Werkzeugkasten für den Erhalt der madagassischen Biodiversität                        zum Video: Madagaskar - Schatztruhe der Evolution
                                                                                                                                                                           Madagascar - Treasure Chest of Evolution

 

Bewahrung

Das Thema des Raubbaues an den Natur-Ressourcen Madagaskars fällt hier wie anderswo unter die Rubrik "Neubewertung von Ökosystemdienstleistungen" (s. Wirtschaftliche Umsetzung veränderter Ökosystembewertungen).
Die Treiber für die Übernutzung sind die Kombination aus Anzahl der Menschen / deren Nahrungsbedürfnisse / deren wirtschaftliche Bedürfnisse sowie aus kommerziellen Aktivitäten Dritter.


Inhaltliche Ebene


Für die ersten drei Faktoren wurde im Rahmen einer breit angelegten Studie zu Ursachen und Folgen von "tavy" ein "Brandrodungsfeldbau-Reduktionspaket" vorgeschlagen (2):

  • Intensivierung der Grundnahrungsmittel-Landwirtschaft, durch Düngung mit Gülle und Kompost [für Trockenreis wurde eine Verdoppelung der Ernte auf 3,3 t/ha demonstriert (3)], Einsatz ergiebigerer Sorten, optimierte Rotation von Kulturen.
  • Rückgewinnung unproduktiven Landes durch Relief- und Wasserführungsmanagement, Bodenerhalt und -Verbesserung durch Anpflanzen von Leguminosen, Gehölzen entlang Konturlinien u. ä.
  • Optimierung des (vorhandenen) tropischen "Heimgarten"-Systems. Darunter wird eine Kombination von Nutzbäumen mit darunterliegendem Nutzgarten verstanden. Infrage kommen z. B. Banane, Kaffee, Zimt für den Verkauf, Obstbäume wie Brotfrucht, Jackfrucht oder Mango für den Eigenverbrauch, Edelholzbäume wie Palisander oder Ebenholz, darunter schattentolerante Pflanzen wie Ingwer oder Taro.
  • Statt der Urwaldvernichtung eine Forstwirtschaft, d. h. eine nachhaltige Entnahme von Produkten, wie Holz, Medizinalpflanzen, Orchideen, Chamäleons, Schmetterlingen mit einer Vermarktung, die faire Erlöse in der Erzeugerregion belässt.
  • Klärung von Landbesitzverhältnissen und dauerhafte Überschreibung von Land an die Dorfgemeinden. Dadurch wird der Anreiz erhöht, dass die Gemeinden "ihr eigenes" Land besser schützen.
  • Ein Paket aus Bildung (beginnend mit Lese- und Schreibfähigkeit der Erwachsenen), Gesundheitsverbesserung und Familienplanung. Alle anderen Maßnahmen verpuffen langfristig, wenn das Bevölkerungswachstum nicht gebremst werden kann.
  • Verbesserung der Gebietskontrollen, auch gegen Externe (z. B. gegen illegale Holzfällung), in einem motivierenden Mix aus staatlicher (Fremd-) und kommunaler (Selbst-)Kontrolle. 
  • Erstellen eines langfristigen lokalen Landnutzungsplanes, der vorzugsweise von der Dorfgemeinde selbst erarbeitet und verantwortet wird.
  • Lokale Öffentlichkeitsarbeit: Externe und lokale Fachexperten zeigen konkrete Beispiele guter und schlechter Landnutzung, um das Thema im kommunalen Bewußtsein in den Vordergrund zu bringen.
 
  Eukalyptusplantage zur Holzkohlegewinnung (2014)
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Holzkohle kann nachhaltig hergestellt werden, durch Anpflanzung und Betrieb z. B. von Eukalyptusplantagen. Rechts ein Beispiel aus dem Nordosten Madagaskars.

Für die Aufforstung verlorener Flächen in der Nachbarschaft zu Urwald fand man heraus, dass es nicht erforderlich ist, alle gewünschten Spezies nachzupflanzen. Es genügt, einige Lemuren als Hauptnahrung dienende Baumarten (aus einer Liste von etwa 50) zu setzen. Diese verbreiten - als möglicherweise wichtigste Tiergruppe - durch Nahrungsaufnahme der Früchte und deren Ausscheidung viele andere Baumarten. Das Konzept wurde in Masoala erfolgreich getestet (4).

 
x             Station Daraina (2014)
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Im tropischen und in vielen Regionen monatelang sonnigen Madagaskar bietet sich die Nutzung solarer Energie an. In Öko-Lodges ist der Diesel bereits häufig durch Photovoltaik- und Solarthermieanlagen ergänzt oder ersetzt. So können Kosten und Ressourcen eingespart werden. Die Heizausbeute von Holzkohle wird durch einfache Eisenkochgestelle im Vergleich mit dem Kochen auf Steinen verbessert. Rechts die Station Daraina (mit Photovoltaikanlage), die mit internationaler Hilfe eingerichtet wurde, um ein bis heute noch nicht staatlich geschütztes Gebiet, eine Trockenwaldregion bei Daraina im Nordosten Madagaskars - einzige Heimat des lokal endemischen Goldkronensifaka (Propithecus tattersalli) - erhalten zu helfen und auch in den Fokus des Tourismus zu rücken.


