Definitionen und Bestimmungsmethoden

 

Typen von HNV-Landschaft und deren Bestimmung

Definition
Landwirtschaft mit "hohem Naturwert" (HNV, High Nature Value) bedeutet, dass die bewirtschaftete Fläche selbst eine hohe Biodiversität aufweist, und nicht nur ggf. deren Ränder oder deren Umgebung.  

Dies beinhaltet meist eine "halbnatürliche Vegetation", die nicht - auf jeden Fall nicht jährlich - gesät oder gepflanzt, aber regelmäßig gepflegt wird.

Es folgt ein Überblick über die europäischen HNV-Farmlandtypen (1)

1. Halbnatürliche Vegetation, die von der Landwirtschaft abhängt
Nach der EU-Habitat-Richtlinie gibt es neun entsprechende Habitatgruppen mit 59 Einzelhabitaten, die meist in mehreren biogeographischen Regionen vorkommen können. Darunter fallen mit dem größten Flächenanteil die "halbnatürlichen Wiesen und Weiden", sodann aber auch auch Küsten- und Sanddünenhabitate, gemäßigte, alpine und mediterrane Heide und Gestrüpp, Sumpflandschaften, Felsregionen und Wald - jeweils sofern eine Bewirtschaftung durch Beweidung oder regelmäßigen Schnitt stattfindet.   
Halbnatürliches Grasland kommt in einigen Ländern noch häufig vor (Angaben jeweils in Prozent der Landesfläche), z. B. in Spanien (> 24%), Großbritannien (22%), Schweiz (15%), Rumänien (14%), Bulgarien (10%). Bevorzugte Standorte sind bergige, unfruchtbare oder trockene, sowie wirtschaftlich benachteiligte Regionen. Am anderen Ende der Häufigkeitsskala liegen z. B. die Niederlande (1,9%).

2. Artenreiches Ackerland
Ackerland, auf dem regelmäßig gepflügt, gesät und geerntet wird, ist kein natürliches Habitat. Äcker gibt es bei Jahresmitteltemperaturen zwischen 0 Grad und 16 Grad Celsius, und in Größen von etwa 0,5 bis über 200 Hektar.  
Artenreichtum wird gefördert durch:

  • niedrige Intensität der Bewirtschaftung (Düngung, Pestizide); damit fällt die Ausbeute von 6,0 t/ha (EU-Durchschnitt) auf z. B. die Hälfte
  • Dreifelderwirtschaft mit einem Jahr Brache
  • Randstreifen mit extensiver Nutzung und/oder Einsaat einheimischer Blütenpflanzen ("Blühstreifen"), mit typischerweise 10-20 m Breite
 
Extensive Beweidung
Korsika, Frankreich, 2009
 
Extensive Beweidung
Alentejo, Portugal, 2003
 Einmal jährlich gemähte Wiese;
 Kalkboden, Schwäbische Alb,
 Deutschland
 Quelle: R. Oppermann
Intensive Landwirtschaft neben extensiver Weide
Causse Méjan, Frankreich, 2013
 


3. Dauerkulturen

Dauerkulturen haben hohen Naturwert, soweit sie nicht intensiv bewirtschaftet werden. Anzeichen hierfür sind Monokultur, maximal dichte Bepflanzung, selbes Alter aller Pflanzen, Bewässerung, Düngung.
Wichtige Beispiele sind:

