Warum dauerte die Entwicklung des Mehrzellers aus dem Einzeller so viel länger als die Entwicklung des Homo Sapiens aus dem Hominiden? IT-Evolution als Sonderfall

 

2. Evolution - ein sich selbst beschleunigender Prozess
 

Aus der Betriebswirtschaftslehre stammt der Begriff des Produktlebenszyklus (siehe Abb.). Nach der Entwicklung und Einführung eines neuen Produktes, z. B. eines Automodells, findet eine Wachstumsphase im Umsatz (rote Kurve) statt, d. h. eine Marktdurchdringung, die in eine Sättigungsphase und ggf. eine Ablösungsphase durch das nächste Modell mündet.

Quelle: Wikipedia, "Produktlebenszyklus", abgerufen 7.10.10

 



Trägt man auf der senkrechten Achse nicht Umsatz oder Gewinn, sondern die "Leistung" auf, die man als das Produkt aus Innovationsgrad mal Verbreitung definieren könnte, erhält man die rechts abgebildete Darstellung:

Diese S-Kurve für die Entwicklung einer neuen Technologie gilt für kleine Innovationsschritte (z. B. Modellwechsel beim PKW, oder verschiedene Schnabelformen beim Galapagosfinken) genauso wie für Innovationssprünge, wie die Erfindung des Automobils oder die Entstehung der Vögel.

Sich einander ablösende bzw. aufeinander aufbauende Technologien erzeugen einen Gesamttrend (gestrichelte Linie der rechten Abb.).

Dass dieser Trend in einer Exponentialfunktion (steigende Kurve) dargestellt ist, und nicht in einer linearen Funktion (Gerade), entspricht der historischen Beobachtung, wie die Tabelle unten zeigt. Man beachte die logarithmische Einteilung der Zeitskala.

Quelle: Olsberg, "Schöpfung außer Kontrolle", 2010

 

Von der Bakterie bis zum Mehrzeller dauerte es Millarden Jahre, vom Hominiden zum Homo Sapiens nur noch Millionen; vom Steinwerkzeug bis zum Ackerbau vergingen Millionen Jahre, von der Dampfmaschine zur Atomkraft Jahrhunderte, vom Computer zum Internet nur noch Jahrzehnte.
Insbesondere in der Informationstechnologie sind exponentielle Trends gut bekannt, so nennt das "Mooresche Gesetz" (eigentlich eine empirische Regel) Verdopplungszeiten für die Transistorenzahl pro Mikrochip (oder allgemeiner auch Prozessorgeschwindigkeiten, Speicherkapazitäten, Preisverfall pro Leistungseinheit) von eineinhalb bis zwei Jahren:  Mooresches "Gesetz"

Es wurde von Gordon Moore bereits 1965 formuliert, und behielt bisher über sechs Zehnerpotenzen an Leistungsfähigkeitsentwicklung hinweg seine Gültigkeit, trotz regelmäßiger Vermutungen, dass technologische und physikalische Grenzen auftreten würden. Wachsen die Bäume in den Himmel? 

Die exponentielle Wachstumscharakteristik biologischer evolutionärer Prozesse wird damit erklärt, dass die erste replikationsfähige Aneinanderreihung von organischen Molekülen sehr unwahrscheinlich sei und damit ein langer Zeitraum bis zum ersten Auftreten vergehen würde. Je komplexer das bereits vorhandene Genom sei, desto kleinere - und entsprechend wahrscheinlichere - Ereignisse (Mutationen) würden zu weiterhin überlebensfähigen Veränderungen führen. Hierbei gibt es offenbar eine Maximalgeschwindigkeit, die durch die Generationendauer der Lebewesen gegeben ist (siehe Tabelle oben, linke Spalte: Die Komplexitätszunahme der Lebewesen - weitere Evolution des Menschen - beschleunigte sich ab einer Zeitskala von zehntausenden von Jahren nicht weiter).
Dass der Mensch per Selektion und Gentechnik hier beschleunigend eingreift, ist wiederum im Gesamtzusammenhang Mensch-Technik-Information zu verstehen. 

Die stete Beschleunigung der technologischen und Informations-Evolution beruhen auf dem Effekt, dass neue Technologien nicht nur additiv bewirken, dass das entsprechende Produkt sich vermehrt, sondern sich untereinander befruchten. So diente z. B. die Dampfmaschine dem Antrieb von Grubenpumpen, was zu mehr Kohleförderung und damit zur Beschleunigung des Stahlindustrie-Wachstums führte. Der Buchdruck machte erst die Verbreitung des rasch zunehmenden technischen Wissens möglich, der PC beschleunigte die Entwicklung der Fertigungssteuerung komplexer Fabrikationsvorgänge.

Der Futurist Ray Kurzweil postulierte sogar eine doppelt exponentielle Beschleunigung, da zusätzlich zum oben genannten bei erfolgreichen Technologien mehr Entwicklungsressourcen eingesetzt würden, was nochmals zu einer Multiplikation der Geschwindigkeit führen würde.
(Quelle: Ray Kurzweil, "The Singularity is near", 2005)

In den vergangenen 20 Jahren erhöhte sich der Anteil der Informationstechnologie am Bruttosozialprodukt entwickelter Länder exponentiell, was diesem Wachstumsgesetz entspräche.

Ob für die technologische und IT-Entwicklung Komplexitäts- oder sonstige Wachstumsgrenzen existieren, muss als offene Frage angesehen werden - Prognosen hierzu waren in der Vergangenheit regelmäßig falsch.
Wir sind daher gut beraten, eine weitere Beschleunigung in der nahen bis mittleren Zukunft nicht auszuschließen.

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