Wissenschaftliche Werkzeuge zur Erforschung der pazifischen Besiedelungsgeschichte

 

Untersuchungsmethoden

Die Methoden, die nahe prähistorische Vergangenheit, in diesem Fall der pazifischen Inseln ab ihrem Kontakt mit dem Menschen, zu erforschen und zu rekonstruieren, wurden in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verfeinert. So war z. B. vor der Erfindung der Radiokarbonmethode (auch 14C-Methode, 1946) keine direkte Altersbestimmung von Ausgrabungsfunden möglich.

Man kann nach folgenden Kategorien unterscheiden (1):

  • Ausgrabung von Artefakten, wie Keramik, Schmuck oder Werkzeug. Diese können nach Schichtung oder 14C-Methode (sofern Kohlenstoff vorhanden ist) datiert werden. Materielle und stilistische Ähnlichkeiten und Unterschiede dienen der kulturellen und damit regionalen Zuordnung.
  • Ausgrabung von Abfallhaufen, die z. B. Tierknochen enthalten. Diese geben Hinweise auf die Art der Ernährung. Eine Datierung erlaubt Rückschlüsse auf verstärkte oder ausbleibende Nutzung einzelner Tierarten. Eine anfängliche Ausbeutung leicht jagbarer Tiere, die dadurch zurückgedrängt oder lokal ausgerottet werden, lässt sich beispielsweise so nachvollziehen.
  • Ausgrabung von Menschenknochen: Diese geben Hinweise auf den Gesundheitszustand, sowie auf Gewalt, kriegerische Zustände, Menschenopfer, Kannibalismus.
  • Radioidentifizierung von mineralischen Elementen: Damit können Steinwerkzeuge anhand ihrer Mineralien bestimmten Gegenden oder sogar einzelnen Steinbrüchen zugeordnet werden. Findet man z. B. Objekte in größerer Entfernung vom Steinbruch oder auf anderen Inseln, können so Handelsnetze nachgewiesen werden. Dies gilt auch für Keramik. 
  • Siedlungsmuster: Die Funde von Gebäuden und ggf. Garten- oder Feldanlagen werden in Bezug auf hierarchische Gliederung (Lage, Größe und Ausstattung von Gebäuden), Größe und Abstand von Siedlungen (Hinweis auf Bevölkerungsdichte), Stand der Technologie und Vorhandensein von Verteidigungs- oder Befestigungsanlagen (Hinweis auf kriegerische Vorgänge) interpretiert.
  • Sprachwissenschaft: In Ozeanien gibt es außer den ca. 800 Papua-Sprachen innerhalb "Nah-Ozeaniens" etwa 400 Sprachen aus der austronesischen Sprachfamilie. Diese gliedern sich entsprechend ihrer Ähnlichkeiten in stammbaumartige Verwandtschaftsverhältnisse. Deren regionale Zuordnung erlaubt es, grobe Reiserouten für die Besiedelung der pazifischen Inseln zuzuordnen. 
  • Genetische und Aussehensmerkmale der heutigen Populationen: Auch dies erlaubt Hinweise auf Reiserouten, wobei mehrfache Migrationswellen die Deutung erschweren.
  • Datierte genetische Pollenanalyse, oft kombiniert mit quantitativer, ebenfalls datierter, Holzkohlenanalyse: Damit kann, für die jeweils untersuchten Orte, z. B. die Zu- oder Abnahme von Wald, Gras, Farn zeitlich nachgewiesen werden. Holzkohlezunahme ist ein Hinweis auf die Brandrodungstätigkeit des Menschen.
  • Heutige (traditionelle) Ernährungswirtschaft: Welche Nutzpflanzen und -tiere werden wie genutzt?
  • Heutige (traditionelle) Gesellschaftsstrukturen und Glaubensformen: Glaubensinhalte, Legenden, Rituale,  Verwandtschaftsbewertung, hierarchische Strukturen - man versucht (wie bei den Sprachen), daraus stammbaumartige Ähnlichkeiten aufzuzeigen und ebenso Wanderrouten zu lokalisieren.
  • Schwierig bleibt mangels Funden eine Analyse der Reise- und Segeltechnologie. Hierzu sind an Daten praktisch nur die Berichte der frühen europäischen Kontakte vorhanden, sowie Hinweise aus indigenen Erzählungen und Mythen der Vergangenheit. James Cook (3. Südseereise 1776-1780) sah noch hochseetüchtige Segelboote, die schneller und manövrierfähiger waren als seine Brigg (2).

Ziel der Forschung ist heute ein interdisziplinäres Verständnis der Parallelen von

  • pazifischen Wanderungsbewegungen (inklusive inselspezifischer Demographie-Kurven)
  • zivilisatorischer und kultureller Entwicklung (mit Bewertung der gesellschaftlichen Stabilität / Instabilität bis hin zu Gewalthandlungen), d. h. der soziopolitischen Evolution
  • in Abhängigkeit von und gleichzeitig mit der ökologischen Wechselwirkung durch den menschlichen Land- und Bioressourcen-Gebrauch.

Der Archäologe R. Duff formulierte es bereits 1950 so (3): "Wer die Ethnographie von Polynesien studiert, hat ein bemerkenswertes menschliches Laboratorium vor Augen, in dem erforscht werden kann, welche Gesetzmäßigkeiten die Evolution der menschlichen Kultur in Raum und Zeit bestimmen."





Quellenangaben
(1) Inhalte frei nach: P. Kirch, "On the Road of the Winds - An Archaeological History of the Pacific Islands before European Contact" (Berkeley: University of California Press, 2000)
(2) J. Flenley, P. Bahn, "The Enigmas of Easter Island" (Oxford: Oxford University Press, 2002)
(3) R. Duff, "The Moa Hunter Period of Maori Culture" (Wellington, New Zealand: Government Printer, 1950), aus (1), Übersetzung G. Mair





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