrzeug" oder "Computer" "Elektrizität / Gehirn".
Wie aus den Beispielen erkennbar, kann ein Wort aus mehreren Zeichen bestehen; häufig sind es zwei bis drei.
Heute hat das Chinesische ca. 100 Tausend Zeichen, wobei 2000 bis 5000 für den Standardgebrauch (Lesen einer Zeitung) ausreichen.
Zum Vergleich: Europäische Sprachen haben um die 30 Zeichen und etwa 100 Tausend Wörter der Standardsprache, wobei ein durchschnittlicher Muttersprachler je nach Bildung mehrere Tausend bis mehrere Zehntausend davon passiv beherrscht.
Aus dieser Schriftstruktur folgt eine wesentliche Konsequenz: Zu allen Zeiten war das Erlernen der Schrift erheblich aufwändiger als in Europa; damit war die Trennung zwischen "Gebildet" und "Ungebildet" schärfer als wir es mit dem lateinischen oder griechischen Alphabet kennen. Dies beeinflusste die Kultur - siehe Literatenbeamten, Beamtenprüfungen, Fokussierung der Philosophie auf die Interpretatation von Texten - nachhaltig. Die Beherrschung der Schriftsprache kennzeichnete den sozialen Status.
Im Europa des frühen Mittelalters war dies ähnlich, allerdings aus anderen Gründen: Nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung - Mönche und Gelehrte - hatten Zugang zu Bildung, und zusätzlich zur Schriftkenntnis mussten Fremdsprachen beherrscht werden, um alte Texte zu übersetzen.


7. Mongolen (Yuan-Dynastie - 1279-1368)

In der Frühphase der Entwicklung der Feuerwaffen war die bogenbewaffnete Reiterei im entsprechenden Gelände immer noch die schlagkräftigste Kriegsstechnik. Die Mongolen standen in einer langen Tradition nomadischer, stammesbildender Reitervölker und hatten ihre militärische Technologie weiterentwickelt. Die schon bekannten Xiongnu (2. Jh. v.u.Z.) waren noch ohne Steigbügel geritten, die Hunnen hatten in Europa die Völkerwanderung und damit das Ende des Weströmischen Reiches ausgelöst (4-5. Jh.), die ebenfalls schon genannten Türken kannten bereits den Steigbügel (6.-7. Jh.) und hatten die zweite große Bauphase der Großen Mauer ausgelöst. Die Mongolen waren mit Karrentross, 4-8 Pferden pro Kämpfer und Belagerungsgerät unterwegs. In der Schlacht, die nach taktischen Gesichtspunkten geplant wurde, trugen Pferd und Reiter Leder- oder Eisenrüstung.   
Die Eroberung des chinesischen Kulturraumes dauerte nur gute 60 Jahre.

1206: Dschingis Khan ergreift in der Mongolei
         die Macht
1211: Erster Angriff auf das Jin-Reich
1215: Eroberung von Bejing
     1218: Eroberung des Reichs der
              Westlichen Uiguren
     1240: Eroberung von Kiew (Kiewer Reich)
     1241: Siegreiche Vorstöße in Polen und
              Ungarn; Rückzug wegen Tod des
              Großkhans

1258: Eroberung von Bagdhad
        (Sassanidenreich; auf der Karte rechts:
        "Reich der Ilchane")
1274: Flottenangriff auf Japan scheitert
1276: Eroberung von Hangzhou, der
         Hauptstadt der Südlichen Song
1279: Machtübernahme im chinesischen Reich
1281: Beim 2. Angriff auf Japan vernichtet
         Sturm "Kamikaze" ("Götterwind") die
         chinesisch-koreanische Flotte unter
         mongolischer Leitung
1287: Angriff mit 300 000 chinesischen
         Söldnern auf Vietnam scheitert


1351: Erster  Bauernaufstand der "Roten
         Turbane"
1359: Rückeroberung von Nanjing
1368: Gründung der Ming-Dynastie