Gesellschaftliche Ebene


Lokale Religion und Überlieferung können unterschiedliche Einflüsse haben. So ist einerseits "tavy", der Brandrodungsfeldbau, in der Tradition teilweise fest verwurzelt, andererseits können Tabus ("fady"), häufig in Zusammenhang mit dem Glauben an die Macht der Ahnen, bestimmte Flächen schützen, so z. B. durch Betretungs- oder Nutzungsverbote für heilige Wälder - Wohnstatt der Vorfahren - oder die Umgebung von Grabstätten.

Eine Studie (5) verglich zwei einzelstehende Waldgebiete im Südwesten Madagaskars, deren eines (Gemeinde A) im Bestand relativ stabil ist, während das andere (Gemeinde B) dem ständigen Raubbau unterliegt. Die Autoren finden folgende Unterschiede:

  • Homogenität der nutzenden Dorfgemeinschaft: Im Fall (B) führte ein signifikanter Anteil an Immigranten aus anderen Stämmen zu Dissens innerhalb der Dorfgemeinschaft über die Nutzung; gemeinsame Regeln wurden nicht anerkannt.
  • Die erfolgreichere Gemeinde (A) hatte fast ausschließlich tradtionelle kommunale Regeln. Diese bestanden aus einer Mischung von Geboten, Erlaubnissen und Verboten, wobei die Sanktionen religiöser Art waren (z. B. "Du darfst keine großen Bäume im Gebiet x fällen, sonst verfluchen dich deine Vorfahren"). Die staatlichen Regeln (z. B. Genehmigung für Baumfällung) waren inhaltlich im wesentlichen kompatibel.
    Die weniger erfolgreiche Gemeinde (B) hatte kommunal fast nur Ge- und Verbote, und die - größere Anzahl - staatlicher Regeln passte nicht dazu. Beide wurden mangelhaft eingehalten.
  • Kontrolle und Sanktionen: In Gemeinde (B) hätte die aus dem Ruder laufende Situation eine stärkere Kontrolle erfordert. Staatliche Kontrolle war jedoch zu schwach und ineffektiv, und die Kommune selbst war gespalten (s. o.). Im Rahmen des Projektes wurden einige Zeit vom WWF (Worldwide Fund for Nature) als externer Agent Kontrollen durchgeführt. Entsprechende Anzeigen wurden jedoch regelmäßig durch Bestechung niedergeschlagen.

Die Studie kam zu dem Schluss, dass die Findung der Nutzungsregeln zwischen Staat und Gemeinde, die Identifikation der Nutzergruppe mit diesen Regeln und die Sicherstellung einer wirksamen Überprüfung und Sanktionierung die wesentliche Herausforderung für die Veränderung von Verhaltensmustern sei.
Wir befinden uns hierbei auf den Gebieten "Soziales Dilemma" und "Problem der Allmende", die die Wirtschaftsnobelpreisträgerin E. Ostrom im Detail bearbeitet hat. Siehe Institutionen (und dort benachbarte Seiten).

Der WWF führt in Madagaskar Waldschutzprojekte innerhalb und außerhalb von Schutzgebieten durch. 2003 waren von letzteren sechs Projekte aktiv, darunter eines am Marojejy-Nationalpark. Dabei wurde vor allem auf teilnehmendes Management, d. h. auf die Verlagerung von Verantwortung auf die lokale Ebene, abgezielt. Kontrakte zwischen Staat und Gemeinde(n) bezüglich permanenter Boden-Nutzungsrechte wurden angeregt. Außerdem wurde stets auf die kurzfristigen wirtschaftlichen Folgen von Vorschlägen oder Maßnahmen geachtet, um mit dem bestehenden System des Brandrodungsfeldbaus konkurrieren zu können. Dies beinhaltete die Förderung des Tourismus durch Aufbau einer Infrastruktur innerhalb des Nationalparks (Wege, Übernachtungsmöglichkeiten, Ausbildung von Führern) und Vorschläge zur geregelten Forstwirtschaft in der direkten Umgebung des Nationalparks (Fällung von Nutzholz im 60-Jahres-Rhythmus). Innerhalb der Dorfgemeinschaften wurde geschult (z. B. Forstwirtschaft, Betriebswirtschaft, Recht) (6)


Internationale Ebene


Da das Anliegen, Madagaskars Biodiversität zu erhalten, ein globales ist, ist es natürlich auch Sache der "Weltgemeinschaft", sich dafür zu engagieren.

