Die Eroberung der Erde durch konkurrierende Kleingruppen von Homo sapiens selektionierte kognitive Verhaltensmuster

 

Darwins Erben: Religiosität und Entscheidungsfreiheit


 
Das Darwinsche Konzept der Evolution, dass der Mensch vom Vorfahren des Affen abstamme, hat die anthropozentrische Sichtweise genauso erschüttert wie zuvor das kopernikanische Weltbild, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums stehe, und später die Erkenntnisse der Neurobiologie, die das Gehirn als Ionenstrom-betriebene Datenverarbeitungsmaschine beschreiben.
Die Idee der Transzendenz, Basis aller Religionen, steht daher ebenso in kontroverser Diskussion wie die Idee der Gedanken- oder Entscheidungsfreiheit, an die sich Begriffe wie Moral oder Verantwortung anlehnen.
Kontrovers werden diese Diskussionen durch die Ausschließlichkeitsforderung eines jeweiligen Wahrheitsanspruchs.
Nun kann man die wissenschaftliche Denkweise statt als Generator von Wahrheiten  als Generator von Modellen verstehen, die einer ständigen systeminternen Falsikationskontrolle unterliegen.

Vor diesem Hintergrund soll nun die Evolution von Religiosität und von Entscheidungsfreiheit betrachtet werden.

Die Evolution der Religiosität
      (der folgende Abschnitt stellt weitgehend Inhalte aus E. Voland, 2010 (1) dar)
Der Soziobiologe E. Voland unterscheidet drei Aspekte religiöser Lebensvollzüge, nämlich die Naturgeschichte, die die Religionsfähigkeit des Menschen hervorgebracht hat, die Kulturgeschichte, die in Räumen und Zeiten unterschiedliche Religionen erzeugte, sowie die Individualgeschichte (Ontogenese) des einzelnen Menschen, die seine persönliche Ausprägung herbeiführt.
Für den ersten Aspekt, die genetische Entwicklung der Religionsfähigkeit, muss die Evolutionstheorie nach ihrem eigenen Anspruch plausibel machen, dass diese sich - ohne eine zielgerichtete Planungsinstanz - als "Fitness-verbessernd" durchgesetzt haben könnte.
Voland betrachtet nun einzelne Aspekte hinsichtlich ihrer "Evolutionsfähigkeit".
1. Kognition: Vierjährige Kinder haben, ungeachtet ihres kulturellen Hintergrundes, kognitive Strategien, die geeignet sind, spontan religiöse Überzeugungen zu produzieren. Sie denken dualistisch ("Mein Teddy hat Hunger"), sie denken finalistisch ("Es gibt Wolken, damit es regnet"), und sie unterstellen anderen Menschen ein einheitliches Allwissen. Diese kognitiven Strategien, die nicht erst besonders gelernt werden müssen, sondern als biologische Grundeinstellungen des menschlichen Verstandes die Welt interpretieren, bringen ganz spontan und anstrengungslos mentale Grundpfeiler religiöser Metaphysik hervor: Alleswisser, einen körperlosen Geist und eine Finalität. "So gesehen, besteht die intellektuelle Herausforderung für den Erwachsenen nicht darin, ein Glaubenssystem zu übernehmen - dies geschieht im Regelfall spontan und anstrengungslos - sondern darin, sich dem als Rationalist zu widersetzen."
Das menschliche Gehirn setzt Wahrnehmungen automatisch zu Geschichten zusammen, und füllt dabei Lücken mit Kausalitäten und Verallgemeinerungen, es interpretiert. Dies nun ist als direkter  evolutionärer Vorteil zu erkennen, denn wer ein Rascheln im Gebüsch erst einer sorgfältigen Ursachenanalyse unterzog, hatte Überlebensnachteile gegenüber demjenigen, der intuitiv ein Raubtier oder einen Feind unterstellte. Von hier ist es zum Animismus nur noch ein kleiner gedanklicher Schritt. "Der Säbelzahntiger weiß, dass ich hier stehe" und "Es raschelt, damit ich fliehen kann" zigmal umsonst gedacht war erfolgreicher als einmal zu oft stehenbleiben.
Diese kognitiven Strategien produzierten auch Ergebnisse wie die religiöse Metaphysik, sozusagen als Nebenprodukt, derentwegen sie nach heutigem Wissen nicht hätten evolviert werden können.
2. Spiritualität: Meditation, Ekstase, Glaube können neurophysiologische Prozesse auslösen, die nachweislich mit Vorteilen für Wohlbefinden und Gesundheit einhergehen. Der Placeboeffekt ist hierfür ein bekanntes Beispiel. Schmerz- und Angstempfinden kann zurückgedrängt werden, Krankheiten, darunter Depressionen, werden durch eine "positive Sinnzuweisung" beeinflusst. Auch dieser Effekt, nämlich die Beeinflussung von Körperfunktionen durch bewußte Aktivitäten des Gehirns, ist im Darwinschen Sinn "fitnessfähig", da ein verbesserter Körperzustand direkte Überlebensvorteile bietet.
3. Soziale Bindung: Die evolutionäre Erklärung der Entwicklung des menschlichen Geistes muss grob gesprochen zwei Millionen Jahre Homo erectus, 500 000 Jahre Neandertaler und 100 000 Jahre Homo sapiens abbilden, eine Zeit, in der die Hirnmasse von  900 auf 1400 Gramm stieg. (Siehe auch Wir Hordeneroberer). Soziobiologen interpretieren diese Zeit als "Geschichte einer praktisch ständigen Konkurrenz zwischen autonomen Substistenzgruppen um ökologische Lebensvorteile" (2). Insbesondere für Homo sapiens, der sich innerhalb 80 000 Jahren auf der gesamten Erde verbreitete, muss ein ausgesprochen hoher Bevölkerungsdruck geherrscht haben, ausgelöst durch seine hohe Vermehrungsrate. Nachdem durch die Beherrschung des Feuers und die Entwicklung von Werkzeug- und Waffentechnik Prädatoren und Methodik der Nahrungsbeschaffung als limitierende Faktoren zurückgetreten waren, wurde die Durchsetzung gegen Nachbargruppen selektionsrelevant. Dies förderte große und wehrhafte Gruppen, sowie Mechanismen des Gruppenzusammenhaltes, mit deren Hilfe die spontane Egozentrik der Menschen zugunsten kollektivistischer Einstellungen und Strategien überwunden werden konnte. Rituale, man denke in der heutigen Zeit an Sport, Militär, Paraden, Musik und Tanz, spielen hierbei eine gruppensynchronisierende Rolle. Ebenso ist die Schaffung eines Wir-Gefühls, durch gemeinsame Tradition oder Mythen, vorteilgebend in Bezug auf die Abgrenzung von der konkurrierenden Gruppe. Religiöse Rituale und Schöpfungsmythen können auch hier wieder als Ausprägung fitnessrelevanter genetisch evolvierter Prädispositionen verstanden werden.
4. "Schwarzfahrerproblem": Soziale Gruppen, sei es eine Homo-Horde der Altsteinzeit oder eine religiöse Gemeinschaft, sind prinzipiell gefährdet durch egoistische Mitglieder, die am Nutzen partizipieren, aber keinen eigenen Aufwand treiben möchten. Anthropologische Befunde sagen, dass öffentlich wahrnehmbare "teure Signale", wie Nahrungstabus oder Verhaltensvorschriften, die Kohärenz einer Gruppe, und damit ihre Überlebensfähigkeit, fördern. Man hat überlegt, ob die zusätzliche Internalisierung der Kontrolle in Form des Gewissens als eine adaptive Antwort auf das Schwarzfahrerproblem evolviert sein könnte. Kulturvergleichende Studien belegen, dass der Glaube an strafende Götter mit der Gruppengröße und deren sozialer Komplexität zunimmt. In überschaubaren Substistenzgruppen haben Götter, Ahnen und Geister vorrangig andere Aufgaben als die Strafandrohung bei Normenübertretung.

