40000 Jahre Seefahrt im Pazifik

 

Besiedelungsgeschichte

 
    Ungefähre Lage von Sunda und Sahul während des Pleistozän
  Quelle: Kirch 2000 (1)

ca. 60-40000 v. h.: Homo sapiens erreichte, während der Eiszeit und einem tiefer liegenden Meeresspiegel, Sahul, das heutige Australien mit Umfeld. Dazu waren mehrere Seereisen bis zu 100 km (auf Sicht) erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese absichtlich erfolgten, wird für hoch gehalten. Steinwerkzeuge wurden möglicherweise zur Waldarbeit eingesetzt, um wildem Yams, Taro und Bananen bessere Wachstumsmöglichkeiten zu verschaffen - dies könnte bereits eine Vorstufe des Acker- und Gartenbaus gewesen sein.

30000 v. h.: Gesamt Sahul von Tansania im Süden bis Neuguinea im Norden war besiedelt, wie durch 21 Ausgrabungsstätten nachgewiesen wurde.

35000-20000 v. h.: Die Bismarck- und Solomoninseln ("Greater Bougainville" auf der Karte rechts) wurden erreicht, die meisten auf Sicht.

29000 v. h.:
Buka, eine Insel der Solomon-Gruppe, wurde besiedelt. Dafür wurden mindestens 200 km offenes Meer überquert, und das Ziel war beim Start nicht zu sehen.

21000 v. h.:
Erster Nachweis von Waldabbrand im Hochland von Neuguinea durch Pollen- und Holzkohlenanalyse.

18000 v. h.: In archäologischen Fundstellen im Bismarck-Archipel tauchten Knochen des nicht heimischen Grauen Kuskus (Phalanger orientalis, ein bis zu 3 kg schweres Kletterbeuteltier) auf. Möglicherweise wurde er absichtlich aus Neuguinea eingeführt. Obsidianhandel über eine Strecke von über 350 km, mit einer Meeresquerung, wurde nachgewiesen.  

13000 v. h.: Die Insel Manus, 230 km nördlich von Neuguinea, ist besiedelt. Dafür war mindestens diese Strecke, wiederum ohne Sicht des Ziels, zu überqueren.

10000 v. h.:
In Neuguinea sind 7 Riesenbeuteltiere,darunter der "Tasmanische Tiger" (Thylacinus sp.), und ein rhinozeros-ähnliches Tier von bis zu 200 kg Gewicht, ausgestorben.

6000-4000 v. h.: In Neuguinea ist das Schwein nachgewiesen, sowie Formen des Ackerbaus (Kanäle). Die Zahl der nachweisbaren Nutzpflanzen ist gestiegen. Man geht davon aus, dass diese Region eine Domestizierungsquelle von Zuckerrohr (Saccharum officinarum), Brotfrucht (Antocarpus altilis), Taro (Colocasia esculenta) und anderen Nutzpflanzen gewesen ist. Wurzeln, Knollen und Baumfrüchte waren die ersten Schwerpunkte der lokalen Erfindung der Landwirtschaft (1).
 

   
                                 Lapita-Fundstellen in Nah- und Fern-Ozeanien
  Quelle: Kirch 2000 (1)

Bezüglich der Entdeckung und Besiedelung neuer Inseln passierte jahrtausendelang praktisch nichts, bis eine Welle neuer Einwanderer, aus Taiwan abstammend und der austronesichen Sprachfamilie angehörend (im Gegensatz zu den bisherigen einheimischen Papua-Sprachen) innerhalb von wenigen Jahrhunderten weiter nach Ostsüdost ausgriff: Die Begründer der Lapita-Kultur.

Die ersten Fundstellen werden auf etwa 1200 v. u. Z. datiert. Die Lapita-Leute waren Seefahrer, die mit besegelten Auslegerkanus die etwa 5000 km offene See bis Samoa und Tonga (s. Karte) in zwei bis drei Jahrhunderten, also in nur etwa 20 Generationen, zurücklegten. Handelsreisen von mehreren Hundert Kilometern wurden regelmäßig unternommen. Sie wohnten in permanenten Siedlungen von typischerweise 15-30 Pfahlbauten meist in Ufernähe, kannten über 28 Spezies an Nutzpflanzen sowie neben dem Schwein auch Hund und Huhn, beherrschten die Hochseefischerei (Thunfisch, Hai) und produzierten eine kulturspezifische Keramik. Ihre Gruppen waren nach Familie und Geburtsordnung gegliedert. Für die Besiedelung neu entdeckter Inseln wurden Nutzpflanzen und Tiere (sowie "Unkraut" und "Ungeziefer" mitgebracht - Ethnobotanist Anderson nannte dies 1952 "Transport von Landschaften". Brandrodung war bekannt, Aussterbeereignisse von Großtieren und Vögeln sind nachweisbar (1).  



 
                     Austronesischer Expansionsweg von Taiwan bis ins östliche Polynesien
  Quelle: Flenley/Bahn 2002 (2)
   

Die Karte rechts zeigt die weitere Entwicklung. Von Taiwan ausgehend (Gebiet 1), erreichten die austronesischen Seefahrer das Gebiet 4, also über Neuguinea und Solomon die östlichsten Bereiche Fiji, Samoa und Tonga, um 1200 v. u. Z. - und bildeten dort die Lapitakultur aus, s. o.
(Man beachte, dass Gebiet 3 und die weiß gelassenen Teile von Gebiet 4 schon vorher von papuasprechenden "Ureinwohnern" bewohnt war.)
Über die folgenden 2000 Jahre folgten dann Mikronesien (Gebiet 5), das östliche Polynesien bis zur Osterinsel und Hawai'i (Gebiet 6), sowie als letztes Neuseeland um 800 u. Z. oder auch deutlich später.

