Welche Akteure tummeln sich auf der Allmende "globales finanzwirtschaftliches System"?

 

Akteure
 

Was den schon bekannten Schafzüchtern die Gemeindewiese, die Allmende ist, aus der sich der Einzelne zu seinem Vorteil bedienen kann, deren Überlastung oder Mißbrauch jedoch der Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit schadet, ist für die Realwirtschaft die Finanzierung.
Adam Smith, schottischer Moralphilosoph, der als Begründer der Volkswirtschaftslehre gilt, benutzte vor über 200 Jahren in seinem "Wealth of Nations" (1776) anlässlich der Einführung des Papiergeldes ein anderes Bild, das der Straße:
Zitat: "Das in einem Land zirkulierende Gold- und Silbergeld kann sehr gut mit einer Straße verglichen werden, die zwar das gesamte Futter und Getreide des Landes in Umlauf und auf den Markt bringt, aber selbst keine einzige Ladung davon produziert. (Papiergeld)...stellt eine Art Fuhrweg durch die Luft dar... Man muß allerdings zugeben, dass Handel und Gewerbefleiß des Landes, obwohl sie sich etwas steigern mögen, sozusagen auf den Dädalusflügeln des Papiergeldes nicht ebenso sicher schweben, wie sie auf dem festen Grund von Gold und Silber laufen. Neben den Unglücksfällen, denen sie durch die Ungeschicklichkeit der Lenker dieses Papiergeldes ausgesetzt sind, können sie noch von verschiedenen anderen betroffen werden, vor denen weder Klugheit noch Geschicklichkeit jener Lenker bewahren können."
Wer sind in dieser Allmende "Verkehrssystem für die Realwirtschaft" die Nutzer?
Wer waren die Gewinner und Verlierer, die Täter und die Opfer, als die Schlaglöchern aufzubrechen und die Dädalusflügel zu versagen begannen, um im Bild von Adam Smith zu bleiben?


Die Aufzählung folgt teilweise der Chronologie der Krise, siehe auch
"Vorteil" und "Nachteil" bezieht sich jeweils auf die Sicht des Akteurs, nicht auf die Sicht der Gemeinschaft:


Geschichte der Krise

1. Die Häuslebauer und Konsumenten in den USA, die die billigen Lockvogelhypothekenkredite
    aufnahmen
          Vorteil: Kurzfristig der Traum vom eigenen Haus
          Nachteil: Hausverlust und Überschuldung

2. Die Hypothekenbanken, die diese Lockvogelangebote machten
          Vorteil: Kurzfristig mehr Umsatz
          Nachteil: Abschreibung der Kredite, teilweise Pleite (teilweise Rettung durch Staat)

3. Die Regierung und die Notenbank, die dies förderten
          Vorteil: Kurzfristig Wirtschaftswachstum
          Nachteil: Wirtschaftskrise

4. Die Banken allgemein, die mit hohem Fremdkapital unsichere Geschäfte machten
          Vorteil: Umsatz und Gewinn
          Nachteil: Pleite / Rettung durch Staat / keiner (je nach Bank)

5. Die Ratingagenturen, die Subprime-Schulden mit Bestnoten bewerteten
          Vorteil: Umsatz (da von Schuldenemittenten bezahlt)
          Nachteil: Ansehen

6. Die Banken / Regierungen, die undurchsichtige Derivate erfanden / erlaubten
          Vorteil für die Bank: Umsatz
          Vorteil für die Regierung: Keiner erkennbar
          Nachteil für die Bank: Siehe (4)
          Nachteil für die Regierung: Wirtschaftskrise / Einnahmenverlust

7. Die Versicherer, die durch CDS (Credit Default Swap, Kreditausfallversicherung) trügerische
    Sicherheit in damit konstruierten Derivaten vermittelten
          Vorteil: Umsatz und Gewinn (solange es klappt)
          Nachteil: Keiner / Verlust oder Pleite möglich

8. Die verantwortlichen Banker, die hohe Boni kassierten
          Vorteil: Der Bonus
          Nachteil: Keiner (teilweise sogar Bonus im Schadens- oder Pleitefall)