Es sei darauf hingewiesen, dass die dargestellte Art der Religionsbetrachtung über den Wahrheitsgehalt von geistigen Inhalten überhaupt nichts aussagt, oder präziser, den Begriff der Wahrheit für ihre Argumentation nicht benötigt.

Die Evolution der Entscheidungsfreiheit
Die Diskussion um diesen Begriff ist vielschichtig. Er mag im Gegensatz stehen zur These des Determinismus, dass alle Ereignisse der Zukunft durch genaue Kenntnis der Gegenwart vorherbestimmbar seien - eine These, die auf dem mechanistischen Weltbild aufbaute, und gegen die heute häufig die Quantentheorie ins Feld geführt wird - oder er mag sich mit der Bewußtheit der Entscheidung auseinandersetzen.
Beispiele für den phänomenologisch orientierten Laien: Hat ein Würfel die Freiheit, auf welche Seite er fällt? Hat ein Eichhörnchen die Freiheit, wo es seine Nuss vergräbt? Hat ein Mensch die Freiheit, wo er morgen zu Mittag ißt?
Im Kontext des vorliegenden Artikels soll versucht werden, das kognitive Konzept der menschlichen Entscheidungsfreiheit auf seine evolutionsbiologische Erklärbarkeit hin zu betrachten.
Die Erkenntnisse der Neurobiologie, die Hirnprozesse als Stromimpulse in verschalteten Neuronen identifizieren oder die die Abhängigkeit des Bewußtseins von unbewußten Funktionen (z. B. Triebe, Instinkte, Prägungen) zeigen (siehe auch Somatische Marker), werden als Argument gegen Entscheidungsfreiheit benutzt. Bekannt ist das Experiment von B. Libet (3), in dem er Probanden "nach freier Zeitwahl" die Hand bewegen ließ, und Motorkortex-Ströme, den vom Probanden angegebenen Zeitpunkt der Entscheidung sowie die Muskelbewegung zeitlich verglich. Die die Bewegung vorbereitenden Hirnströme lagen um ca. 300 Millisekunden vor der Selbstwahrnehmung der bewußten Entscheidung.
Der Biologe B. Verbeek (4) weist im Gegensatz darauf hin, dass es im neurobiologischen Kontext trivial sei, dass psychische Prozesse auf körperlichen Gegebenheiten beruhten: "Der Geist braucht Gehirn - Das Gehirn braucht Gene". Auch das Libet-Experiment würde nur zeigen, dass eine bewußte Entscheidung einer gewissen Vorbereitungszeit bedürfe - was anders hätte man erwartet? "Ein Parlamentsbeschluss kann auch nicht gefasst sein, bevor debattiert und abgestimmt wurde."
Die menschliche Gehirngröße und Verschaltung erlaubt es, Zukunftsszenarien zu entwickeln, Handlungsfolgen abzuschätzen und Handlungsalternativen vergleichend zu bewerten. Die Fitness-Relevanz ist naheliegend. Eine altsteinzeitliche Homo-Gruppe, die die kognitive Strategie der Planung und Entscheidung benutzt, bevor sie in kriegerischer Absicht ins Nachbarterritorium eindringt, ist ebenso in Vorteil wie ein Fussballtrainer mit seinem Team, der die Spieltaktik gegen den nächsten Gegner entwirft, statt alles so zu machen wie bisher. Die Prädisposition für ausgeprägtere Szenarienbildung mit Entscheidungsfolge könnte die Entwicklung der Kultur, im Sinne weitergegebener Tradition, beschleunigt haben, unter Einschluss selektionsrelevanten Wissens wie Feuerkontrolle, Waffen- oder Kleiderherstellung, Nahrungsbeschaffung, sozialer Ordnung.

