Die erfolgreiche Umkehr des Ozonabbaus in der Stratosphäre ist das erste globale Allmendeproblem der Menschheit, das durch kollektive Aktion bearbeitet und gelöst wurde.

 

Die Geschichte des "Ozonlochs" - eine global-politische Erfolgsstory

 

1873 baut Carl von Linde die erste Kälteanlage auf NH3(Ammoniak)-Basis.

1882 entwickelt er die erste Kältemaschine auf der Basis von CO2 (Kohlendioxid), welches höhere Drücke erfordert, jedoch ungiftiger ist.

1913 entdeckt Charles Fabry die Stratosphären-Ozonschicht mit Hilfe eines Messballons.

1927 werden in den USA Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW, englisch CFC) als technisch interessante Stoffgruppe entdeckt und deren großtechnische Herstellung entwickelt. Sie verdrängen rasch die bisher bekannten Kühlgase CO2, NH3 und SO2 (Schwefeldioxid), da die Eigenschaftskombinationen "ungiftig - unbrennbar - geeignete Dampfdrücke" ideal erscheinen.
Es setzt ein Boom bei Kühlschränken und Klimaanlagen ein, später gefolgt von den Anwendungen Spraydosen, Dämmstoff-Treibmittel und Feuerlöschmittel.

1929 hat Frigidaire in den USA 1 Mio. Kühlschränke auf SO2-Basis verkauft.

1947 werden FCKW in den USA als Treibgas für Spraydosen eingesetzt. In den siebziger Jahren wird diese Anwendung 50% aller FCKW ausmachen.

Um 1972 setzt anlässlich der Entwicklung der Concorde eine öffentliche Diskussion bezüglich der möglichen Schädigung der Stratosphäre durch menschliche Einflüsse ein, im Fokus stehen unter anderem die Stickoxide.

1974 entdecken F. Sherwood Rowland und Mario J. Molina die chemischen Zusammenhänge, dass FCKW Ozon unter dem Einfluss von UV-Strahlung abbauen können.

Bereits im selben Jahr legt Dupont, damals wohl führender Hersteller, ein Programm zur Entwicklung von Ersatzstoffen auf (wasserstoffhaltige, sogenannte HFCKW, mit ca. 20-fach niedrigerem Ozon-Abbau-Potenzial (englisch ODP, ozone depletion potential)).

1985 wird das Ozonloch in der Antarktis entdeckt.

Bereits im gleichen Jahr findet in Wien ein vorbereitendes Treffen zum Thema
Ozonschädigung statt, das Verfahrensfragen festlegt (Wiener Konvention).


1987, bereits 2 Jahre später, findet eine internationale Konferenz statt, die zum "Montreal-Protokoll" führt. Dies beinhaltet ein zeitlich und für Industrie- und Schwellenländer gestaffeltes Ausstiegsszenario für FCKW. Industrieländer sollen z. B. die Produktion von FCKW innerhalb von 10 Jahren halbieren. Nach einem Jahr sind bereits 29 Staaten beigetreten, darunter USA, Canada, England, Japan, Russland und wichtige Staaten der EU. Australien unterschreibt 1989, Brasilien 1990, China 1991, Indien 1992. Im Jahr 2010 haben 196 Staaten ratifiziert.

1988, auf ihrem Höhepunkt, beträgt die weltweite Produktion von FCKW ca. 1 Mio Jahrestonnen.

1990, 1992, 1995, 1997, 1999 und 2007 finden Folgekonferenzen statt, auf denen die Stoffliste auf bromhaltige Substanzen und auf HFCKW erweitert, sowie die Zeitfenster gestrafft werden.

1991 führt Dupont HFKW als Ersatzstoffe ein.

1992 wird in der "Kopenhagen-Ergänzung" das Verbot für FCKW auf 1996 (Industrieländer) bzw. 2010 (Entwicklungsländer) vorgezogen, sowie das Verbot für HFCKW auf 2030 (Industrieländer) bzw. 2040 (Entwicklungsländer).