   Quelle: S. Klobutschar 2002, Wikipedia, abgerufen 4.6.11


Durch ihren militärischen Vorsprung gelang den Mongolen die Eroberung von Flächenstaaten rasch. Im tropischen Vietnam und Kambodscha (s. auch Karte: "Annam" und "Khmer") mit chinesischen Söldnertruppen, sowie bei Flottenangriffen (Japan), ebenfalls mit den Hilfsmitteln der unterworfenen Völker (China und Korea), scheiterten sie.
Nach einer ersten Phase der Massakrierung und Versklavung (wie in Europa) diskriminierten sie die Bevölkerung in "Nicht-Mongolen" (Tibeter, Uiguren, Iraner etc.) sowie "Chinesen" als unterste Klasse. Handwerker und Mönche wurden als nützlich verschont, durften jedoch Beruf und Ort nicht wechseln. Die Mongolen standen der Religion und der Philosophie gleichgültig gegenüber, waren aber begeisterte Anhänger des Mystischen: So kamen Sekten des Taoismus sowie der tibetische Buddhismus, die Magie-orientiert waren, zu hohem Ansehen.
Für die Ausbeutung der Eroberungen bedienten sie sich der Kopfsteuer und der Fronarbeit.
Bei Bejing ließen sie eine eigene Hauptstadt, Kanbalik, bauen.
Die völlig unzureichende Qualität der Verwaltung durch Desinteresse oder Korruption der mongolischen Herrscher, der lokalen Behörden oder der teilweise mit Hoheitsaufgaben betreuten lamaistischen Mönche führte, zusammen mit einem dadurch bedingten Verfall der Dämme, Bewässerungsanlagen und Wasserwege, rasch zu Hungersnöten, die, nach ca. 70 Jahren Besetzung, in die befreienden Bauernaufstände mündeten. Unterdrückung und ein zunehmender Hass auf die Fremden hatten parallel zu Aufständen der Salinenarbeiter im Jangtse-Gebiet geführt.

Durch die große Ausdehnung des Imperiums der Mongolen von Ostasien über die islamischen Gebiete bis nach Europa, deren hoher Beweglichkeit und deren gezielter Benutzung fachkundiger Experten für Dienstleistungen hatte diese Epoche jedoch einen erheblichen Einfluss auf den Wissens- und Glaubenstransfer in Eurasien.
Die Steppenroute der (nördlichen) Seidenstraße wurde ausgebaut und mit Poststationen versehen. Russen, Iraner, aber auch westeuropäische Gesandte und Kaufleute nutzten diese und auch andere Routen. Verkehrssprache auf der Seidenstraße war vermutich mehrheitlich das Persische.
Die Eroberung von Bagdhad (Irak) ließen die Mongolen durch einen chinesischen General befehligen; chinesische Techniker halfen bei Bewässerungsprojekte im Euphrat-Tigris-Becken (Irak); in Täbris (Iran) und Kiew (Russland) gab es chinesische Viertel.
Die Verbreitung des Islam wurde stark begünstigt; heute leben nach groben Schätzungen etwa 50-100 Mio. Moslems in China.

1241: In der Schlacht in Ungarn wurden wohl das erstemal in Europa Feuerwaffen eingesetzt, deren Kenntnis sich die Mongolen in China angeeignet hatten.
1245: Der Franziskanermönch Carpini besuchte im Auftrag des Papstes Karakorum, die Hauptstadt des Mongolenreiches.
1253: Von Rubruk, ein Gesandter des französischen Königs, besuchte den Khan mit dem Auftrag, ein Bündnis gegen die Moslems einzugehen.
1254/1271: Zwei Brüder der venezianischen Kaufmannsfamilie Polo besuchten Nordchina. Auf der zweiten Reise nahmen sie ihren Sohn/Neffen Marco mit; sie durchreisten Asien auf dem Land- und Seeweg, trieben Handel und besuchen unter anderem Bejing.
1275: Der chinesische Nestorianermönch Rabban Bar Sauma bereiste den Iran, und von dort mit einem Auftrag des Khans unter anderem Paris und Rom, wo er den französischen König und den Papst traf.
1291: Dadurch veranlasst, schickte der Papst den Franziskaner de Monte-Corvino zu Missionszwecken über den Iran per Schiff nach Kanbalik (Bejing). 1307 ernannte er ihn zum dortigen Erzbischof, wo er bis zu seinem Tod 1328 blieb.
1313: Der iranische Wissenschaftler Raschid al-Din erwähnte in Täbris (Iran,s. auch Karte des Mongolenreiches), einer Drehscheibe des eurasischen Handels der damaligen Zeit, den Blockdruck. Gedruckte Spielkarten und Geldscheine waren bekannt.
1314: Ein weiterer Franziskanermönch, Pordone, bereiste China über Konstantinopel, Indien, die ehemalige Song-Hauptstadt Hangzhou und Kanbalik (Bejing), und kehrte nach drei Jahren auf dem Landweg zurück.
1325: Der islamische Gelehrte Ibn Batutta bereiste die islamischen Länder, Indien, Südostasien und China während 24 Jahren. Er hinterließ einen Bericht, der - im Gegensatz zu den Erzählungen Marco Polos - präzise war, und über technische Neuheiten Chinas informierte.

