_________________________ Das Buch: "Dilemma - Warum wir unsere Ressourcen zerstören, obwohl wir es doch besser wissen"

_____________________________________ Zweite Auflage; G.Mair, Novum Verlag, 2023

10 Jahre nach der Klimakonferenz in Paris: 1,5-Grad-Ziel dramatisch verfehlt

 

Ziel verfehlt

Dezember 2025

 
  Emissions Gap Report 2025 (1)

2015 wurde auf der UN-Klimaschutzkonferenz in Paris (COP 21) das Ziel beschlossen, die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, und entsprechende Emissionsszenarien ausgearbeitet.
Zehn Jahre später, auf der COP 30 in Belém, Brasilien, war klar, dass dieses Ziel als dramatisch verfehlt gelten kann. Im Gegenteil, die Klimagasemissionen stiegen stärker als zuvor: Von 2023 auf 2024 um 2,3 %, gegen 1,6 % im Vorjahr und rund viermal so stark wie in den 2010ern (0,6 %).

Die Grafik links unten zeigt die Steigerung von 2023 auf 2024, in der Reihenfolge LULUCF, sechs größte Emittenten (inklusive internationaler Transport), restliche Länder. LULUCF bedeutet "Land Use, Land Use Change, Forestry" ("Landwirtschaft, Landnutzungsänderung, Forstwirtschaft"). Unter den internationalen Transport fallen Schifffahrt und Fliegerei. Bei LULUCF ist nur CO2 berücksichtigt, bei allen anderen Positionen die Gesamtheit der Klimagase.
In der Grafik fällt auf, dass bei der Steigerung LULUCF mehr als die Hälfte ausmacht (Zunahme um 21 % gegen Vorjahr). Der größere Teil davon stammt aus Waldbränden (unabhängig von der Absichtlichkeit), der zweitgrößte Teil aus Rodung (Zunahme um 14 % (2)). Rund ein Viertel der Rodung erfolgt für den Export von Feldfrüchten, z. B. Soja aus Brasilien oder Palmöl aus Indonesien (2). Weitere Faktoren sind die Austrocknung von Mooren, das Auftauen von Permafrost und die Degradation von landwirtschaftlichen Böden, alles mit CO2-Entwicklung verbunden. In 2024 wurden 67 000 qkm Primärwald verloren (plus 80 %), sowie 300 000 qkm Gesamtwaldfläche (knapp die Fläche von Deutschland), beides Rekorde. Nebenbei: Selbst in Deutschland hat sich der Wald seit dem Dürresommer 2018 von einer CO2-Senke (Biomasse nimmt zu) in eine CO2-Quelle (Biomasse nimmt ab) verwandelt (3)
Die stärksten Zunahmen an fossilem CO2 plus den weiteren Klimagasen Methan (CH4), Lachgas (N2O) und Fluorverbindungen erfolgten (in dieser Reihenfolge) in Indien, China, Russland, Indonesien, Internationalem Transport und USA.
     
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, in absoluten Zahlen beträgt der Anteil des fossilen CO2 rund zwei Drittel und der Anteil an LULUCF unter 10 % aller globalen Emissionen. 
Die Grafik rechts unten zeigt die absolute Treibhausgasemission pro Kopf für ausgewählte Regionen. Während einige kleinere Staaten, Ölstaaten (wie Kuweit, Saudi-Arabien) oder auch Australien noch über 20 t CO2e/(Person*Jahr) liegen (4) (5), hat von den dichter besiedelten Flächenstaaten Russland die USA überholt, welche in den vergangenen 25 Jahren ihren spezifischen Ausstoß auf hohem Niveau verringert haben. China, wegen seiner großen Bevölkerung nach einer Verdreifachung seit 2000  für über ein Viertel der weltweiten Emissionen verantwortlich, das Land mit der größten Leistung und dem größten Zubau an Windkraft, Solarenergie und auch Kohlekraftwerken, liegt bei 11 t CO2e/(Person*Jahr), knapp dem Doppelten des Welt-Durchschnitts. Die EU schneidet unter den wohlhabenden Regionen mit 7 t CO2e/(Person*Jahr) und einer steten Verminderung mit Abstand am besten ab. 

 
 Zunahme der Klimagasemission von 2023                               auf 2024
in Mio. t CO2e/Jahr
LULUCF, sechs größte Emittenten, Rest der Welt
Erläuterung siehe Text. Emissions Gap Report 2025 (1)
        Pro-Kopf-Klimagasemissionen der sechs größten                                             Emittenten
in t CO2e/(Person*Jahr)
ganz rechts: Änderung 2023 auf 2024 in %
Emissions Gap Report 2025 (2) 

 



 

 
 

 Globale Klimagas-Emissionen unter verschiedenen                                     Szenarien
schwarze Linie: Historische Werte; grün: 1,5-Grad-Bereich
blau: 2-Grad-Bereich; rot: Pfad bei Einhaltung zugesagter nationaler Ziele
orange: Pfad bei zusätzlicher Einhaltung bedingter nationaler Ziele
blaugrün: Pfad bei "weiter wie bisher"
Emissions Gap Report 2025 (1)
roter Kasten: Ergänzt durch Mair (siehe Text)