1994 stoppt Solvay (ehemals Höchst), einer der führenden Produzenten, freiwillig als erster Hersteller global die Produktion von FCKW.

1995 erhält Paul Crutzen den Nobelpreis für seine Forschung der achtziger Jahre, die die Mechanismen der Ozonlochbildung im arktischen Frühjahr, über radikalische Oberflächenreaktionen an Stratosphären-Eiswolken, aufklärten.
FCKW werden in Europa - vorgezogen - verboten.
Die Weltproduktion ozonschädigender Substanzen beträgt 350 000 Jahrestonnen (ODP-gewichtet), d. h. ein Drittel des Maximums von 1988.


1996 (ca.) erreicht der Stratosphärengehalt an Chlor-Äquivalenten (ODP-gewichtet) sein Maximum von ca. 3300 ppt (10 hoch minus 12). Global hat der Ozongehalt in der Stratosphäre um über 4 % abgenommen, auf 60 Grad Nord um etwa 6 %, auf 60 Grad Süd um etwa 12%.
Die Oberflächen-UV-Strahlung in den gemäßigten Breiten (60 Grad)
ist um ca. 8% erhöht.



1999 wird in der "Peking-Ergänzung" unter anderem der Stoff Bromchlormethan miteinbezogen. Diese Vertragserweiterung ist im Jahr 2010 von 162 Staaten unterzeichnet.

2005 beträgt die Weltproduktion ozonschädigender Substanzen noch 100 000 Jahrestonnen (ODP-gewichtet), Tendenz weiter fallend.

2010 sind binäre und ternäre Mischungen ohne Chlor und Brom, d. h. ohne ozonschädigendes Potenzial, am Markt bzw. in der Markteinführung.
Der Stratosphärengehalt an Chlor-Äquivalenten (ODP-gewichtet) ist seit seinem Maximum 1996 auf 2800 ppt (85%) abgefallen. Mit den laufenden Maßnahmen wird ein weiteres Abnehmen des Chlor-Gehaltes in der Stratosphäre auf das Doppelte des natürlichen Wertes (vor 1960, ca. 900 ppt), etwa 2060 erwartet.



Der Mensch, genauer, die globale Gesellschaft, überlastete - zu Beginn unwissentlich - eine Ressource, nämlich die Stratosphärenozonschicht. Zwischen der wissenschaftlichen Problemerkenntnis (1974) und der ersten konzertierten Aktion (Montreal 1987) vergingen nur 13 Jahre, bis zum Wendepunkt des negativen Effektes (maximaler Chlor-Gehalt in der Stratosphäre 1996) nur weitere 9 Jahre.
Dies war das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein globales Ressourcenproblem gemeinsam gelöst wurde, und das in erfolgreich kurzer Zeit.
Was waren die Erfolgskriterien?

  • Wissenschaftliche Erkenntnis der Zusammenhänge
  • technologischer Fortschritt von Forschung und Industrie, in nur 20 Jahren wurden mehrere Generationen von Ersatzstoffen entwickelt und zur Marktreife gebracht
  • Bereitschaft des Marktes, d. h. der Konsumenten und Verbraucher, für die Ersatztechnologie zu bezahlen
  • öffentliche Wahrnehmung des Problems
  • politisches Verantwortungsbewusstsein und Vorangehen der in der betreffenden Technologie führenden Staaten, wie insbesondere z. B. der USA, der EU und Japan



Die World Meteorological Organization drückt es so aus:

This is a story of notable achievements: Discovery,
understanding, decisions, actions, and verification. It is a
story written by many: Scientists, technologists, econo-
mists, legal experts, and policymakers. And, dialogue has
been a key ingredient.

Quelle: World Metereological Organization, 2006
http://www.wmo.int/pages/prog/arep/gaw/ozone_2006/ozone_asst_report.html
Dort: 20 Questions and Answers: Introduction; S. Q1; abgerufen 26.03.10

WMO 2006

 





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