KI - was macht sie mit dem menschlichen "Ich"?
KI - Update 2026
August 2026
Die Einführung sozialer Medien wurde schon als "Industrielle Revolution 2.0" bezeichnet. Der Entwicklung von KI könnte man den Begriff "Industrielle Revolution 3.0" zuordnen: Eine disruptive Technologieänderung (wie Dampfmaschine, elektrischer Strom und Automobil), jedoch zusätzlich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit.
Insofern kann der "Ausblick" (vorherige Seite, von 2025) bereits mit einigen Fakten ausgefüllt werden:
- Eine gute Handvoll der bedeutendsten Firmen, vor allem in USA und China, wollen in den kommenden Jahren jeweils hunderte Milliarden Dollar in den Bau gigantischer Rechenzentren investieren. Diese "Hyperscaler" benötigen jeweils um ein Gigawatt Strom - vergleichbar mit einem Atomkraftwerk, für Betrieb und Kühlung.
- Dadurch wird der Klimawandel beschleunigt; je nach Prognose würde bis 2030 allein das Wachstum der IT-Branche etwa den Klimagasausstoß des heutigen Flugverkehrs (rund 3 % der globalen Klimagase) erreichen, rund eine Verdoppelung gegen heute.
- KI-Programme sind heute besser und schneller als Menschen im Erkennen von Programmlücken, die ein Hacken ermöglichen - eine Gefährdung in den falschen Händen.
- KI-Programme sind mehrfach aus ihrer Entwicklungsumgebung "ausgebrochen" und haben ohne Auftrag agiert.
- Der wirtschaftliche Nutzen in Form von Arbeitserleichterung ist bereits erheblich: Seit 2024 stieg in den USA die Arbeitsproduktivität der Branchen Finanz / IT / wissenschaftliche und technische Dienstleistungen um 3,7 % gegenüber der restlichen Wirtschaft mit nur 1,7 %. Vergleichbare Effekte wurden, je nach Nutzungsgrad, auch in der EU nachgewiesen (1).
- KI verändert die Kriegführung - sie hat also eindeutig Charakteristika einer Waffe, wie die Kernspaltung.
- unbelegte Vermutung: Das Generieren von Werbeeinnahmen, das Süchtigmachen von Konsumenten sozialer Medien sowie die Manipulation von Gesellschaften (wie Wahlbeeinflussung) wird durch KI erleichtert bzw. verstärkt.
- KI bietet viele Nutzungsmöglichkeiten, wie Datensuche und Textformulierung, für den Privatnutzer. Dies führt, wenn unreflektiert benutzt, zu einer persönlichen Entmündigung, konkreter, es wird Gehirnpotenzial abgebaut. Dies beschreibt zumindest der Ethikprofessor Mahayni (2) in einem Interview, das unten leicht gekürzt wiedergegeben ist.
Für den Diagonalleser sind plakative Passagen hervorgehoben.
"KI stellt den Sinn von Bildung grundsätzlich in Frage" (3)
Herr Mahayni, wozu sollte man noch lernen, wenn die Künstliche Intelligenz (KI) alles weiß?
Die Frage ist berechtigt. Es gab kürzlich an einer amerikanischen Universität einen Studenten, der sich einen KI-Agenten gebaut hat, mit dem Ziel, möglichst aufwandsarm sehr gute Noten zu bekommen, egal in welchem Fach. Er hat das Tool allen anderen Studenten zur Verfügung gestellt. Innerhalb von Sekunden gab es tausend Registrierungen. Jetzt droht ihm ein Ausschlussverfahren. Die eigentliche Frage ist aber: Wie kann es sein, dass sich ein komplettes Studium mit einem Bot absolvieren lässt? Irgendetwas an der Art und Weise, wie studiert wird, scheint nicht zu stimmen. Das Studium hat sich über lange Zeit immer stärker daraufhin ausgerichtet, Menschen für einen Arbeitsmarkt zuzurichten, mit starker Fokussierung auf Fachwissen und Verstandeskompetenzen. Das sind jedoch genau die Tätigkeiten, die von einer KI leicht übernommen werden können. Mir scheint, dass KI den Sinn von Bildung grundsätzlich infrage stellt: wozu sie da ist, was sie leisten soll und wie sie vermittelt werden soll.
Wofür ist Bildung dann eigentlich da?
Der Sinn von Bildung ist, die Chancen auf ein gutes, gelingendes Leben zu steigern, nicht nur einen Job zu sichern. Sie ist immer auch Charakterbildung und Selbstkultivierung, die Fähigkeit zu erlernen, selbständig und kritisch zu denken. Das ist im Kern das humboldtsche Bildungsideal, und es ist keineswegs veraltet. Genau diese Kompetenzen werden nachweislich durch starke KI-Nutzung untergraben. Zu lange ist Bildung zu einer reinen Formung von Arbeitskräften verkommen, die Verstandestätigkeit und Fachwissen fokussiert und Vernunftfähigkeit und Charakterbildung vernachlässigt hat. Darin liegt das Dilemma.
