Ökosystemdienstleistungen des Waldes: Ein Beispiel aus der Karibik

 

Ökosystemdienstleistungen - ein sperriges Wort für eine einfache Sache
 

 
       Grenze zwischen Haiti und Dominikanischer Republik
                                    (links)                                 (rechts) 
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  Quelle: google earth, abgerufen 12.1.14

Haiti und die Dominikanische Republik, die knapp doppelt so groß ist, liegen auf derselben Insel in der Karibik, mitten im Durchzugsgebiet der Tropenstürme.
2004 verursachte Hurrikan "Jeanne" in Haiti durch Sturm, Überschwemmung und Erdrutsche 3000-5400 Todesfälle, in der Dominikanischen Republik weniger als 20 (1, 2).
2008 starben bei Hurrikan "Gustav" 76 bzw. acht Menschen, 2500-30000 bzw. 1250 Häuser (1) wurden beschädigt.

Warum sind die Zahlen so unterschiedlich?
Haiti hat im Vergleich zur Dominikanischen Republik nur noch 3 % statt 28 % Waldfläche.
Durch die Abholzung ging zwischen 1950 und 1990 die Ackerfläche durch Erosion um 40 % zurück (gleichzeitig nahm die Leistung von Wasserkraftwerken durch Verschlammung ab), wegen fehlender Rückverdunstung durch den Wald sank die Niederschlagsmenge um bis zu 40 %, wegen mangelnder Wasseraufnahmekapazität nahmen Dürreperioden und Überschwemmungen zu, die Oberflächenwasserqualität wurde so schlecht, dass 90 % aller Kinder unter chronischen Darmparasiten leiden (3).

Der Wald liefert Bodenstabilität, Wassermenge und -qualität, Niederschlags- und Überschwemmungsregulierung: Ein Beispiel für Ökosystemdienstleistungen.

Die unterschiedliche Waldbedeckung der beiden nebenenanderliegenden Länder hat in diesem Fall ausschließlich menschliche Ursachen. Nachdem die kolonialen Spanier zu Anfang des 16. Jh. die etwa halbe Million Ureinwohner von "Hispaniola" nahezu ausgerottet hatten, ging durch Entdeckungen weiterer Kulturen (Mexiko, Peru, Bolivien) ihr Interesse zurück, und später auch ihre Macht, sodass sich mit der französischen Kolonisation des Westteils der Insel spätestens mit dem 18. Jh. die politischen Geschicke der beiden Inselhälften trennten. Im 19. Jh. erlangten beide Teile ihre Unabhängigkeit, die in instabile Zustände führten (In Haiti 1843-1915 22 Präsidenten, in der Dominikanischen Republik 1844-1930 50 Präsidenten). Haiti hatte sich blutiger und stärker von den französisch-kolonialen Wurzeln und dem Einfluss der Fremden getrennt, war aber durch die Vergangenheit der intensiveren kolonialen Bewirtschaftung mit afrikanischen Sklaven und Zuckerrohrplantagen bis ins 19. Jh. wohlhabender als sein östlicher Nachbar.
Im 20. Jht. bestimmten in beiden Ländern über längere Zeit Diktatoren das politische Geschehen: In Haiti 1957-1971 Duvalier ("Papa Doc") und 1971-1986 dessen Sohn ("Baby Doc"), in der Dominikanischen Republik 1930-61 Trujillo, 1966-78 und 1986-96 Belaguer. Alle herrschten grausam und bereicherten sich, die letzteren beiden erkannten jedoch den wirtschaftlichen Nutzen der Bewaldung und sorgten, teilweise mit blutiger Gewalt, für einen Stopp der von ihnen illegalisierten Holzfällung. 74 Schutzgebiete sicherten 32 % der Landfläche (vgl. Haiti vier Schutzgebiete) (4).  
Heute ist, unter anderem durch die geringere Zerstörung der Naturressource Wald, die Dominikanische Republik wohlhabender (5600 US-Dollar BIP/Person gegen 630 US-Dollar in Haiti), der Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen (HDI, Human Development Index, der Lebenserwartung, Bildung und Einkommen berücksichtigt) beträgt 0,70 gegen 0,46, das Bevölkerungswachstum beträgt 1,33 gegen 1,84 %/Jahr (1). Der Restwaldbestand in Haiti nahm von 1990 bis 2010 um weitere 37% ab (von 1600 auf 1000 qkm, (5)).
Ein Teufelskreis, der durch eine Vernetzung von lokaler und internationaler gesellschaftlicher Entwicklung und Politik herbeigeführt wurde und auch nur so wieder verlassen werden kann.




Quellenangaben
(1) Wikipedia
(2) TEEB 2010, "The Economics of Ecosystems and Biodiversity; National and International Policymaking", Kap. 3
(3) TEEB 2008, " The Economics of Ecosystems and Biodiversity; An Interim Report"
(4) J. Diamond, "Collapse - How societies choose to fail or survive" (London: Penguin Books, 2005)
(5) FAOSTAT, Food and Agricultural Organization of the United Nations, abgerufen 16.1.14