Globalisierung: Definition, Zeitliche Einordnung, Folgen

 

Globalisierung

Februar 2017

                           Chinesisches Meer
links:    Chinesische "Selden-Karte", ca. 1608
rechts: Encyclopedia Britannica, 1903
(1)
   

Was ist Globalisierung?

Häufig wird der Begriff im rein marktwirtschaftlichen Sinn verwendet, in dem Sinn, dass

  • Waren und Dienstleistungen
  • Information
  • Kapital
  • in bedingtem Umfang Arbeitskräfte

sich global, d. h. über Nationengrenzen und über Kontinente hinweg, möglichst ungehindert und in großer Menge bewegen können.

Nimmt man nichtmonetäre Aspekte hinzu, so sind zusätzlich zu nennen:

  • kulturelle Eigenschaften, Sitten und Gebräuche
  • ethische Werte, wie z. B. Menschenrechte
  • Migration von Menschen
  • Migration von Flora und Fauna, sei es absichtlich durch Zucht/Anbau oder unabsichtlich durch Verbreitung invasiver Arten
  • Epidemien
  • ökologische Konsequenzen wirtschaftlichen Handelns, wie Abholzung, Verschmutzung von Boden und Wasser, Treibhausgaserzeugung 

Wann begann die Globalisierung?

Nimmt man als Maßstab den Transport menschlich produzierter Güter (und von Sklaven) über Kontinente hinweg, so könnte man die Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus als Beginn sehen, der in der Kolonialzeit der sogenannte "Dreieckshandel" über den Atlantik (ca. 18. Jh.) folgte: Einfache Handelswaren von Europa nach Afrika, Sklaven von Afrika nach Amerika, Baumwolle und Zucker von Amerika nach Europa.
Schon 100 Jahre vorher segelten spanische Konvois mit Silber aus dem heutigen Peru und Bolivien von Mittelamerika über den Pazifik nach Asien (Philippinen), um auf dem Rückweg damit bezahlte chinesische Handelswaren mitzunehmen. 
Man kann jedoch noch früher ansetzen, denn chinesische Schiffe segelten bereits im 15. Jh. nach Indien und Afrika (s. China), und die Seidenstraße von China nach Europa florierte bereits um Null unserer Zeitrechnung zur Zeit des Römischen Reiches, des persischen Partherreiches und der chinesischen Han-Dynastie.

In der jüngeren Zeit kann man einen qualitativen Sprung bzw. eine rasante Beschleunigung der Globalisierung etwa in die Jahre 1980 bis 2000 legen.

In diese zwei Jahrzehnte fallen:

  • die Deregulierung des Finanzwesens 
  • der Zerfall der Sowjetunion mit weitergehendem Anschluss an das kapitalistische Weltwirtschaftsystem
  • die Entwicklung des Kapitalismus in China und dessen wirtschaftlicher Aufstieg
  • die Verbilligung von Transportkosten
  • die dramatische Entwicklung der Informationstechnologie

Was sind wesentliche Folgen der Globalisierung?

Im rein kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Sinn ist zu beobachten:

  • Das Finanzwesen erzielt Umsätze, die ein Vielfaches des Welt-Bruttosozialproduktes betragen (s. Transaktionsvolumina) und gewinnt eine immer stärkere Macht gegenüber der Realwirtschaft.
  • Firmen transnationalisieren sich. Sie vermeiden immer erfolgreicher die Gewinnbesteuerung (z. B. mit Hilfe juristischer Konstruktionen oder durch Verlagerung in Steuerparadiese).
  • Die Kontrolle der Nationalstaaten über transnationale Banken und Firmen nimmt ab. Die nationale Konkurrenz führt zu einem Wettlauf der geringeren effektiven Besteuerung, wohingegen Verluste ggf. vom Steuerzahler zu tragen sind (Beispiel: Finanzkrise 2008).
  • Damit verschiebt sich die Verteilung des erzielten unternehmerischen Gewinnes: Der Staatsanteil (Steuern) für die Gesellschaft sinkt, der Privatanteil von Banken und transnationalen Firmen steigt. Dies führt unter anderem zu einer weiteren Spreizung der Einkommen zwischen Vorstand/Manager und Arbeiter. Die Ungleichverteilung der Einkommen - innerhalb eines Landes - nimmt zu.

Ethische Themen, wie die der Verteilungsgerechtigkeit ("Neokolonialismus"), oder ökologische Themen (Konsum des einen Landes auf Kosten von Ressourcenvernichtung anderswo) sind hier nicht berücksichtigt.


Die Globalisierung ist politisch hochumstritten (2). Während die einen auf dem Standpunkt stehen, dass sie dem Prinzip des Marktfundamentalismus (Neoliberalismus) folgend das globale Wirtschaftswachstum fördern würde und daher erstrebenswert sei, sehen andere die Nachteile in einem Entzug der demokratischen Kontrolle, einer transnationalen Ausbeutung, und in einer steigenden Ungleichverteilung der Einkommen.

Die jüngeren politischen Ereignisse in Europa und USA, darunter die Zunahme der Anti-EU-Wähler in den EU-Staaten und im europäischen Parlament (s. Analyse der EU-Wahl 2014), die britische Abstimmung für den EU-Austritt (Brexit) (2016) und die Wahl eines Populisten zum amerikanischen Präsidenten (2016) können ohne allzugroße Vereinfachung zwei Themen zugeordnet werden, die beide globalisierungsgetrieben sind:

  • Die unkontrollierte Einwanderung, die als Bedrohung der Stabilität des (nationalen) Gemeinwesens gesehen wird
  • Die Globalisierung - im Fall der EU auch: Die Euro-Politik - hat wirtschaftliche Verlierer erzeugt

Auf der Folgeseite wird das zweite Thema - die globale Ungleichheit - in Zahlen dargestellt.




Quellenangaben und Anmerkungen
(1) Die chinesische Seekarte ist benannt nach dem britischen Orientalisten Selden, der sie im 17. Jh. erwarb und bewahrte.
Sie zeigt - unter Vergrößerung des Bildes gerade so erkennbar - chinesische Seerouten, unter anderem nach Japan, den heutigen Philippinen und dem heutigen Indonesien, damals auch Kontaktstellen zu portugiesichen, spanischen und niederländischen Händlern.
Die britische Karte zeigt die Zeit des Kolonialismus: Rosa (Philippinen) USA, hellrosa (Norden von Borneo) Großbritannien, braun (Philippinen) niederländisch. 
(2) TTIP, ein Freihandels- und Investitonsschutzabkommen zwischen der EU und den USA, das seit 2013 verhandelt wird, steht als Beispiel für die kontroverse Diskussion. Siehe " Das europäische Selbstverständnis und TTIP"