Geld und mehr

 

Förderung der Landwirtschaft mit hohem Naturwert (HNV)

Eine Förderung kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden: Durch Beeinflussung der öffentlichen Wahrnehmung, durch direktes Handeln der Landwirte und natürlich durch finanzielle Anreize.
Es folgen einige Beispiele (1).

1. "Europäische Storchendörfer"
(Öffentliche Wahrnehmung / Tourismus) (2)

 
  Cicoc, Kroatien
Quelle: Euronatur, M. Schneider-Jakoby
Storchennest auf Stromleitung
Quelle: storch-schweiz.ch, 2012

Der Weißstorch (Ciconia ciconia) gilt  mit heute über 200 000 Brutpaaren im westlichen Eurasien / Afrika global als nicht gefährdet (IUCN Red List),  war jedoch in den vergangenen Jahrzehnten in Westeuropa stark zurückgegangen und z. B. in der Schweiz lokal ausgestorben.
Er benötigt große Flächen extensiver Wiesen und Weiden als Jagdgrund, bevorzugt Überschwemmungsland (500 g Beute pro Tag und erwachsenem Tier, innerhalb 7 km Radius während der Brutsaison). Damit und mit seinen Brutgewohnheiten ist er ein Kulturfolger.
Seine Attraktivität und relativ leichte Beobachtbarkeit ermöglichen, ihn für den Tourismus herauszustellen.
1994 wurde als lokale Initiative in Kroatien (Cigoc in den Sava-Niederungen) das erste "europäische Storchendorf" gegründet, 2011 waren es elf. Naturschutzbezogene Programme, Entwicklung von Parkstrukturen und Übernachtungsmöglichkeiten, Auftritte in den Medien und Werbemaßnahmen führten zu touristischen Erfolgen. So betrugen die jährlichen Übernachtungszahlen in Cigoc 18 000 Gäste (2010), in Rühstadt (Deutschland) 30-40 000 Gäste, in Tycocin (Polen) 10 000 Gäste und in Altreu (Schweiz) 40 000 Gäste.

2. "Wiesenmeisterschaften" (Bildung von Interessengemeinschaften, Öffentlichkeitsarbeit) (3)

 
                                 Wiesenmeisterschaft Graubünden, Schweiz, 2008
                               Quelle: wiesenmeisterschaft.ch

Die Idee wurde 2002 in Vorarlberg / Österreich geboren. Bauern können sich mit artenreichen Wiesen für den Wettbewerb anmelden, diese werden nach Kriterien wie Artenreichtum, Dichte des Bewuchses, Nutzwert als Weide bzw. Häufigkeit von Weide-Giftpflanzen, Anwesenheit von Zeigerspezies aus einer Liste o.ä. bewertet.
Es werden lokale Feste organisiert, Preise verliehen, und über Politik, Netzwerke und Medien Öffentlichkeitsarbeit betrieben.
Heute gibt es ähnliche Veranstaltungen auch in Frankreich, Deutschland und der Schweiz.   

3. Schonende Geräte und Methoden in der Landwirtschaft (4)

 
                  Auswirkungen von Geräten und Methoden auf die Fauna
  Quelle: Daten dargestellt aus K. Ehlert 2012 (4)

Die Tabelle rechts listet einige Alternativen auf.
Balkenmäher bewirken eine weniger als halb so hohe Mortalitäts- und Verletzungsrate von Amphibien als Sichel-, Trommel- oder Scheibenmäher, da diese einen größeren Wirkungsradius haben und den Amphibien die Flucht daher seltener gelingt.
Die Schnitthöhe wirkt vergleichbar.
Düsen für Wirkstofflösungen, die kaum feine Nebel, sondern nur Tropfen einer gewünschten mittleren Größe erzeugen, verringern die Windverfrachtung auf benachbarte Flächen außerhalb des Feldes.

 
  Striegel (Hackmaschine) mit aufgesattelter pneumatischer Sämaschine
Quelle: FECTU, K. Ohrndorf
Kombination von Vorderwagen mit traktorgängigem Arbeitsgerät
Quelle: Interessengemeinschaft
           Zugpferde e.V.