Worin liegen die Probleme in der KI-Nutzung?
Die KI-Nutzung führt, so wie sie in den meisten Fällen praktiziert wird, zum Abbau der Denkfähigkeiten. Das zeigen uns zahlreiche Studien. Wer einen Essay mit KI schreibt, nutzt dabei 50 Prozent weniger das eigene Gehirn als jemand, der ihn selbst verfasst. Das Ergebnis ist ferner viel weniger mit der Person verbunden, die es produziert hat. 83 Prozent derer, die einen Essay mit KI geschrieben haben, können Minuten danach keinen einzigen Satz mehr daraus zitieren. Sie wissen nicht, was sie abgegeben haben. Diese Gruppe empfindet folglich auch den geringsten Grad an Stolz und Befriedigung über die erbrachte Leistung. Die bedeutendste Erkenntnis aus diesen Studien ist aber eine andere: Als man die Gruppe, die durchgehend mit KI gearbeitet hatte, später bat, einen Essay ohne KI zu schreiben, stieg die Gehirnkonnektivität, vereinfacht gesagt, die Gehirnaktivität, nicht wieder auf das Ausgangsniveau. Sie blieb tief. Das ist ein starker Hinweis auf nachhaltige kognitive Schwächung. Man gewöhnt sich daran, nicht selbst denken zu müssen, und diese Gewohnheit scheint sich nicht einfach wieder abschütteln zu lassen.
Man lagert also das Denken an Maschinen aus?
Genau. Und das ist der entscheidende Unterschied von KI zu früheren Technologien. Ein Navigationssystem schwächt die räumliche Intelligenz, ein Smartphone das Zahlengedächtnis, der Taschenrechner das Kopfrechnen. Das sind belegbare Effekte, aber das sind Technologien mit engem Anwendungsbereich. KI hingegen ist eine Metatechnologie, deren Einsatzbereich praktisch keine Grenzen hat. KI untergräbt die Fähigkeit zum Denken per se, nicht in einem singulären Bereich, sondern in der Grundstruktur. Die Fähigkeit zum logischen, strukturierten Denken ist der Boden, auf dem sich menschliches Leben entfaltet. Man kann nicht sinnvoll dafür argumentieren, dass wir das nicht mehr brauchen. Im Gegenteil, der Umgang mit KI erfordert nicht weniger, sondern mehr selbständiges Denken. Und das zu erlernen, erfordert die Anstrengung des Selbermachens. Lernen bedeutet neurologisch betrachtet die Verankerung von Inhalten im Langzeitgedächtnis durch stabile Synapsenverbindungen. Je höher die Lernanstrengung, desto stabiler diese Verbindungen. Mit anderen Worten: ohne Anstrengung kein Lernen.
Durch den bequemen Einsatz von KI erzielen aber viele Schüler und Studenten bessere Noten.
Das ist der Kern des Problems. [...]
Und wenn Hochschulen diesen Kompetenzabbau auch noch mit besseren Noten honorieren, wird das Bildungssystem ad absurdum geführt. ...
Ein Bildungssystem, das dies incentiviert, betreibt mutwillige Fremdverdummung.
Was müsste sich ändern?
Auf der kurzfristigen Ebene wäre Aufklärung wichtig. So wie Universitäten zu Beginn eines Studiums wissenschaftliches Arbeiten vermitteln, müsste man heute genauso grundlegend erklären, was KI-Nutzung mit dem eigenen Denkvermögen macht. AI-Literacy bedeutet nicht nur zu wissen, wie man einen Prompt schreibt, sondern auch zu wissen, was der Umgang mit KI mit der eigenen Kompetenzentwicklung macht. Wann KI von nervigen Routinetätigkeiten entlastet und wann sie zu einer Selbstentmündigung in der Persönlichkeitsentwicklung führt. Es braucht außerdem KI-freie Räume: bewusst frei gehaltene Inseln für eigenständiges Denken, Begegnung, soziale und emotionale Kompetenz. Und es gibt einen KI-Nutzungsmodus, der nachweislich nicht zu Kompetenzabbau führt: den Tutor-Modus, in dem die KI keine Antworten liefert, sondern Rückfragen stellt, bis man selbst auf die Lösung kommt. [...]
Auf der langfristigen Ebene aber muss Bildung neu gedacht werden.
![]() |
||
| Quelle: (4) |
Was wird aus Fachkompetenzen am Arbeitsmarkt?
Sie werden an differenzierender Bedeutung verlieren. Nehmen Sie das Beispiel des Arztes. [...] Was macht ein Arzt also, wenn er die [bessere] KI-Diagnose und den [besseren] KI-Therapieplan nur noch dem Patienten übergibt? Dann ist er ein Briefträger. Immer mehr Jobs werden fachlich so weit ausgehöhlt, dass sie zu Briefträgerjobs werden.
Wie hebt sich der Mensch dann noch von der Maschine ab?