Diese Beispiele sollen zeigen, dass die primären Zentren der Macht des eurasischen Kontinents jener Zeit immer noch China (in der kurzfristig mongolischen Ausprägung), gefolgt von der islamischen Welt, waren, in militärischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hinsicht.
Marco Polo war ein Reisender von vielen, aus einem eher unbedeutenden Randbereich der bekannten Welt, mit unterdurchschnittlicher wissenschaftlicher Qualifikation.

Was ereignete sich während der Zeit der Fremdherrschaft Chinas in Europa?
Das Reich der Staufer umfasste Deutschland, Italien und östlich gelegene Gebiete.
Die Kirche erreichte und überschritt ihren weltlichen Machthöhepunkt. Ablasshandel und Ämterkauf verbreiteten sich, gleichzeitig wurden als Reformantwort Bettelorden gegründet (z. B. Franziskaner, Dominikaner). 1231 wurde die päpstliche Inquisition mit der Todesstrafe für Häretiker eingeführt.

Die bereits eingeführte Dreifelderwirtschaft, Pflug und Egge aus Eisen und das Pferd als Zugtier hatten Agrarüberschüsse erzeugt, die Personalressourcen freisetzten. Die entstehenden Städte wurden von den Landesfürsten gefördert und mit Sonderprivilegien versehen, um durch das rasche Wachstum der Handelsmärkte Einkünfte zu erzielen (Stadtrechte: "Stadtluft macht frei").
Die Hanse baute den Ostseehandel auf, Waren wurden mit der Kogge transportiert, einem einmastigen Segelschiff (mit schlechten Gegen-den-Wind-Eigenschaften).
Venedig entwickelte sich durch Monopolisierung des Arabienhandels zur wichtigsten See- und Handelsmacht des Mittelmeeres.

Aus Kloster- und Domschulen bildeten sich Universitäten, wie z. B. nach den Vorläufern Salerno (arabische Medizin, 1057) oder Bologna (Rechtswesen, 1088) in Paris, Oxford, Montpellier, Prag, Heidelberg und anderen. Fakuläten der verschiedenen Fächer bildeten sich auf internationaler Ebene.

In England erkannte der König die Magna Charta (1215) an, die Rechte des Adels gegen den König sowie die Unabhängigkeit der Kirche bestätigte. Sie sollte bis ins 17. Jh. ihre Gültigkeit behalten. Das erste regelmäßige Parlament wurde gebildet (1295), das die Wünsche des Königs, Steuern einzutreiben, verband mit den Wünschen der Vertreter aus Hochadel, Landadel und Städten, Fragen ihres Interesses gemeinsam zu entscheiden.
Auf dem Kontinent legte die Goldene Bulle (1356) die Mehrheitswahl des deutschen Königs durch die Kurfürsten fest, mit genauen Angaben der Rechte und Pflichten.
Machtverhältnisse wurden an Gesetze gebunden, und Mitbestimmungsrechte unterschiedlicher Ebenen entwickelt.

Im 14. Jh. wütete die Pest, die auch in Indien und China ausgebrochen war, und Europa über die Mongolen erreichte. Die Bevölkerung Europas wurde um ein Drittel auf ca. 50 Mio. Einwohner reduziert.