Gewicht und Überfahrungsfrequenz von Traktoren usw. verdichtet den Boden, was kritisch und irreversibel ist für den Bereich unterhalb der Pflugtiefe. Eine Reduzierung von Fahrten, mit leichtem Gerät, stellt eine Verbesserung dar.
Eine weitergehende Alternative ist der Einsatz von Zugpferden, insbesondere auf empfindlichen Böden. Nach einem millionenfachen Einsatz bis zu den 1950er und einem Tiefpunkt in den 1990er Jahren ist heute in Europa eine Zunahme zu beobachten. In den USA setzen 200 000 Farmer Pferde ein, sodass die modernste Ausrüstung von dort bezogen wird.     
Am Gespann montierte Sensoren, die z. B. spektroskopisch über die Biomasse und den Chlorophyllgehalt den Düngerbedarf ermitteln, können die Düngerdosierung vor Ort variabel anpassen und damit die Überdüngung reduzieren.
Das Mähen der Wiesen in kleinen Parzellen oder schmalen Streifen erleichtert Tieren die Flucht.
Sogenannte Konditionierer, die das Mägut zusammenpressen, um den Welkprozess zu beschleunigen, schädigen miteingeschlossene Insekten. So steigt der Verlust von Heuschrecken, Schmetterlingsraupen oder Bienen zwischen 30% und 90% an.

4. Finanzielle Förderung durch die EU
Im Jahr 2013 betrug der EU-Haushalt (Mittel für Verpflichtungen) etwa 151 Mrd. Euro, davon sind 60 Mrd. Euro (40%) Agrarausgaben. Diese teilen sich in etwa 75% (44 Mrd. Euro) der "ersten Säule" und 25% (16 Mrd. Euro) der "zweiten Säule".
Die "erste Säule" beinhaltet Direktzahlungen, also Subventionierung von Produkten, und bevorzugen daher über den Mengeneffekt die intensive Landwirtschaft.
Die "zweite Säule" betrifft "Entwicklung des ländlichen Raumes, Umwelt, Fischerei" (5).
Im europäischen Gesetz zur ländlichen Entwicklung (Regulierung Nr. 1257/1999) wurde für die Finanzperiode 2000-2006 erstmals als eines der Ziele festgelegt: "Erhalt und Verbesserung eines hohen Naturwertes und einer nachhaltigen Landwirtschaft". Für die Folgeperiode 2007-2013 wurde eine Liste von Maßnahmen entsprechend dreier Hauptzielrichtungen erstellt: 1. Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit, 2. Verbesserung der Umwelt und der Landschaft, 3. Lebensqualität und Diversifizierung in ländlichen Gebieten (komplette Liste der Maßnahmen [englisch]).
Die Liste umfasst z. B. Titel wie "Zahlungen für umweltrelevante Maßnahmen", "Erhalt und Verbesserung des ländlichen Erbes", "Umweltmanagement", "Unterstützung von subsistenznaher Landwirtschaft" oder "Förderung von ländlichem Tourismus" (6).

Der Betrag des zur Verfügung stehenden Geldes für die Förderung von Landwirtschaft mit hohem Naturwert, ein Teilbetrag aus 16 Mrd. Euro (Stand 2013), ist nicht sehr hoch. Den Nationen obliegt die Festlegung der konkreten Verwendung, der Verteilung der Mittel sowie der Kontrolle der Durchführung der vereinbarten Maßnahmen und deren Wirksamkeit in Bezug auf die angestrebten Ziele.
Das sind Randbedingungen und Aufgaben, die mit einer Geschichte von erst etwa 15 Jahren noch am Anfang der Problemlösung stehen, und deren Bearbeitung dem Ziel der Europäischen Union - den Artenschwund in Europa zu stoppen - noch nicht gerecht wird.


Stand November 2013



Literatur
(1) R. Oppermann et al. (Eds), "High Nature Value Farming in Europe" (Ubstadt-Weiher: verlag regionalkultur, 2012)
(2) M. Schneider-Jacoby, "The European Stork Village Network as an example of rural business development",
     in R. Oppermann et al. 2012 (1)
(3) R. Oppermann et al., "Awareness raising among farmers and in the wider public", in R. Oppermann et al. 2012 (1)
(4) K. Ehlert et al., "Nature-friendly agricultural machinery and mechanical operations", in R. Oppermann et al. 2012 (1)
(5) Europäische Kommission, "Haushalt 2013 in Zahlen"
(6) M. Redman, "Rural Development Programmes and how the can support HNV farming",
     in R. Opperamnn et al. 2012 (1)