Wenn Fachkompetenz zu einer allgemein verfügbaren Massenware wird, weil alle auf dieselben Tools zugreifen, entsteht Mehrwert dort, wo KI nicht hinkommt: in der Qualität menschlicher Begegnung. Nehmen wir wieder den Arzt. Der Beruf wird nicht verschwinden, aber er wird sich verschieben. Die Diagnose, der Therapieplan, das übernimmt immer mehr die KI. Was bleibt, ist die Beziehung zum Patienten. Der Arzt, der einen schwierigen Befund nicht nur übermittelt, sondern empathisch begleitet, der aus einer medizinischen Transaktion einen menschlichen Prozess macht, stiftet Mehrwert gegenüber der Maschine. [...] [Dasselbe gilt] für den Lehrer, der nicht Fakten überträgt, sondern eine Verbindung und einen Raum für Wachstum herstellt.
Was würden Sie jungen Menschen, die ins Berufsleben eintreten, raten?
Welche Fähigkeiten in fünf oder zehn Jahren gefragt sein werden, kann heute niemand seriös beantworten. Die Transformationsgeschwindigkeit ist so hoch, dass wir kaum wissen, was nächstes Jahr ist. Was man aber sagen kann: In einer Welt, die sich immer schneller verändert, ist Anschlussfähigkeit die eigentliche Schlüsselkompetenz. Also nicht, was man weiß, sondern wie schnell man Neues lernen kann. Und hier liegt der Wert von Allgemeinbildung. Gehirne von Menschen, die viel wissen, sind besonders stark vernetzt. Je vernetzter ein Gehirn, desto besser kann es neue Verbindungen ausbilden, wenn es auf unbekannte Herausforderungen trifft. [...] Genau diese Schlüsselkompetenz wird durch unreflektierte KI-Nutzung untergraben. Das ist das eigentliche Paradox. [...] Meine Empfehlung deshalb: Selbstentmündigungskompetenz entwickeln. Bewusst unterscheiden, wo KI entlastet und wo sie entmündigt. Orte schaffen, an denen man eigenständig denkt, Hürden überwindet, Selbstwirksamkeit erlebt.
Wo sehen Sie die Grenzen Künstlicher Intelligenz?
Wenn man versteht, was KI eigentlich ist, wird das klar. KI kann beeindruckend viel: Sie diagnostiziert Krankheiten, schreibt Texte, löst Matheaufgaben, entwickelt Therapiepläne. Aber sie tut das alles immer auf der Grundlage eines Ziels, das ihr von außen vorgegeben wird. Sie kann kein Ziel aus sich selbst heraus entwickeln, hat keine Intention, kein Anliegen, kein Problem, das sie lösen möchte. Die Philosophie hat dafür eine hilfreiche Unterscheidung, auf die Kant hingewiesen hat: den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft. Verstand ist zielerreichend: Ich habe ein Ziel, und der Verstand hilft mir, es so effizient wie möglich zu erreichen. Vernunft ist zielsetzend: Sie ist die Fähigkeit, innezuhalten und zu fragen, ob das Ziel überhaupt ein sinnvolles ist. KI ist die exponentielle Steigerung von Verstand ohne Vernunft. Die Frage, was wir wollen, was sinnvoll ist, bleibt eine zutiefst menschliche Aufgabe. Und je mehr wir technisch können, desto wichtiger wird genau diese Fähigkeit. Bildung im KI-Zeitalter muss stärker auf Vernunftkompetenz ausgerichtet werden: auf die Fähigkeit, das sinnvolle im Meer des Machbaren zu identifizieren.
Machen Ihnen die Entwicklungen rund um KI manchmal Angst?
Persönlich nicht. Gesellschaftlich betrachtet sehe ich schon Gründe zur Sorge. Da kommen einige Dinge zusammen. Digitale Revolution, die ökologische Krise, die Psychokrise, der Abbau von Demokratie, um nur einige Punkte zu nennen. Diese Dinge sind natürlich alle miteinander verbunden, was die Komplexität der Herausforderungen erheblich steigert. Es scheint, dass der Modus Operandi der Spätmoderne an seine Grenzen kommt. Zu düster sollte man aber auch nicht sehen. Wie der Dichter Hölderlin es auf den Punkt brachte: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Es gibt immer Grund zur Zuversicht.
Quellenangaben und Anmerkungen
(1) "Amerikas KI-Vorsprung liegt in der Nutzung", FAZ vom 17.8.26
(2) Ziad Mahayni, Professor für Angewandte Ethik an der Hochschule Karlsruhe, studierte Chemie und Philosophie in Darmstadt, mit Schleifen über Bordeaux und Boston (Harvard), beruflich war er u. a. auch Management Consultant und Dozent für Future-Design.
(3) "KI stellt den Sinn von Bildung grundsätzlich in Frage", FAZ vom 6.8.26
(4) aus: "Hinter dem KI-Angriff von Open AI steckte mehr", FAZ vom 17.8.26




