Bevölkerungsentwicklung von Costa Rica

 

Costa Rica: Geburtenrate auf unter Zwei gefallen



Costa Rica liegt im tropischen Mittelamerika. Es hat heute (Stand 2015) knapp 5 Mio. Einwohner, bei einer Bevölkerungsdichte von gut 80 Einwohnern pro Quadratkilometer. Sie sind zu 99 % Einwanderer (vor allem Mischlinge, Weiße, Schwarze), nur 1 % sind Ureinwohner aus der vorkolumbianischen Zeit.
Die Religion ist vorwiegend christlich (ca. 77 % katholisch, 14 % protestantisch).
Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt etwa 10 000 US-Dollar. (1)

           Costa Rica: Bevölkerungsentwicklung, Grundnahrungsmittelproduktion und Wald
Quelle: Eigene Darstellung mit Daten aus (2) und (3)

 

 

























Die obenstehende Graphik zeigt, dass die Geburtenrate von über 6 innerhalb von etwa 40 Jahren auf unter 2, d. h. unter die Reproduktionsrate, gefallen ist. Die schwarze Kurve zeigt den demographischen Nachlauf durch die älter werdende Bevölkerung, sodass, unter sonst gleichen Bedingungen, erst weitere 40 Jahre später die Bevölkerung stagnieren (und danach abnehmen) wird.

Zur Referenz ist der Waldbestand - stabil bei knapp 50 % zwischen 1990 und 2010 - abgebildet. Er dient als grober und qualitativer Hinweis, wie nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen umgegangen wird.

Sodann ist die Ernteentwicklung der beiden größten (in Tonnen) produzierten Grundnahrungsmittel dargestellt: Reis und Maniok. Die Reisernte verdreifachte sich auf Grund der "grünen Revolution" in den 1970ern, die Maniok-Produktion verzwanzigfachte sich. Dabei stieg die Ausbeute zwischen 1960 und 2010 um den Faktor 2,9 (Reis) bzw. 3,0 (Maniok), die restliche Steigerung wurde, vor allem bei Maniok, durch die Ausweitung der Anbauflächen erreicht.
Allerdings war und ist Costa Rica ein Grundnahrungsmittel-Importland: Der Reis liefert nur gut 10 % des Kalorienbedarfs.
Weizen sowie Mais und Soja als Tierfutter werden importiert, stattdessen Bananen, Ananas, Zucker aus Zuckerrohr, Palmöl, Orangen und auch Maniok exportiert (Stand 2012, (4)).  

Obwohl die Lebensmittelproduktion deutlich stieg, nahm die Geburtenrate (nicht das Bevölkerungswachstum) dramatisch ab - was mögen die Ursachen gewesen sein?

1948 führte José Figueres Ferrer den vielleicht originellsten Staatsstreich der Geschichte aus: Er putschte mit Waffengewalt gegen die Regierung, trat dem interamerikanischen Beistandspakt TIAR bei und schaffte als eine seiner ersten Amtshandlungen die Armee ab. Wenige Jahre später wurde er demokratisch gewählt, danach nochmals zweimal wiedergewählt. Er verstaatlichte Banken, ließ Frauen und Schwarze zu Wahlen zu, baute das Gesundheitswesen und die Schulbildung aus. Die gesellschaftlichen Verhältnisse stabilisierten sich. Im Schatten des Kalten Krieges (Revolution in Kuba 1959) wurde Costa Rica von den USA als "Vorzeigedemokratie" gewertet und erhielt im Rahmen der gepflegten Beziehungen ab 1966 Entwicklungshilfe in Form der 1960 erstmals zugelassenen Verhütungspillen (5).
Bereits zuvor, 1962, hatte die "Evangelikale Allianz Costa Rica" mit Radioprogrammen und Vor-Ort-Hilfe begonnen, Verhütungsmethoden und Vasektomie (6) auch in ländlichen Orten anzubieten (7). Sie argumentierte unter anderem, dass die Bibel jedem das Recht gebe, sein eigenes Leben zu gestalten, dass erfolgreiche Familienplanung die Zahl der Abtreibungen verringere, und dass eine geringere Kinderzahl es leichter mache, der Armut zu entkommen (5).
1963 wurde aus dem "Interamerikanischen Institut für Landwirtschafts-Wissenschaften" (Instituto Interamericano de Ciencias Agricolas, IICA) heraus aus Motiven des Umweltschutzes eine Bewegung für Familienplanung gegründet, die bereits die neu auf den Markt gekommene Verhütungspille verteilte. Die daraus entstehende "Costa-Ricanische demographische Assoziation" (ADC) begann national zu arbeiten, mit der Duldung der Regierung. Die Pille wurde in dieser Phase weitgehend durch die IPPF (8), die Vereinten Nationen, USAID (9) (s. oben) und andere Organisationen finanziert.
Ab 1968 wurde die Pille vom Gesundheitsministerium über das neue "Amt für Bevölkerung" verteilt, unter dem katholischen Präsidenten José Fernández, während gleichzeitig Papst Paul VI für die katholische Kirche mit der Enzyklika "Humanae Vitae" die Geburtenkontrolle verbot. 
1970 schloss die nationale Sozialversicherung Familienplanung in ihren Umfang und ihr Beratungsangebot mit ein, gleichzeitig wurde Familienplanung in den Lehrplan aufgenommen (7).

Bereits 1964 wandten 50 % der in der Hauptstadt lebenden Frauen Verhütungsmethoden an, damals im Wesentlichen Kondome, Coitus Interruptus und Rhythmus. 1969 betrug die Quote in ländlichen Gebieten erst 22 %. 1978 war die Verteilung über städtische und ländliche Gebiete sowie über unterschiedliche Bildungsgrade gleichmäßig. 1999 nutzten 80 % aller Frauen moderne Verhütungsmittel, und 92 % hatten sie in der Vergangenheit benutzt. Am häufigsten waren die Pille (26 %), weibliche Sterilisation (21 %) und Kondom (11 %).
Gut 70 % aller Verhütungsmittel wurden kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auch die Sterilisationen wurden überwiegend (95 %) von staatlichen Stellen durchgeführt, obwohl dies per Gesetz erst 1999 erlaubt wurde (7)

2001 wurde ein Gesetz erlassen, das die legale Vaterschaft auf die Aussage der Mutter hin festzulegen erlaubte. Dadurch fiel die Zahl der Kinder ohne erklärten Vater von 31 % (2000) auf 8 % (2002), und ein Abfall der Geburtenrate um etwa 10 % in diesem Zeitraum wird diesem Gesetz zugeschrieben (7)

Die Abtreibung ist verboten (Stand 2012). 2007 wurde die Zahl der illegalen Abtreibungen auf 27 000 geschätzt (5).


 

Quellenangaben und Anmerkungen
(1) Wikipedia, abgerufen 23.3.16
(2) UN World Populations Prospects, 2015
(3) FAO Stat, Version von 2014 (Food and Agricultural Organisation of the United Nations)
(4) FAO Stat, Version von 2014, Food Balance Sheets
(5) A. Weisman, "Countdown" (London: Little Brown Group, 2013)
(6) Vasektomie: Männliche Sterilisation durch Durchtrennen der Samenstränge
(7) M. Carranza, "A Brief Account of the History of Family Planning in Costa Rica", in "Demographic Transformations and Inequalities in Latin America: Historical Trends and Recent Patterns", ed. S. Cavenaghi (Rio de Janeiro: Latin American Population Association, 2009) S. 307-314
(8) IPPF: International Planned Parenthood Federation (Internationale Föderation für Familienplanung)
(9) USAID: United States Agency for International Development