Einen globalen Blick auf das Jahr 1351 versucht das Video "1351" (3 min) zu erhaschen.


8. Ming-Dynastie (1368-1644)

Hongwu, der erfolgreiche Anführer des Befreiungsaufstandes gegen die Mongolenherrschaft, ein ehemaliger Landarbeiter, gründete in Nanjing die Dynastie der Ming, eroberte die Nordgebiete mit Kanbalik/Bejing, trieb die Mongolen weiter zurück und organisierte den Wiederaufbau. Tausende Wasserreservoirs wurden instandgesetzt, zehntausende Quadratkilometer Land rekultiviert, und: Bäume gepflanzt (insgesamt ca. eine Milliarde), zur Wiederaufforstung und für den Bau der kaiserlichen Hochseeflotte, die wir bereits kennen.
 
Hongwu übernahm aus der Mongolenzeit die funktionale Zwangsaufteilung der Bevölkerung in Bauern, Soldaten und Handwerker, die nur innerhalb ihrer Klasse heiraten durften und entsprechend den Staatsbedürfnissen umgesiedelt wurden. Wohl aufgrund seiner fehlenden Bildung mißtrauisch gegen die Literatenbeamten, regierte er autokratisch: Das Sekretariat wurde abgeschafft, die Ministerien ihm direkt unterstellt, eine Geheimpolizei gegründet, die die Beamten kontrollieren sollte. Es gab mehrfach Säuberungen gegen vermeindliche oder reale politische Gegner.

Im gegebenen politischen System hatte ein Kaiser prinzipiell drei Möglichkeiten, zu regieren: Er konnte hinter den Ministern zurücktreten und seine Rolle als allgemeiner Garant der natürlichen Ordnung ausüben; er konnte  mit Eigeninitiative und Führungskraft selbst mit seinen Beamten regieren; oder er betrieb Politik mit Hilfe eines inneren, geheimen Beraterkreises, den Eunuchen - dies wäre eine Regierung gegen die Beamten.
Quelle: Konrad Seitz, "China - Eine Weltmacht kehrt zurück", 2006.


Hongwu entschied sich für das letzere, für einen absolutistischen, autoritären und geheimen Regierungsstil, und sollte damit prägend für die Ming-Zeit sein. Die Eunuchen, selbst häufig gering gebildet, sollten über Beamtenernennungen und -Beförderungen entscheiden und der Geheimpolizei vorstehen.

Die sieben kaiserlichen Seeexpeditionen (1405-1433) erscheinen nun in einem anderen Licht. Die Schiffstechnologie und die maritimen Kenntnisse standen bereit, es bedurfte "nur" der kaiserlichen Entscheidung für eine solche Aktion, die sicherlich mit dem Ziel der Expansion der chinesischen Macht verbunden war; zeitparallel fanden militärische Offensiven auf die Mongolen und auf Vietnam statt.
Die Hauptstadt wurde wieder nach Bejing verlegt.

Im 16. Jh. nahm der Druck von außen zu, die Mongolen brandschatzten den Norden Chinas (was zur dritten großen Bauphase der Großen Mauer führte) und japanische Piraten machten periodisch die küsten- und flussnahen Städte und Landstriche unsicher. Dies führte zu einer allgemeinen Abneigung gegen die Seefahrt und auch gegen Fremde.
 
Finanziell lebte der Staat verschwenderisch über seine Verhältnisse. Pompöse Kaisergräber, Kriegs- und Militärausgaben sowie üppige Apanagen für kaiserliche Familienmitglieder führten zu Defiziten. Drucken von Papiergeld erzeugte Inflation und brachte es in nahhaltigen Mißkredit (Silber, das verstärkt aus Japan, später über die Spanier importiert wurde, begann Ende des 15. Jhs zum allgemeinen Zahlungsmittel zu werden).
Eine politische Gegenbewegung der Beamten, aus der Donglin-Akademie, die die Anwendung der Regeln des Neokonfuzianismus forderten, scheiterte an der Unterdrückung durch die Eunuchen.
Die durch den autoritären Regierungsstil bedingte mangelnde Motivation der Zentralbeamten (ein bis zwei kaiserliche Beamte - oder Mandarine - pro Unterpräfektur mit einigen zehntausend Einwohnern) führte zu zunehmender Mißwirtschaft der lokalen Beamten und Machtträger, was die Unzufriedenheit der Bauern und Arbeiter schürte. Dies, drückende Steuererhöhungen und Mißernten führte zu Handwerker-, Bergarbeiter- Bauernaufständen und einer Welle von Plünderungen, bei denen 1644 Peking erobert wurde. Die zu Hilfe gerufenen Mandschus (Nachkommen der Dschurdschen, die bereits die Mandschurei unter ihre Kontrolle gebracht hatten) besiegten die Aufständischen, um auch die Macht in Nord- und später Südchina zu übernehmen.    