  • Oliven: Anbaufläche in der EU 5 Mio. ha (davon 2,6 Mio. ha in Spanien, 1,1 Mio. ha in Italien). In Spanien werden heute etwa ein Drittel der Fläche bewässert und können damit als intensiv bewirtschaftet vermutet werden.
  • Stein- und Korkeiche: Anbaufläche um 6 Mio. ha (davon Spanien mit über 4 Mio. ha, Griechenland 1,4 Mio. ha); die Steineiche wird im Wesentlichen wegen der Eicheln als Schweinefutter angepflanzt. Diese Habitate können eine sehr hohe Biodiversität aufweisen - in Spanien wachsen 30% der national vorkommenden Gefäßpflanzen dort.
  • Weintrauben: Ihre Kultivierung hat stets einen gewissen intensiven Anteil, da Fungizid eingesetzt und der sonstige Bewuchs kleingehalten werden muss, sowie ein regelmäßiger Schnitt erforderlich ist. Die Extensivität kann durch kleinräumige Strukturen erhöht werden, wie typischerweise in Weinbergen mit Terrassen und Trockenmauern.
  • Streuobstwiesen: Traditionell bewirtschaftete Obstpflanzungen können die genetische Varietät der entsprechenden Sorten erhalten; so sind in Deutschland allein 1500 Apfelsorten und 1400 weitere Obstbaumsorten identifiziert worden. Durch die Kombination mit der extensiv bewirtschafteten niederen Vegetation wurden fünfmal so viele Vogelspezies gefunden wie auf intensiv betriebenen Plantagen.

4. Landschaftselemente 
Man kann diese nach ihrer Dimension untergliedern. Wesentlich ist jeweils die biotopunterstützende Eignung.

  • punktförmig: Einzelbäume, Tümpel, Gebäude
  • linienförmig: Hecken, Steinwälle, Gräben, Randstreifen (s. auch Absatz 2)
  • flächenförmig: Kleine Flecken von Brache, Wald, Streuobst usw. in einem intensiv bewirtschafteten Umfeld

Eine kleinräumige Gliederung erhöht die Habitatvielfalt.
Selbst in überwiegend intensiv bewirtschafteten Regionen beträgt der Flächenanteil von Landschaftselementen im europäischen Durchschnitt um die 5% der Ackerfläche. 10% werden für den Erhalt der Offenland-Biodiversität für erforderlich gehalten.

5. Intensiv bewirtschaftete Flächen, die seltene Spezies beherbergen
Der Vollständigkeit halber sei diese Kategorie erwähnt, die, wie der Name sagt, an sich keinen hohen Naturwert hat.
Es gibt jedoch Pflanzen- und Tierspezies, die sich so an die intensive Bewirtschaftung angepasst haben, dass sie in dieser prinzipiell überleben können.
Relevant ist dies für gefährdete Arten, wie z. B. den europäischen Hamster (auch Feldhamster, Cricetus cricetus), oder die Wiesenweihe (Circus pygargus). Der Hamster benötigt durchgehende Deckung (gegen Jagdfeinde) sowie genügend Nahrung im Herbst vor dem Winterschlaf; die Wiesenweihe, mit den größten europäischen Vorkommen noch in Spanien und Frankreich, ist neben relativ offenem Land (geeignet für die Jagd auf ihre Hauptbeute Feldmaus) angewiesen auf den Schutz ihrer Nester, die sie oft in Kornfelder baut, vor dem Mähdrescher. Beide überlebenswichtigen Randbedingungen sind auf intensiv bewirtschaftetem Ackerland erfüllbar.



 
Blühstreifen zwischen zwei Ackerschlägen; Deutschland
Quelle: Naturschutzberatung NRW 2013
Steinwall- und Gebüsch-Mosaik
Karpathos, Griechenland
Quelle: R. Oppermann
Kleinräumige Struktur aus Feld- und Baumbeständen
Schwaben, Deutschland
Quelle: R. Oppermann
Streuobstwiese
Schwaben, Deutschland
Quelle: R. Oppermann
regionaltypisches Gebäude mit Habitatcharakter
Südtirol, Italien
Quelle: R. Oppermann
Landschaftsmosaik Weinbau mit Baum- und Buschreihen
Pfalz, Deutschland, 2013
 



Die EU verwendet für HNV-Farmland eine vorläufige Definition der  Europäischen Umweltagentur von 2008:
Typ 1: Halbnatürliches Farmland (entsprechend Absatz 1 und 3)
Typ 2: Mosaik aus wenig intensivem Landbau mit halbnatürlichen Elementen (entsprechend Absatz 2 und 4)
Typ 3: (intensives) Farmland, das seltene Arten beherbergt (entsprechend Absatz 5)