Heute kann man aus der Summe der jährlichen Klimagasemissionen über die Zeit ungefähr die zu erwartende Temperatursteigerung modellieren. Dabei sind Kippelemente, siehe weiter unten, allerdings noch nicht enthalten.
Die Grafik rechts zeigt die Ergebnisse dieser Pfadberechnungen. Lesebeispiel: Wollte man im Jahr 2100 1,5 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 % erreichen (mit einem Peak von 1,7 Grad davor), wäre der grüne Pfad zu verfolgen - d. h. heute sollten nur rund 40 Mrd. t CO2e ausgestoßen werden (Realität: 57,7) und 2035 nur noch etwa 25 Mrd. t.
Es ist leicht zu sehen, dass der 2015 in Paris für 2020 geplante Knick nach unten von der Realität völlig ignoriert wurde (der vielversprechend aussehende niedrige Wert von 2020 war der Covid-Pandemie geschuldet).

Der rote Kasten in der Grafik zentriert auf das "heute" (2025).      
Man sieht dort, 10 Jahre später hat man wieder einen Knick vorgesehen, diesmal durch die nationalen verbindlichen und unverbindlichen Zusagen (Farben orange und rot). Diese Pfade würden allerdings nur noch in den Bereich von 2,5 Grad im Jahr 2100 führen.
Selbst die Politik "weiter wie bisher" (blaugrüne Linie) enthält im Jahr 2025 (d. h. heute bei Drucklegung) einen Knick nach unten. Dieser Pfad würde bei rund 3 Grad im Jahr 2100 landen (eine andere Quelle (6) nennt sogar 3,9 Grad im ungünstigen Fall).
 
Betrachtet man allerdings auf der Grafik die reale Entwicklung (schwarze Linie) der letzten 10 Jahre (ohne den Covid-Ausreißer 2020), so sieht man eine Kurve mit zunehmender Steigung - leider nach oben!
Da bedarf es schon eines Wunders, oder untheologisch gesprochen einer erheblichen Veränderung der emissionsrelevanten Parameter, um es einmal wissenschaftlich neutral zu formulieren, um die 4 Grad am Ende des Jahrhunderts nicht zu knacken.

Nebenbei: Plus 9 Grad ab heute dürfte das erreichbare Maximum darstellen - wärmer war es in der messbaren Erdgeschichte von rund einer halben Milliarde Jahren noch nie (siehe Klimafaktoren der Erdgeschichte, Kapitel 2 "Kontinentalverschiebung ...", oberste Abbildung). Das wäre dann allerdings ein Klima eher für die wechselblütigen Dinosaurier als für Menschen - und wie erdgeschichtlich schon mehrfach passiert, hätte dazwischen ein Artensterben stattgefunden: Neuauflage - innerhalb 100-200 Jahren statt wie üblich innerhalb von Millionen Jahren. Die so genannte "Krone der Schöpfung" hätte dann die Funktion eines großen Meteors (vermutete Ursache für das jüngste große Artensterben vor ca. 60 Mio. Jahren, siehe auch Biodiversität, dort Absatz 4 "Artenvielfalt", Abbildung). 
 

Klima-Kippelemente sind Strukturen in der Natur, die ab einer gewissen Temperaturschwelle unumkehrbar einen anderen Zustand annehmen. Beispiele dafür sind das Abschmelzen von Permafrostboden (wenn er einmal aufgetaut ist, sorgt die durch kürzere jährliche Schneebedeckung erniedrigte Albedo für eine permanente Mehr-Erwärmung) oder die Versteppung des Amazonas-Regenwaldes (ist der Urwald einmal verschwunden, versagt der intrakontinentale Feuchtigkeitstransport durch die permanente Verdunstung der Bäume und das Landesinnere trocknet aus; dieses Phänomen ist beschrieben in Mögliche Kippelemente des Klimawandels).
Die Grafik rechts unten zeigt den heutigen Kenntnisstand.

 
                 Klima-Kippelemente als Funktion der globalen Temperatur
Global Environment Outlook 2025 (6)