Philosophisch kann die Ming-Zeit einem orthodoxen Neokonfuzianismus zugeordnet werden. Als Beispiel mag Wang Yangmin gelten, ein als antiintellektualistisch geltender Philosoph, der die natürliche Ordnung von Welt und Gesellschaft als angeborenes Wissen ansah, das gegen Begierden und Egoismen eingesetzt werden müsse. Parallel zu dieser sittenstrengen Moral fanden beschreibende Werke der praktischen Wissenschaften (wie in der Song-Zeit) Interesse. Privater Handel und Bereicherung galten als ethisch minderwertig.

1514 landete das erste portugiesische Galeone (Drei- bis Viermaster mit Kanonenbewaffnung) in China; es folgten die Spanier und die Holländer. Sie nahmen nach erfolgreicher Umsegelung der Südspitze Afrikas (Bartolomeo Diaz 1488) die Handelsströme nach Asien in die eigene Hand, nachdem die Seidenstraße durch das Osmanische Reich blockiert war (Konstantinopel fiel 1453; die Eroberung gelang mit Hilfe neuartiger und riesiger Kanonen (bis 75 cm Rohrduchmesser), die ein christlicher Spezialist für den Sultan bauen ließ). 
Die Portugiesen brachten neben der Süßkartoffel, der Erdnuss und dem Mais auch die besseren Feuerwaffen mit. Zur Abwehr gegen die Mandschus kauften die Chinesen über die Vermittlung von Jesuitenmönchen Kanonen bei den Portugiesen in deren Handelsstützpunkt Macao (gegenüber dem heutigen Hongkong).
Die Japaner hatten zur selben Zeit Kanonen und Arkebusen (Vorderlader mit Luntenzündung) bereits nachgebaut, und setzten letzere auf ihren Piratenfahrten ein.
In dieser Technologie - Feuerwaffen - hatte Europa einen Vorsprung errungen; aufschlussreich ist die unterschiedliche Rezeption in China und Japan: Kauf gegen Nachbau.

Der Jesuitenorden war 1534 im Rahmen der Gegenreformation gegründet worden, und auf den besonderen Gehorsam dem Papst gegenüber verpflichtet. Ihre Pater wurden nach China geschickt, um die Heiden zu bekehren, und lebten regelmäßig, bis ins 18.Jh., am Kaiserhof, wo sie als wissenschaftliche Berater akzeptiert waren.
Der christliche Glaube selbst hingegen stieß auf Unverständnis und Ablehnung, da im Unterschied zwischen der transzendenten und absoluten Religion des einen Gottes und dem diesseitigen Weltbild der natürlichen Harmonie unvereinbare Widersprüche lagen. Es gab Anklagen wegen Verderbnis der chinesischen Sitten, sowie Christenverfolgungen.

Die knapp 300 Jahre der Ming-Zeit können in gesellschaftlicher und politischer Sicht als nahezu statisch angesehen werden. Währenddessen waren in Europa verschiedene umwälzende Entwicklungen abgelaufen.