Da der Begriff so neu ist, gibt es bisher weder einheitliche Richtlinien zur Bestimmung noch zuverlässige Datensätze.
Man verwendete Landbedeckungsdaten (CLC [CORINE Land Cover]) (7), Landwirtschaftsdaten (FADN [Farm Accountancy Data Network]), ergänzt um Biodiversitätsdaten wie bedeutende Vogel- oder Schmetterlingsgebiete, sowie Natura-2000-Flächen (2) (6).

                  oben: HNV-Farmland pro Landwirtschaftsfläche
                      Quelle: EEA 2012 (3), weitere Erläuterungen (4), (5)

links: HNV-Farmland pro Gesamtfläche
Quelle: Paracchini 2008 (2), weitere Erläuterungen (6)

 

   
          HNV-Farmland pro Landwirtschaftsfläche
Quelle: A. Benzler 2012 (8)
x
 

Die Karten oben zeigen die Verteilung von Farmland mit hohem Naturwert in Europa, links bezogen auf die gesamte Landoberfläche, rechts bezogen auf die landwirtschaftlich genutzte Fläche.
Die europäischen Mittelwerte betragen grob 10-15% pro Oberfläche und 30% pro Farmlandfläche. Die Spanne des letzteren Wertes reicht auf nationaler Ebene von unter 10% bis über 50%.
Man kann die intensiv bewirtschafteten Großräume gut erkennen, wie nordwestliches Zentraleuropa (mit Frankreich, Deutschland, Polen) oder auch Osteuropa (mit Rumänien).
Ebenso ist der hohe Anteil an HNV-Landwirtschaft in trockenen (Spanien, Korsika, Griechenland), gebirgigen (Alpenregion), nördlichen (Schottland, Norwegen) oder ökonomisch gering entwicklelten Regionen (Kroatien, Slowenien, Serbien) sichtbar.
Die Situation für Deutschland zeigt die Karte rechts. Auch hier ist zu erkennen, dass ebene und fruchtbare Regionen den niedrigsten Flächenanteil an HNV haben, d. h. am intensivsten bewirtschaftet sind.

Seit 2006 sind die EU-Staaten verpflichtet, HNV-Farmland auf nationaler Ebene zu identifizieren und dessen Entwicklung zu messen. Wie oben schon erwähnt, gibt es keine einheitliche Vorschrift.
Von den Einzelstaaten werden daher eine Vielzahl von Methoden, auch in Kombination, eingesetzt.
Am häufigsten werden Landbedeckungsdaten verwendet, sodann Informationen zu nationalen oder EU-Schutzzonen (Nationalparks, Natura 2000-Gebiete u.ä.), statistische und Verwaltungsdaten zu Landwirtschaftsystemen, sowie Daten zu Klima, Höhe, Relief und Artenvorkommen.

 
                                Anteil HNV-Farmland an landwirtschaftlicher Fläche
                                           mit Zuordnung zu HNV-Typen

Quelle: Daten aus A. Benzler 2012 (8); die hälftige Zuordnung der Landschaftselemente erfolgte willkürlich, G. Mair 2013 
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Exemplarisch wurde in Deutschland 2009 eine statistische Datenerhebung auf 900 Flächen von je einem Quadratkilometer, die nach Ökoregion und Landnutzung ausgewählt waren, durchgeführt. Zur Quantifizierung der oben beschriebenen HNV-Farmlandtypen wurde eine florale Biodiversitätsskala hinterlegt (Vorhandensein von Zeigerspezies).
Die nebenstehende Graphik zeigt links die gesamte Fläche Deutschlands mit der größeren Hälfte (55%) Acker und Grünland, ausgewiesen als 100%. Hiervon sind 13% HNV (maßstabsgetreue Kreisfläche in der Mitte), wobei der HNV-Anteil von Grünland mit 21,1% höher liegt, der von Ackerland mit 7,5% niedriger. Im rechten Balkendiagramm sind die gefundenen HNV-Typen dargestellt: Halbnatürliches Grünland dominiert, gefolgt von Landschaftselementen. Extensiv bewirtschaftete Ackerflächen machen nur 1,5% der gesamten Landwirtschaftsfläche aus, sowie Brache nur 0,8%. Mehrjährige Kulturen mit HNV-Charakter, darunter können in Deutschland im wesentlichen Streuobstwiesen und Weinbaugebiete fallen, bedecken 0,7% der Landwirtschaftsfläche (8) (9).