Unten dargestellt sind Segelschiffe, wie sie im 17. und 19. Jht. gesehen wurden. James Cook berichtete 1773, dass die Insulaner Kreise um sein fahrendes Schiff segeln konnten.
Ein durchschnittliches Doppelrumpfboot dürfte 15 Meter Länge gehabt haben, mit einer Nutzlast von etwa 9 Tonnen. Bei einer Verpflegungsfähigkeit für 40 Tage und einer (vor-dem-Wind-) Geschwindigkeit von etwa 200 km / Tag betrug die theoretische einfache Reichweite 8000 km.

 
          Polynesisches Doppelrumpfboot
wie von dem Holländer Schouten 1616 zwischen Tonga und Samoa gesehen
         Segelkanu der Zentralkarolinen
(Mikronesien, 19. Jht.)
            Modell der polynesischen Besiedelung

  Quelle für alle drei Bilder: Kirch 2000 (1)


Die Skizze rechts oben zeigt den Ausbreitungsweg in Polynesien ab etwa 200 v. u. Z. Man beachte, dass die Besiedelung von Polynesien aus dessen Mitte (Gesellschaftsinseln und Marquesas) erfolgte.

Die Karte unten versucht eine Erklärung zu geben, warum die Besiedelung in genau dieser Reihenfolge ablief. Bei im wesentlichen ostsüdöstlichen Winden (Südostpassat) mit ggf. jahreszeitlichen oder kurzfristigen Westwinden war es die sicherste Richtung, gegen den Wind (oder während einer kurzfristigen Westwindlage mit dem Wind) ins Unbekannte zu segeln, da man jederzeit mit dem Passat wieder sicher zurückkehren konnte. Der Navigator mußte "nur", mit Sternenkompass, auf dem bekannten Breitengrad seiner Heimatinsel nach Westen segeln und konnte diese dann nicht verfehlen. Die Aneinanderreihung solcher - relativ gesehen ungefährlichsten und damit wahrscheinlichsten -  "Explorationsbögen", mit steigendem Radius im Lauf der Jahrhunderte, erklärt einerseits die Hauptausbreitungsrichtung, und andererseits, dass quer dazu liegende Landmassen, wie Hawai'i und Neuseeland, erst spät und dann vom Seefahrer-"Technologiezentrum" der Gesellschaftsinseln aus entdeckt und besiedelt wurden (grüne Pfeile) Ähnliches gilt für die abgelegene Osterinsel, die vermutlich von den Marquesas aus entdeckt wurde. Die Galapagosinseln wurden nie erreicht (roter Pfeil).  Nebenbei: Madagaskar, im Osten von Afrika gelegen, wurde um Null u. Z. ebenfalls von austronesisch sprechenden Seefahrern entdeckt.

 
                                                     Modell der "Explorationsbögen" nach G. Irwin
Ziffer in den Bögen entspricht Radius in 100 Seemeilen (z. B. 10 = 1850 km)
Durchmesser der Punkte entspricht Durchmesser der Inselm (10-30 Seemeilen) bzw. Küste (30)
Quelle: Kirch 2000 (1)
farbige Kennzeichnung durch G. Mair

Warum waren die Lapita-Leute und ihre Nachfolger so reisefreudig?
Dazu werden eine Reihe von Gründen genannt (2):

  • Hungersnot durch Naturereignisse wie Dürre, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche oder durch Überbevölkerung; Epidemien
  • gesellschaftliche Gründe, wie Familienzwist, Überfälle, Vertreibung, Krieg, Verbannung. Solche Fälle sind im gesamten Pazifik in der mündlichen Überlieferung zahlreich belegt.
  • Machtstreben, z. B. von Zweitgeborenen, mit dem Ziel, als Gründer eine eigene "Dynastie" zu eröffnen.
  • Suche nach Rohstoffen oder Handelsbeziehungen


Wie wurden Inseln gefunden?
Während die direkte Sichtbarkeit beispielsweise der 510 m hohen Osterinsel nur etwa 50 km beträgt (und von niedrigen Atollen entsprechend weniger), kann für den Experten durch Veränderung von Wellenmustern, Wolkenformationen oder Vogelflug der scheinbare Radius auf 100 km und mehr vergrößert sein. Auch Biolumineszenz als Richtungsgeber wird genannt. Viele Inseln liegen in Archipelen, was den (Gesamt-) Erkennungsradius weiter vergrößert. 
Dennoch: Längengrade waren, soweit wir wissen, von den Polynesiern nicht direkt zu messen, und für die Breitennavigation entsprechen 100 km etwa einer Messgenauigkeit (von Sternhöhen z. B.) von einem Grad. Eine Meisterleistung!
Noch zu europäischen Zeiten wurden regelmäßige Hin- und Rückreisen von über 1300 km ohne Zwischenhalt nachgewiesen. 200 Sterne waren mit Namen bekannt. Drei Wochen auf dem offenen Meer waren nichts Besonderes (2).






Quellenangaben
(1) P. Kirch, "On the Road of the Winds - An Archaeological History of the Pacific Islands before European Contact" (Berkeley: University of California Press, 2000)
(2) J. Flenley, P. Bahn, "The Enigmas of Easter Island" (Oxford: Oxford University Press, 2002)



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