Amerikanische Ratingagentur bedroht Euro

 

Finanzimperialismus

Zum historischen Rahmen Stand Dezember 2011, europäische Sichtweise:

Aus der globalen Finanzkrise 2008 wurde gelernt, dass die Finanzwirtschaft mit einem 70-fachen Umsatz gegenüber der Realwirtschaft (siehe Transaktionsvolumina auf den globalen Finanzmärkten) in dereguliertem Zustand spielcasinoartige Wetten fördert, die die Realwirtschaft erheblich schädigen. Die Korrekturmaßnahmen sind technisch bekannt, das Problem liegt ausschließlich an der Umsetzung.

Aus der Eurokrise wurde gelernt, dass die Sozialisierung von Schulden selbstverstärkend den Euro in den Abgrund zieht. Seit wenigen Wochen wurde die Gefahr allgemein als währungsbedrohend eingestuft, und es war ein engagiertes Bemühen von EU-Staaten, darunter den großen Nettozahlern Frankreich und Deutschland, zu erkennen, im Eiltempo (endlich) wirksame Kontrollmaßnahmen und die Eigenverantwortlichkeit der Mitgliedsländer (wieder-)einzuführen, sowie die EZB (Europäische Zentralbank) wieder unabhängig zu machen, d. h. sie auf ihr ursprüngliches Stabilitätsziel zurückzuführen. 
Der polnische Außenminister Sikorski: "Ich habe weniger Angst vor deutscher Macht, als ich anfange, mich vor deutscher Inaktivität zu fürchten". Siehe "Merkel sieht Schwung für EU-Vertragsreform".
Sowie "Merkel und Sarkozy wollen Vertragsänderung im März 2012".


Das Ereignis:

Wenige Tage vor dem (wievielten?) Eurokrisengipfel, der für den 9.12.11 geplant war, warnte die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's die Regierungen von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Finnland und Luxemburg vor einer Überprüfung mit möglichem negativen Ausgang, der zum Verlust des Bestratings AAA führen würde. Siehe "Rating-Warnung nun auch an Deutschland".

Europäische Politiker reagierten mit Empörung. "Manchmal fällt es schwer, den Eindruck zu widerlegen, dass einige amerikanische Ratingagenturen und Fondsmanager gegen die Eurozone arbeiten" - siehe "Merkel unbeeindruckt von Drohung amerikanischer Ratingagentur".


Die Analyse:

  • Dass die Ratingagentur diese Drohung wenige Tage vor dem Euro-Krisengipfel lanciert, wird interpretiert als Einflussnahme: Lobbying für Entscheidungen in eine bestimmte Richtung.
  • Eine amerikanische Ratingagentur hat kein Mandat (weder Rechte noch Pflichten), in europäische politische Prozesse einzugreifen.
  • Als von der Ratingagentur gewünschte Handlungsweise wird eine weitere Vergemeinschaftung von Schulden und eine damit einhergehende Schwächung der Unabhängigkeit der EZB gesehen. 
     

Die Interpretation:

Warum verhielt sich die amerikanische Ratingagentur so?

  • Hypothese 1: Kulturelle Überheblichkeit mit dem Gefühl, besser als die Europäer zu wissen, wie Finanzmarktaufgaben zu lösen sind; daraus folgend die Empfehlung einer Kopie des "amerikanischen Weges" der unbekümmerten Schuldenaufnahme.
  • Hypothese 2: Die realwirtschaftszerstörenden Gewinnmechanismen des Finanzwesens nutzen - und verstärken deshalb - Schwankungen jeglicher Art (die Spekulationen erlauben): Mit und ohne Erzeugung von Insiderwissen sollten durch diese Aktion Turbulenzen an den Märkten verstärkt werden.
  • Hypothese 3: Die Ratingagentur als Agent des amerikanischen Finanzwesen war bestrebt, zur Zerstörung der Euro-Währung aktiv beizutragen. Motiv: Schwächung des europäischen Wirtschaftsraums zur Erhöhung des eigenen Profits.

Siehe auch den Kommentar "Mit amerikanischer Brille".
 

Die Konsequenz:

Die Europäische Union ist gut beraten, diesen Angriff als solchen zu identifizieren, die nach europäischem Verständnis zielführenden Korrekturmaßnahmen konsequent anzugehen (inklusive von dem europäischen Wirtschafts- und Finanzplatz dienlichen Alternativplänen), und die - wiederum im europäischen Interesse - als notwendig erkannten finanzwirtschaftlichen Regulierungsmaßnahmen (Bankentrennung, Finanztransaktionssteuer usw.) zu forcieren.
Nur Europa kann sich um Europa kümmern!


Stand Dezember 2011