Quellenangaben und Anmerkungen

(1) R. Oppermann et al. (Eds), "High Nature Value Farming in Europe" (Ubstadt-Weiher: verlag regionalkultur, 2012)
(2) M. Paracchini et al., "High Nature Value Farmland in Europe - An estimate of the distribution patterns on the basis of land cover and biodiversity data" (JRC Scientific and Technical Reports, Luxembourg, 2008)
(3) EEA (European Environment Agency, Europäische Umweltagentur) / Data and Maps / Topic: Biodiversity; 2012
(4) "NUTS-2-Area" (Nomenclature of territorial units for statistics,, Systematik der Gebietseinheiten für Statistik): Das NUTS-System dient der einheitlichen Flächeneinteilung der EU. NUTS-1-Gebiete haben grob 5 Mio. Einwohner, NUTS-2-Gebiete, 1 Mio., und NUTS-3-Gebiete 300 Tausend Einwohner. Wo möglich, sind sie an Verwaltungseinheiten und an geographische Gegebenheiten angelehnt.
(5) "UAA" (Utilized Agricultural Area, verwendete landwirtschaftliche Fläche): Die UAA-Daten entstammen der statistischen Datenbank Eurostat; die satellitengestützten Landbedeckungsdaten (CLC, Corine Land Cover) weisen eine EU-durchschnittlich um etwa 20% größere Fläche für Landwirtschaft aus.
(6) Die Karte zeigt, bei der geringen Auflösung schlecht zu erkennen,
rot: HNV in "PBA" (Prime Butterfly Areas, bedeutende Schmetterlings-Gebiete); die Daten stammen von Butterfly Conservation Europe und umfassen 431 Gebiete mit 210 Tausend Quadratkilometern oder 1,8% der Landfläche; für die dargestellte Auswertung wurden hiervon 178 Gebiete verwendet.
violett: HNV in Natura 2000-Gebieten; ausgewählt wurden nur Gebiete in Zusammenhang mit Landwirtschaft; dies waren über 11000 Einzelflächen, 534 Tausend Quadratkilometer oder etwa 12% der Landfläche.
orange: HNV in "IBA" (Important Birdlife Areas, bedeutende Vogel-Gebiete); Daten von Birdlife International; es wurden aus insgesamt über 3400 Gebieten diejenigen mit Grünland-bewohnenden Vögeln ausgewählt.
Die Daten der abgebildeten Landkarte haben eine Auflösung von einem Quadratkilometer.
(7) "CLC" (CORINE Land Cover, wobei Corine für "Coordination of Information on the Environment" steht): Satellitendaten im Maßstab 1:100 000, mit einer Auflösung von 5 ha; lineare Strukturen, z. B. Flüsse, werden ab 100 m Breite abgebildet. Es werden 44 Landnutzungsklassen erfasst. Es gibt Datensätze von 1990, 2000 und 2006.
(8) A. Benzler, "Measuring extent and quality of HNV farmland in Germany", in R. Oppermann et al. (Eds), "High Nature Value Farming in Europe" s. (1)
(9) Die Kosten der Studie werden mit 350 Tausend Euro angegeben (Messung von 900 Datenflächen und Auswertung), und in Erfüllung der europäischen Monitoring-Vorgabe ein rollierend-vierjähriger Mess-Zyklus vorgeschlagen.