       
        Quelle: dtv-Atlas zur Weltgeschichte 1966
  • Staaten mit Nationalbewusstsein hatten sich, häufig über kriegerische Auseinandersetzungen, gebildet (z.B. Hundertjähriger Krieg zwischen England und Frankreich 1339-1453).
  • In  der Geistesbewegung des Humanismus wurde das Studium antiker Schriften (der Griechen, Römer und Hebräer) gefordert und verbreitet, um vom Wissen der "Heiden" gegenüber der unbedingten christlichen Frömmigkeit und der kirchlichen Scholastik zu profitieren. Eine quellenorientierte Text- und Bibelkritik entstand.
  • Profit- und machtgetriebene Seefahrten fanden statt: 1492 entdeckte Kolumbus Mittelamerika, 1498 erreichte Vasco da Gama Indien, 1500 Pedro Alvarez Cabral Brasilien, ab 1519 wurde das mexikanische Azteken- und ab 1531 das südamerikanische Inkareich zerstört und ausgeraubt. Ab 1510 wurden afrikanische Sklaven in die Karibik gehandelt, 1600 die englische Handelsgesellschaft East India Company gegründet.
  • Spanien und Portugal teilten sich in einem Vertrag die Welt auf, letzlich sollte durch den sprunghaft zunehmenden Seehandel der Einfluss der mitteleuropäischen Mächte sinken und der der Küstenmächte (Portugal, Spanien, Holland, Frankreich, England) steigen.
  • Die Mängel der Kirche (ihr Reichtum, die sittliche Verwahrlosung des Klerus und der Klöster, Ablass- und Ämterhandel) führten in der Reformation (Luthers Thesenanschlag über den Ablasshandel 1517) zur Abspaltung von protestantischen Konfessionen.
  • Die Kunst wurde wie der Humanismus befruchtet von der "Wiedergeburt" (Renaissance) der Antike. Michelangelo, Leonardo da Vinci, Dürer arbeiteten mit bildlicher Perspektive, anatomischen Proportionen, dem Fresco. Die Architektur übernahm Bogen und Kuppeln, aus Burgen wurden Schlösser (z. B. an der Loire). Shakespeare beschrieb das politische Leben seiner Zeit mit Charaktertragödien.
  • Die Geldwirtschaft verbreitete sich von Italien nach ganz Europa. Die Bankhäuser der Medici und Fugger entstanden. In Zahlen kalkulierendes Profitdenken wurde möglich.


Die Frage (1) der Eingangsseite "China", warum China aus einer wirtschaftlich und wissenschaftlich vergleichbaren Situation heraus statisch verharrte, während sich in Europa die Entwicklungen quasi überstürzten, bedarf der wissenschaftlichen Untersuchung. An dieser Stelle sei als auffällig vermerkt, dass in Europa stets eine Konkurrenz verschiedener politischer Mächte unterschiedlichster Größe sowie der Kirche herrschte, dass vertikale Machtverteilungskämpfe in schriftliche und gültige Regeln mündeten (englisches Parlament, Goldene Bulle, Städteprivilegien), dass die abschüttelnde Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche den Weg für einen unabhängigen Rationalismus freimachte, dass der unbestrittene Eigentumsbegriff und eine offenbar hinreichende Rechtsstaatlichkeit private Initiative und Unternehmertum zuließen und förderten. Möglicherweise förderte auch der Humanismus mit der Wiederbelebung der republikanischen/demokratischen antiken Traditionen den sozialwissenschaftlichen Horizont, und belebte die Methode der Rhetorik, der mündlichen Auseinandersetzung mit kontroversen Inhalten, einer Kunst, die der schriftlich orientierten chinesischen Sprache eher fremd war.

Als abschließendes Beispiel sei auf das unterschiedliche Niveau zweier kriegerischen Konfliktlösungsprozesse hingewiesen. Die plündernden Bauernaufstände mündeten 1644 in der Einnahme Bejings und dem Selbstmord des letzten Ming-Kaisers, wonach eine fremde Macht die oberste Führung ergriff. Im selben Jahr tagte in Münster bereits ein internationaler Friedenskongress, der vier Jahre später, 1648 im westfälischen Frieden Territorialansprüche aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48) entscheiden, zwei Staaten (Niederlande und Schweiz) anerkennen, die Konfessionen gleichstellen und die Beziehungen zwischen Kaiser und Reichstag regeln sollte.


Quelle zu den Daten der chinesischen Geschichte: Jacques Gernet, "Die chinesische Welt", 1988, und Konrad Seitz, "China - Eine Weltmacht kehrt zurück", 2006.



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