Man beachte, dass es - ebenso wie im Abschnitt über die Religiosität - für die Argumentation irrelevant ist, ob eine "wahre" Entscheidungsfreiheit existiert.
   
  

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sowohl die Religionsfähigkeit des Menschen als auch sein Bewußtsein mit den Bausteinen der Zukunftsszenarienbildung und Entscheidungsabwägung in den  Rahmen der biologischen Evolutionstheorie passt; beiden Fähigkeitskomplexen lassen sich im Kontext der Subsistenzgruppenkonkurrenz während der Ausbreitung von Homo sapiens (und ggf. Homo erectus) direkte selektive Vorteile zuordnen.

Die biologische (genetische) Evolutionstheorie enthält als eine ihrer Kernaussagen, dass sie ungerichtet verläuft, d. h. nach statistischen Prozessen. Erst wird gewürfelt (Mutation), dann wird das Ergebnis abgelesen (Selektion). Nun hat eben diese Evolution das kognitive Werkzeug der Zukunftsevaluation hervorgebracht. Bedeutet dies, erstmalig eine Richtung geben zu können? Können sich Individuen und Kulturen, als Träger geistiger Inhalte, nun im Gegensatz zu den Genen geplant entwickeln?
Vor der Planung steht das Ziel, man sollte also eigentlich nach der Freiheit der Zielsetzung fragen.

Eine Antwort darauf scheint nicht trivial, denn der Ziele (Präferenzen, Wünsche) gibt es unterschiedliche, und bekanntermaßen laufen auch Entscheidungen für Präferenzen auf der Basis unbewußter und vorgeprägter Rahmenbedingungen ab. So entscheidet sich angesichts einer Zigarettenpackung mit dem Aufdruck "Rauchen kann tödlich sein" der eine für, der andere gegen deren Konsum. Kulturen frönen weiterhin der Kriegführung und Ausbeutung (ein darwinistisches Erbe!), haben den Ackerbau oder die Atombombe erfunden (Fitness-Vorteile!), zerstören für heutige Vorteile nachhaltig ihre globalen biologischen Ressourcen (kurzfristige Optimierung: Streng nach Darwin!) und machen trotz vollen Bewußtseins geophysikalische Experimente mit dem Klima, deren Nachteile sie sehen.

Ein außerirdischer Besucher, der sich im Zeitraffer die letzten 100 000 Jahre Erdgeschichte betrachten würde, käme nicht unbedingt zu dem Schluss, dass sich in den Ablaufmechanismen der Evolution bisher Bemerkenswertes geändert hätte.
Darwin könnte in diesem Sinne wahrscheinlich sagen: Ob sich Kulturen des Krieges oder des Friedens, der Ressourcenzerstörung oder der Ressourcenbewahrung, "Schwarzfahrer"-reiche oder -arme Gesellschaften durchsetzen, wird man hinterher sehen - wenn der Prozess der Selektion entschieden hat.




Literatur
(1) E. Voland, "Die Evolution der Religiosität", in J. Oehler, ed., "Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur" (Heidelberg: Springer 2010)
(2) R. Alexander, "The Biology of Moral Systems" (Hawthornne: De Gruyter 1987)
(3) B. Libet, "Time of conscious intention to act in relation to onset of cerebral activity (readiness-potential). The unconscious initiation of a freely volunatry act." Brain 106 (3): 623-632 (1983)
(4) B. Verbeek, "Der Geist ist ein Naturprodukt - Macht das unfrei und verantwortungslos?", in J. Oehler, ed., "Der Mensch - Evolution, Natur und Kultur" (Heidelberg: Springer 2010)

2013