Gehen wir davon aus, dass der blaue Balken (1,5-2,0 Grad des Parisabkommens) gerissen ist, kann man in der Abbildung ablesen, dass die tropischen Korallenriffe als aufgegeben gelten können. Das grönländische und das westantarktische Eis werden bei 3 Grad sehr wahrscheinlich ("very likely" in der Grafik) irreversibel schmelzen, was den Meeresspiegel um 7 bzw. 3-4 m heben wird. Teile des nördlichen Permafrosts werden kurzfristig schmelzen; dies setzt schlecht schätzbare Mengen an Methan und CO2 frei, welche den Klimawandel verstärken. Der im Bereich von Grönland grob von Norden nach Süden fließende Labradorstrom, ein Teil der atlantischen Umwälzpumpe, wird wahrscheinlich kollabieren; der das europäische Klima wesentlich beeinflussende Golfstrom (in der Grafik "Atlantic Current") überlebt statistisch bis in die Gegend von 4 Grad Temperaturerhöhung: Dann bekäme Europa kanadische Winterverhältnisse - Ski und Rodel gut, auch ohne Schneekanonen!
Unklarer sind die Veränderungen des westafrikanischen Monsuns, der das westliche Zentralafrika im Sommer mit Regen versieht, während im Winter Trockenzeit herrscht. Er ist abhängig von der Veränderung von Meeresströmungen und Windmustern, beide unterliegen Veränderungen durch den Klimawandel. Er soll sich unterhalb von 3,5 Grad Temperaturerhöhung sehr wahrscheinlich ändern, man weiß aber nicht wie! Die Niederschläge können sich saisonal, regional und in ihrer Intensität erhöhen oder verringern.
Ein weiteres Kippelement mit großer Nebenwirkung ist das Absterben des Amazonas-Regenwaldes durch Trockenheit, das irgendwo zwischen 2 und 6 Grad prognostiziert wird. Die dann verlorene Biomasse entspricht 15-20 Jahren des heutigen globalen CO2-Ausstoßes (7).


Der Bericht "Global Environment Outlook" (6) (7), fokussiert sich nicht nur auf den Klimawandel, sondern identifiziert weitere durch den Menschen verursachte globale Probleme:

  • Verlust an Biodiversität: Über 10 % aller Spezies seien vom Aussterben bedroht, teilweise innerhalb von Dekaden. Die genetische Diversität hat seit Beginn des industriellen Zeitalters bereits um 5-10 % abgenommen. Direkten Effekt auf die Menschen kann ein damit einhergehender Verlust an Ökosystem-Dienstleistungen haben.
  • Bodenverschlechterung: Dies betrifft Landwirtschaftsflächen, aber auch den Wald (vor allem bei Verlust). Heute nehmen ca. 4 Mio. qkm jährlich an Qualität ab, das entspricht der Größe der EU. Jedes Jahr gehen 24 Mrd. t Boden durch Erosion verloren, das sind 3 t pro Person!
  • Chemische Verunreinigung: In Masse ist diese fünfmal größer als die erzeugten Treibhausgase. Dies betrifft bekannte Giftstoffe (für Mensch und Lebewesen) als auch Stoffe ungenügend bekannter Wirkung: Mikroplastik, Nanopartikel, "Ewigkeitschemikalien". Bis 2050 wird eine Steigerung um 70 % prognostiziert.
  • Wirkung auf die Ökonomie: Das heutige Welt-Bruttoinlandsprodukt beträgt rund 114 Billionen (1012) US-$. Schäden nur durch Klimawandel werden beim gegenwärtigen Trend - allerdings mit einer sehr hohen Ungenauigkeit - für 2050 auf 4 %, für 2100 auf 22 % prognostiziert. Schäden durch weitere Verschlechterungen (Biodiversitätsverlust, Verunreinigung, Bodenverschlechterung, Kippelemente) sind hierbei noch nicht berücksichtigt, was zu deutlich höheren Zahlen führen kann.

  
Als Treiber werden die an sich bekannten "üblichen Verdächtigen" identifiziert (6):

  • Bevölkerung (Anzahl)
  • Wirtschaftliche Entwicklung (Bruttoinlandsprodukt(BIP)/Person); jeder Euro BIP ist mit Klimagaserzeugung, Gifterzeugung, Landnutzungswandel und Bodenverschlechterung verbunden.
  • Technologie: Diese kann positive (Beispiel: Erzeugung erneuerbarer Energien) und negative (Beispiel: Die Anwendung künstlicher Intelligenz benötigt ungeheure Strommengen) Effekte haben.
  • Und nicht zuletzt der einzelne Mensch im Mittelpunkt - unser Lebensstil: Konsumverhalten, Anteil von tierischen Erzeugnissen an der Ernährung, Reisefrequenz. Wie wägen wir die Zukunft des Planeten gegen unser Hier und Heute ab?
    Zur evolutionär entwickelten Denk- und Fühlweise von Homo sapiens siehe auch Buchtipp "Dilemma". Welche Freiheitsgrade haben wir eigentlich? 





    Quellenangaben und Anmerkungen
    (1) Emissions Gap Report 2025, UNEP (United Nations Environment Programme); dort: Executive Summary 
    https://www.unep.org/resources/emissions-gap-report-2025
    (2) Wie (1), jedoch dort: Full Report
    (3) Thünen-Institut 2025; https://www.thuenen.de/de/themenfelder/klima-und-luft/emissionsinventare-buchhaltung-fuer-den-klimaschutz/treibhausgas-emissionen-lulucf
    (4) Wikipedia 
    (5) CO2e: Das "e" steht für "Äquivalent"; alle Klimagase sind mit den entsprechenden Faktoren (CO2 = 1) versehen und zusammengezählt.
    (6) Global Environment Outlook, 2025, dort: Executive Summary; United Nations Environment Programme; https://www.unep.org/resources/global-environment-outlook-7
    (7) Wie (6), jedoch dort: Full Report