Revolutionskaskade in der arabischen Welt: Besinnung auf die eigenen Kräfte - eine Momentaufnahme März 2011

 

Parallelrevolutionen - Novum in der Geschichte: Arabische Welt quo vadis?

 

Ende 2010 brachen in Tunesien Unruhen aus, die im Januar 2011 zum Rücktritt des Präsidenten Ben Ali führten. Diese Revolution, oder allgemeiner formuliert, dieses Auftreten einer regierungskritischen Massenbewegung, breitete sich innerhalb weniger Wochen im größeren Teil der arabischen Staaten im afrikanischen / nahöstlichen Raum aus.
Die Ausbreitung einer revolutionären Bewegung über Ländergrenzen hinweg mit dieser Geschwindigkeit hat es in der Geschichte noch nie gegeben.

Die folgende Tabelle zeigt Schlagzeilen im Zeitstrahl; der Rücktritt Ben Alis in Tunesien ist als Tag Null gesetzt.

Tag Quelle Schlagzeile Details erwähnte Länder
 17.12.10

 Wiki

 Revolution in Tunesien  Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers  Tunesien
 14.1.11
  =
Tag 0
   Rücktritt Ben Alis in Tunesien  ein Freitag  Tunesien
 Tag 2
 Stern 16.1.  Umsturz bringt Diktaturen ins Schwitzen    Libyen,
  Jemen,
  Ägypten
 Tag 4  WDR2 18.1.  Tunesien nach dem Umsturz in Aufbruchstimmung    Tunesien
 Tag 29  N24  Friedliche Revolution - Ägypten feiert Mubarak- Rücktritt und Neuanfang  wieder ein Freitag "Freitag des Zorns"  Ägypten
 Tag 35  FAZ 18.2.  Die Kinder der Facebook-Revolution  Internet als Kommunikationshilfe  
 Tag 36  FAZ 19.2.  Bei Trauerfeiern in Bahrein Proteste    Bahrein
     Neue Unruhen nach Beerdigungen in Libyen    Libyen
     Zusammenstöße im Jemen    Jemen
 Tag 37  FAZ  20.2.  Sturm über Arabien    Ägypten + 
 diverse
 Tag 38  FAZ 21.2.  Schreckensmeldungen aus der "Black Box"  Gaddafi lässt Proteste niederschießen  Libyen
 Tag 39  FAZ 22.2.  Erstmals Oppositionelle im ägyptischen Kabinett  unter Ministerpräsident Shafik  Ägypten
     Tote bei Protesten in Marokko    Marokko
     Salih: Demonstrationen sind inakzeptabel  jedoch Verhandlungsangebot; Waffeneinsatz
"nur zur Selbstverteidigung"
 Jemen
     Neuer Außenminister in Tunis    Tunesien
 Tag 40  FAZ 23.2.  Gaddafi: Ich kämpfe bis zum Ende gegen die Ratten  Hunderte von Toten  Libyen
 Tag 42  FAZ 25.2.  Lieber Wohltaten als Reformen    Saudi-
 Arabien
     Der Herrscher macht auf Facebook-Jugend    Syrien
     Zeltstadt der Unzufriedenen  Tausende Demonstranten auf Perlenplatz  Bahrein
Tag 43  FAZ 26.2.  Ein weiterer Freitag des Zorns  Versammlungen auf den Hauptplätzen  Irak, 
 Jordanien,
  Jemen,...
Tag 45  FAZ 28.2.  Neuer Regierungschef in Tunesien  Essebsi  Tunesien
Tag 46  FAZ 1.3.  Karrubi und Muuswi in Haft?  Oppositionsführer  Iran
     Ausschreitungen bei Demonstrationen  durch Niedriglohnarbeiter  Oman
Tag 49  FAZ 1.3.  Militär ersetzt Regierungschef  Sharaf ersetzt Shafiq  Ägypten
Tag 55  Fokus 10.3.  Verfassungsänderungen in Jemen und Marokko    Jemen,
 Marokko
Tag 57  FAZ 12.3.  Arabische Liga im Libyen-Spagat  Auseinandersetzung mit dem libyschen Bürgerkrieg  Libyen

 

Die untenstehende Karte zeigt die betroffenen Länder, wobei einige (Bahrein, Oman) noch nicht berücksichtigt sind. Praktisch die Gesamtheit der arabischen Staaten in dieser Region ist in irgendeiner Form beteiligt.


 

Welches sind die beobachteten Überraschungsmomente in dieser in solcher Form einmaligen und erstmaligen revolutionären Blitzkampagne?

