Die Biosphäre leistet Öko-Dienste - wenn man sie lässt.

 

Warum ist Landwirtschaft mit hohem Naturwert (HNV) wichtig?

Ökosysteme leisten für den Menschen als einem ihrer Bestandteile elementare Dienste für sein Überleben und sein Wohlbefinden.
Sie stellen gereinigtes Wasser bereit, regulieren die Qualität des Bodens, befreien die Luft von Schadstoffen, bieten genetische Ressourcen (z. B. für Heilpflanzen) und sind Voraussetzung für die Erzeugung von Nahrung, Futtermitteln und organischen Fasern.  
Daneben befriedigen sie in Form der sie bildenden Landschaften soziale und ästhetische Bedürfnisse des Menschen. Den Landbewohnern bieten sie Heimat, den Stadtbewohnern attraktive Touristen- und Erholungsziele.

Man kann versuchen, diese Ökosystem-Dienstleistungen in ökonomischen Zahlen zu bewerten. Bei einigen ist dies sehr schwierig bzw. ungenau, bei anderen einfacher.
Zu den letzteren gehört der Tourismus (z. B. Umsatz einer Region, die "schön" ist und/oder "gute" regionale Naturprodukte verkauft), oder der Ökotourismus (z. B. Umsatz, der durch einen Nationalpark ausgelöst wird).
Ausfallkosten sind ebenfalls abschätzbar (z. B. Kosten der Kartoffelfäule [Europa/Irland um 1850], des Echten und Falschen Mehltaus [Weinbau Europa/Frankreich um 1850/1880], der Elbeüberschwemmung [Tschechien/Deutschland 2002] oder des Bienensterbens [USA/Europa um 2007]).   

Die folgende Graphik stellt gesellschaftliche Güter und Ökosystem-Dienstleistungen tabellarisch gegenüber.

   
  Quelle: Inhalte aus Paracchini et. al. 2012 (1)  

 
Die Tabelle zeigt in den grünen Boxen die öffentlichen Güter, die durch Ökosystem-Dienstleistungen geschaffen werden. Diese öffentlichen Güter haben in der Regel keinen Marktpreis (der Nutzer muss sie selbst nicht bezahlen) und verschaffen damit dem Landwirt auch kein Einkommen, wodurch dessen ökonomisches Interesse zu deren Erhalt gegen Null geht.
Aus Sicht des Landwirts bilden die privaten (marktwirtschaftlichen) Güter (rote Boxen) seiner Ernteproduktion die ökonomische Triebfeder zur Optimierung seines Einkommens. Die öffentlichen Güter oder deren Beschädigung (z. B. Überdüngung benachbarter Gewässer, Schädigung  von Insekten durch Biozide) tauchen in seiner Kostenrechnung nicht auf, sie sind für ihn sogenannte externe Kosten.
Dies ist ein typisches Allmende-Problem.



 

 
                  Biogeographische Regionen Europas
Farben v. o. n. u.: Alpin / atlantisch / Schwarzes Meer / kalt gemäßigt / kontinental / makaronesisch / Mittelmeer / pannonisch / Steppe
Quelle: EEA 2009 (2)
                 Diversität von Pflanzenspezies als Funktion der
                           Jahresdurchschnittstemperatur

    gelb: Brache; grün: extensiv bewirtschaftet; rot: intensiv bewirtschaftet
    y-Achse: Zahl der Pflanzenspezies pro normierter Getreideanbaufläche
    Quelle: J. Hoffmann 2012 (3)


Europa hat, bedingt durch seine Nord-Süd-Dimension (Temperaturunterschiede), seine Ost-West-Dimension (Niederschlagsunterschiede), seine Höhenunterschiede sowie dem Zusammenspiel dieser Faktoren diverse "biogeographische Regionen" (siehe Karte links oben; siehe auch Weltkarte mit biogeographischen Großregionen) mit unterschiedlichen Habitaten und Populationen.
Die Graphik rechts oben zeigt den Artenreichtum von Segetalflora (auf Äckern wachsende Wildpflanzen) auf Getreidefeldern zwischen Finnland und Süditalien, d. h. bei Jahresdurchschnittstemperaturen zwischen drei und 17 Grad Celsius. Man kann ablesen, dass in den wärmsten Gegenden etwa dreimal soviele Pflanzenspezies zu finden sind wie in den kältesten.
Man kann ebenso ablesen, dass auf Brachland (mit einer Pause von ein bis zwei Jahren zwischen den Aussaaten) etwa doppelt soviele Arten wachsen wie auf intensiv bewirtschafteten Flächen (Ertragsmaximierung durch Einsatz von Kunstdünger und Bioziden). Extensiv bewirtschaftete Flächen (geringer oder kein Einsatz von anorganischem Dünger und chemisch hergestellten Bioziden) liegen etwa in der Mitte.

 
             Charakteristische Elemente extensiver und intensiver Landwirtschaft
 Quelle: Nach R. Oppermann et. al. 2012 (6)

Landwirtschaft mit hohem Naturwert umfasst die folgenden Aspekte:
1. Schaffung abwechslungsreicher Landnutzungsflächen aus einem monotoneren Vorgängerhabitat (in Mitteleuropa meist Wald).
2. Anerkennung und Erhalt der auch kleinräumigen Gegebenheiten bezüglich Lage, Niederschlag, Bodenfruchtbarkeit, Relief.
3. Zucht und Einsatz einer Vielfalt an Pflanzen- und Nutztier-Varietäten.
4. Erhalt und Einsatz von Landschaftsstruktur-Elementen, wie Trockenmauern, Hecken, Einzelbäumen, Streuobstwiesen und Kleingewässern.
5. Nutzungsmosaik in Raum und Zeit: Versetztes Säen, Ernten, Mähen auf verschiedenen Parzellen.