9. Die Hedgefonds, die mit Fremdkapital spekulative Wetten riesigen Ausmaßes tätigten
          Vorteil: Gewinnmöglichkeit
          Nachteil: Keiner / Verlust- oder Pleitemöglichkeit

10. Die Finanzaufsicht / die Regierungen, die rechtliche Verstöße übersahen
          Vorteil: Keiner (wenn nicht Bestechlichkeit unterstellt wird)
          Nachteil: Keiner bekannt           Großbanken unter Betrugsverdacht

11. Die Konsumenten und Anleger, die dubiose Finanzprodukte zur Renditemaximierung kauften
          Vorteil: Höherer Gewinn
          Nachteil: Keiner / Verlust / Totalverlust je nach Produkt

Nachdem die Schafweide ausgedörrt, bzw. die Achsen in den Schlaglöchern zu brechen begannen bzw. Dädalus vom Himmel gefallen war, d. h. als die Krise auf die Realwirtschaft übergegriffen hatte, kamen einige neue "Schafhirten" hinzu:

12. Die Steuerzahler, die für die diversen Rettungsschirme bürgen
          Vorteil: Keiner
          Nachteil: Künftiger Wohlstandsverlust durch höhere Steuern

13. Die Unternehmen der Realwirtschaft, die eine Rezession durchleben
          Vorteil: Keiner
          Nachteil: Verluste / Pleiten

14. Die Arbeitnehmer der Realwirtschaft
          Vorteil: Keiner
          Nachteil: Lohnverlust / Arbeitsplatzverlust

15. Die Sparer, die für ihre Zukunft und die ihrer Kinder sorgen wollen
          Vorteil: Keiner
          Nachteil: Vermögensverlust durch Inflation, unsichere Zukunft

16. Die Regierungen / Staaten, die mit dem Finanzcrash und der Rezession konfrontiert werden
          Vorteil: Keiner
          Nachteil: Destabilisierung, soziale Unruhen, Risiko von Extremwahlen

Die Rolle einiger Akteure der ersten Gruppe veränderte sich im Ablauf der Finanz- und Wirtschaftskrise durch die staatlichen und internationalen Stützungsentscheidungen. Wenige Beispiele:

4. Die Banken, die mit hohem Fremdkapital unsichere Geschäfte machen
          Vorteil: Umsatz und Gewinn (wie bisher)
          Nachteil: Risiko hat sogar abgenommen, da es diverse Rettungsschirme gibt

9. Die Hedgefonds, die mit Fremdkapital spekulative Wetten riesigen Ausmaßes tätigen
          Vorteil: Gewinnmöglichkeit wie bisher
          Nachteil: Risiko hat abgenommen, da Finanzsystem ja gestützt wird

8. Die verantwortlichen Banker, die hohe Boni oder sonstige Zahlungen kassieren
          Vorteil: Der Bonus
          Nachteil: Keiner        Weiter wie bisher

Aus den obigen die Krisengewinnler, die aus den selbst erzeugten Schwankungen
weitere Wettgewinne ziehen
          Vorteil: Gewinn gesteigert = Motivation, sich weiter so zu verhalten
          Nachteil: Keiner

Das Verhaltender der auslösenden Akteure (Nr. 1-11) ist durch Gewinnsucht oder Fahrlässigkeit stets und unkompliziert zu erklären. Man erkennt unschwer, dass diese regelmäßig ihren Eigennutz zu optimieren suchten, wohingegen die "Opfergruppen" (Nr. 12-15) keine Einflussmöglichkeiten hatten.
Man erkennt auch, dass, in Bezug auf die Kopfzahl, einige "Tätergruppen" sehr kleine Minderheiten sind, wohingegen die "Opfergruppen" typischerweise große Mehrheiten darstellen.
Es lässt sich allerdings ebenso feststellen, dass zwischen beiden Gruppen teilweise erhebliche Überlappungen bestehen (Häuslebauer, Konsumenten, Anleger sind auch Arbeitnehmer, Steuerzahler und Vorsorger).

Zum Gesamtbild zusammengesetzt, führt dies zu den     Ursachen der Krise





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