 
  Siegestrunken in Kairo
Quelle: "Die Kinder der Facebook-Revolution", FAZ vom 18.2.11
   
  1. Die "arabische Welt", die im Mittelalter im Mittelmeerraum / Europa die führende kulturelle Rolle spielte, jedoch - aus westlicher Sicht - Fortschrittsprozesse wie die (christlich-)kirchliche Reformation im 16. Jht.sowie die geisteswissenschaftliche Aufklärung im 17. und 18. Jht. nicht in dieser Form vollzog, hat offenbar, trotz der verschiedenen Glaubensrichtungen, der verschiedenen Staatsformen und der erheblich unterschiedlichen Wohlstandsniveaus, eine starke innere kulturelle Kraft, die sich hier ihren Weg bahnte.
  2. Anleitungen zum gewaltlosen Widerstand existieren und werden genutzt.
    Als "geistiger Urheber" wird G. Sharp genannt, Professor in Boston, der 1993 das Buch "Von der Diktatur zur Demokratie" schrieb, einen praktischen Leitfaden des gewaltlosen Widerstandes, der in 33 Sprachen übersetzt wurde, auch ins Arabische.
    Zitat aus "Die Revolution war gut geplant", FAZ vom 18.2.11:
    "Das Wichtigste ist, dass die Ägypter sehr früh ihre Angst überwunden haben. Das ist eine erstaunliche Transformation für Leute, die jahrzehntelang unterdrückt worden sind. Es ist ihnen gelungen, ihre Proteste so gewaltfrei zu halten wie möglich, obwohl sich am Ende mehr als eine Million Menschen daran beteiligt haben. Das erfordert enorme Disziplin."
    Siehe auch "Der Demokrator", DIE ZEIT vom 3.3.11.
    Eine weitere prominente Persönlichkeit ist S. Popovic, Mitgründer der serbischen Oppositionsbewegung Otpor (1999), der heute in Belgrad im "Zentrum für angewandte gewaltlose Aktion und Strategien " ("Canvas") lehrt. Sein Buch "Gewaltloser Kampf - 50 entscheidende Punkte" sei in der arabischen Übersetzung bisher 20000 mal aus dem Internet heruntergeladen worden, siehe auch "Anleitung zum Tyrannensturz", FAZ vom 20.2.11.
  3. Über die neuen Kommunikationsmedien Handy und Internet, mit Facebook, Twitter, Blogs u.ä. (s. auch Zivilisation 2.0) war eine sehr schnelle Organisation von Massenauftritten (z. B. die der Versammlung auf Hauptplätzen) möglich, sowie eine ebenso schnelle Verbreitung von Informationen grenzübergreifend. Die Hemmschwelle des herrschenden Regimes, mit direkter Gewalt zu reagieren, wurde damit erhöht - auch wegen der hohen Wahrscheinlichkeit, dass durch diesselben Medien ebendiese Gewaltaktionen umgehend global bekannt würden. Dieser Mechanismus ist beschrieben in "Die Kinder der Facebook-Revolution" (FAZ vom 18.2.11).
    Auch öffentliche (Fernseh-)Auftritte konnten offenbar eine direkte Rolle in politischen Aktionen spielen. Am 29.2.11 trat der Ministerpräsident Shafiq nach einer Talkshow zurück. Zitat:" Den Ausschlag für den Rücktritt Shafiqs, den Mubarak am 29. Januar eingesetzt hatte, gab mutmaßlich ein Talkshow-Auftritt... In die Enge trieb er [Aswani, Vertreter der Demokratiebewegung] ihn mit der Kritik am Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten, von denen 365 getötet wurden. Der sichtlich überforderte Shafiq fiel in dem Duell aus der Rolle und disqualifizierte sich öffentlich für das Amt des Regierungschefs..."; siehe "Militär ersetzt Regierungschef", FAZ vom 4.3.11.

   

Die reale Politik hat die "Kinder der Facebook-Revolution", die übrigens mit einer deutlichen Nervosität von Chinas Machthabern beobachtet wurden, die unter anderem die Internetzensur verschärften (der Begriff "Jasmin" wurde gesperrt) und mehr als 100 Dissidenten unter Hausarrest stellten, längst eingeholt:
Mitte März 2011 reichte die Palette von Präsidentenwechseln, Gesetzesänderungen, Reformversprechungen über Militärinterventionen (Bahrein, dort wohl auch beeinflusst durch den Minderheitenstatus der Schiiten gegenüber den Sunniten) bis hin zum blutigen Bürgerkrieg (Libyen).
Doch unabhängig vom kurz- und mittelfristigen Ausgang der Veränderungen in jedem betroffenen Land haben die kollektiven, von großen Volksgruppen getragenen und von diesen im wesentlichen gewaltfrei demonstrierten Proteste bzw. Dialoge mit den Herrschenden sicherlich unwiderruflich eine Zäsur bewirkt - das Aufleben der kulturellen Kraft der arabischen Welt, in deren Augen und in den Augen der Weltöffentlichkeit.   