Die Vereinten Nationen (UN) bearbeiten die Themen "Klima" und "Biodiversität". Das Programm "REDD" (deutsch: Reduzierung der Emissionen durch Entwaldung und Waldentwertung) und sein Nachfolger "REDD+", der noch verhandelt wird, versuchen einen Markt für den Walderhalt zu schaffen, analog den europäischen CO2-Zertifikaten. D. h. Geberländer (Holzverbraucher, CO2-Erzeuger) zahlen für Wiederaufforstung in Nehmerländern (Waldregionen, CO2-Speicher). S. Wirtschaftliche Umsetzung veränderter Ökosystembewertungen, Absatz 1. 

Es gibt internationale Konventionen wie das Artenschutzabkommen (1973) oder die Biodiversitätskonvention (1993), die nicht von allen Staaten / wirtschaftlichen Akteuren eingehalten werden. Die Staatengemeinschaft muss sich gegenseitig kontrollieren und die multilaterale Politik entsprechend den identifizierten Werten ausrichten.
 
Das Konsumverhalten ist anzupassen. So werden beispielsweise nicht alle Wildtiere aus Madagaskar nach den Regeln des Artenschutzabkommens (das Madagaskar unterzeichnet hat) exportiert. Die größten Importeure von Reptilien waren 1997 die USA, Deutschland und die Niederlande (95 000 / 39 000 / 20 000 Tiere) (7).

Ökotourismus ist ein nicht zu unterschätzender Baustein für den Erhalt naturnaher Gebiete, da er vor Ort einen relativ hohen Verdienst erzeugt (für Führer, Fahrer, Träger, Restaurations- und Unterkunftsbetriebe), der direkt mit dem Erhaltungszustand im Sinne einer touristischen Sehenswürdigkeit korreliert ist. Ein Führer, der die entsprechenden Schlüsselspezies (Lemuren, Chamäleons u. ä.) findet und zeigen kann, sowie mindestens eine Fremdsprache hinreichend beherrscht, kann an einem halben Tag einen Betrag einnehmen, für den ein durchschnittlich Verdienender drei Wochen arbeiten muss.


Keine Science-Fiction Idee


Madagaskars Ökosysteme sind neben der Störung durch den Menschen und invasive Arten auch durch das Fehlen der ausgestorbenen Arten verändert. Dies wird vor allem für das Beweidungssystem wissenschaftlich diskutiert: Die großen Gras- und Pflanzenfresser wie Riesenlemuren, Riesenschildkröten, Elefantenvögel und Zwergflusspferd sind weggefallen (und ersetzt durch Zebus, Ziegen und Schweine). Es wurde vorgeschlagen, testhalber einen "Holozän-Park" (Holozän ist die geologische Nacheiszeit-Zeitspanne vor 11 000 Jahren bis heute) in einer bereits degradierten Landschaft einzurichten, in dem Seychellen-Riesenschildkröten, afrikanische Flusspferde und Strauße ausgesetzt werden, um zu beobachten, ob dadurch eine natürliche Regeneration unterstützt würde. Gleichzeitig wäre dies eine Touristenattraktion und damit Einnahmequelle (8)

 



Quellenangaben und Anmerkungen
(1) S. M. Goodman et al. Ed., "The Natural History of Madagascar" (Chicago: The University of Chicago Press, 2003)
(2) T. Erdmann, "The Dilemma of Reducing Shifting Cultivation", in (1)
(3) P. Kistler et al., "Comparing Agricultural Systems in Two Areas of Madagascar", in (1)
(4) L. Holloway, "Ecosystem Restoration and Rehabilitation in Madagaskar", in (1) 
(5) N. Rabesahala Horning, "How Rules Affect Conservation Outcomes", in (1)
(6) T. Erdmann, "Selected Forest Management Initiatives and Issues with an Emphasis on the Cadre d'Appui Forestier Project", in (1)
(7) A. Raselimanana, "Trade in Reptiles and Amphibians", in (1)
(8) D. Burney, "Madagascar's Prehistoric Ecosystems", in (1)





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