Im Gegensatz hierzu werden bei der intensiven Landwirtschaft Monokulturen auf großen "ausgeräumten" Flächen mit gleichförmig hoher Düngung, bedarfsweiser Bewässerung und unter Vermeidung konkurrierenden Bewuchses realisiert (s. Tab. rechts) (nach 6).

 
                    Anzahl von Spezies auf intensiv bewirtschafteten Flächen
                                 mit Anteilen halbnatürlicher Habitate

linke Skala: Grün: Pflanzen
rechte Skala: Blau: Brütende Vögel, gelb: Schmetterlinge; violett: Amphibien/Reptilien; rot: Säugetiere
Quelle: J. Hoffmann 2000 in R. Oppermann et al. 2012 (4)
 
          Raubvogelanzahl als Funktion der Landnutzung 
Individuen pro 100 Hektar von März bis Juli 2010, Nordostdeutschland
grün: Brache; orange: Mais; gelb: Raps; hellgrün: Weizen; rot: Mittelwert
Quelle: J. Hoffmann 2012 (5)

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Die Graphik rechts zeigt die Artenanzahl von Pflanzen und einigen Tiergruppen in einer Region mit intensiv betriebener Landwirtschaft. Lokal unterschiedlich, können dort sogenannte halbnatürliche Habitate vorhanden sein. Damit sind (meist kleinräumige) Flächen gemeint, auf denen nicht gesät wird (d. h. dort wächst eine "natürliche" Vegetation), jedoch ggf. gepflegt, gemäht, beweidet. Beispiele sind Blühstreifen oder extensiv bewirtschaftete Ackerränder, "natürliche" Weiden sowie die oben genannten Landschaftsstrukturelemente.
Man kann ablesen, dass bei halbnatürlichen Elementen zwischen 0 und 15% Flächenanteil die Pflanzenvielfalt um das dreieinhalbfache steigt (von 70 auf 250 Arten).
Bei den dargestellten Tierarten ist der Faktor höher und liegt im Bereich zwischen dem Fünf- bis Zehnfachen. Die Graphik legt nahe, dass etwa 10% halbnatürlicher Flächen innerhalb einer intensiven Landwirtschaftszone erforderlich sind und ausreichen, um die Artenvielfalt lokal zu erhalten.

Links oben wird als Biodiversitätsindikator die Raubvogelpopulation betrachtet: Auf großflächigen Monokulturfeldern ist deren Anzahl auf Brachland grob dreimal so hoch wie auf Getreidefeldern.

Es folgen einige Zahlenbeispiele
- Auf halbnatürlichen Heuwiesen werden in Europa bis zu 70 Pflanzenspezies pro 20 Quadratmetern gefunden, auf intensiv bewirtschafteten Silagefeldern hingegen selten mehr als 10 (davon die eine angebaute Sorte mit über 90% der Biomasse). Auf Wiesen und Weiden kommen über 2000 Pflanzenspezies vor. Von 870 gefährdeten Pflanzenarten laut Roter Liste sind 500 (57%) halbnatürlichen Wiesen zuzuordnen (7).
- Auf Ackerland inklusive Brachland wachsen in Europa 1500-2000 Gefäßpflanzen (8) (10% aller europäischen Arten), darunter in süd-nördlicher Stufung z. B. in Frankreich 1000, in Deutschland 350, in Finnland 250 Arten (3)
- Für das Aussterben bzw. die Gefährdung (nach Roter Liste) von 819 Gefäßpflanzenarten Deutschlands ist hauptsächlich die Lebensraumzerstörung und die landwirtschaftliche Nutzung verantwortlich. Mehr als die Hälfte sind Arten, die auf nährstoffarme Böden / Gewässer angewiesen sind. Deren Habitate wurden durch flächendeckenden Eintrag von Dünger, wie Phosphat und Nitrat, weitgehend reduziert (9).     

Landwirtschaft mit hohem Naturwert in Europa erhält gleichzeitig den Charakter der Landschaften, das soziokulturelle Gefüge und die Biodiversität.



Quellenangaben und Anmerkungen
(1) M. Paracchini, R. Oppermann, "Public goods and ecosystem services delivered by HNV farmland", in R. Oppermann et. al. (Eds), "High Nature Value Farming in Europe" (Ubstadt-Weiher: verlag regionalkultur, 2012)
(2) EEA (European Environment Agency, Europäische Umweltagentur) 2009; "maps and graphs", topic "biodiversity"
(3) J. Hoffmann, "Species-rich arable land", in "High Nature Value Farming in Europe" s. (1); es wurden Getreidefelder zwischen Finnland und Süditalien untersucht; der Untersuchungsumfang betrug jeweils neun Parzellen normiert auf je zwei Hektar (pers. Mitteilung)
(4) R. Oppermann, J. Hoffmann, "Features of HNV farmland mosaic landscapes", in "High Nature Value Farming in Europe " s. (1)
(5) J. Hoffmann, "Species-rich arable land", in "High Nature Value Farming in Europe" s. (1); es wurden 2900 Hektar in Nordostdeutschland im Jahr 2010 beobachtet
(6) R. Oppermann, M. Paracchini, "HNV-farming - central to European cultural landscapes and biodiversity", in "High Nature Value Farming in Europe" s. (1)
(7) G. Beaufoy et. al., "European overview of HNV farmland types", in "High Nature Value Farming in Europe" s. (1)
(8) Gefäßpflanzen: Pflanzen mit spezialisierten Leitbündeln; dazu gehören Bärlapp, Farne und Samenpflanzen
(9) bpb (Bundeszentrale für politische Bildung), abgerufen 7.11.13