Nun folgt ein spekulativer Kommentar des Autors:
Aus der Perspektive der globalen Machtverteilung (siehe auch
"Ressourcen der Macht") haben Eroberungsbewegungen, die kulturelle Konfrontationen erzeugten, stets Gegenreaktionen hervorgerufen. Beispiele sind die Unabhängigkeitsbewegung Indiens gegen das Britische Empire im 19. und 20. Jht., der Kampf Chinas gegen den westlichen Kolonialismus Anfang des 20. Jhts. oder der Aufstand des Ostblocks gegen die Sowietunion gegen Ende des Kalten Krieges. Erfahrungsgemäß sind monopolistische Weltherrschaftssysteme wie z. B. das Mongolenreich im 13. Jht., das Britische Empire oder die Hegemonie der USA direkt nach dem Zusammenbruch der Sowietunion, aus systematischen Gründen weniger gerecht (bezüglich der Gleichverteilung von Rechten und Wohlstand) als Systeme, bei denen die Weltmacht auf mehrere Akteure verteilt ist.
Das Erstarken von China (das den Kapitalismusangriff erfolgreich mit dessen eigenen Mitteln pariert hat), der restlichen BRIC-Staaten (Brasilien, Indien, in schwächerem Maß Russland), der pazifisch-asiatischen Region ist insofern als Fortschritt zu bezeichnen.
Sollte es der Arabischen Welt gelingen, als kulturell eigenständige Einheit aufzutreten und mit den weiteren globalen Akteuren auf Augenhöhe umzugehen, souverän und entfernt von den (westlichen) Klischees des Extremismus, wäre dies nach Meinung des Autors von allseitigem Nutzen für die weltweite Stabilität und Prosperität.
Um den Bogen im Rahmen der "globalen Allmende" noch weiter zu spannen: Europa ist mittelfristig auf die Solarausbeute der Sahararegion dringend angewiesen, um globale Klimaziele erreichen zu können (und z. B. die Elektrifizierung des Individualverkehrs auf eine tragfähige Basis zu stellen), insbesondere und verstärkt nach den jüngsten Ereignissen in Japan (Erdbeben der Stufe 9 der Richterskala mit folgenden Kernschmelzen in Atomreaktoren, was die von vielen als "Übergangslösung" bezeichnete Nuklearenergie in ihrer künftig weltweit erbrachten elektrischen Leistung deutlich reduzieren dürfte). 
Dies ist ein weiterer Grund, die arabische Entwicklung mit aktiver Unterstützung, soweit möglich, zu begleiten - zum Nutzen Europas und der Weltgemeinschaft, die kollektiv genügend Probleme zu lösen hat. 


März 2011



Drei Jahre später: Wo steht die Region?
"Tunesien feiert seine neue Verfassung"
(FAZ vom 28.1.14), und ist damit "einen großen Schritt auf dem Weg zur Demokratie vorangekommen." "Der Einigung waren zähe Verhandlungen und eine lange Führungskrise vorausgegangen." "Der Islam wird, anders als in der Region üblich, nicht als Quelle der Gesetzgebung genannt. Ferner sind Glaubens-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben."
Yadh Ben Achour, Jurist und Präsident der Kommission für die Verfassungsreform: "...Tunesien ist dabei etwas zu erreichen, das noch wichtiger ist als die Verfassung: nämlich eien politischen Übergang, ohne dass der öffentliche Frieden gebrochen wurde. Ohne Putsch, ohne Bürgerkrieg, ohne polarisierende Konflikte."
(FAZ vom 28.1.14, "Einigkeit für Recht und Freiheit")
Auf der anderen Seite steht der "Arabische Winter"
(FAZ vom 28.1.14): Libyen "droht... zu zerfallen." In Ägypten hat "das Militär uneingeschränkt das Sagen." In Syrien herrscht blutiger Bürgerkrieg. Libanon ist "vollends in den Strudel des syrischen Krieges geraten". Im Irak ist "der Terror... in das Zweistromland zurückgekehrt, dessen Teile auseinanderstreben."
Der FAZ-Kommentator rät den Europäern, an ihre eigene Geschichte zu denken; auch ihre Glaubenskriege wären grausam gewesen und hätten lange gedauert; der Weg zur Demokratie wäre "nicht nur mit Girlanden geschmückt" gewesen.

Februar 2014