Die Indianer US-Nordamerikas: Kolonialgeschichte bis ins 20. Jahrhundert

 

Geschichte der Indianer auf dem Territorium der heutigen USA

 

 
                                                           Das indianische Nordamerika um 1700
                                       Die Karte zeigt Nationen (Stämme) (2) und Oberbegriffe (Fettdruck)
                                                          ohne Kanada und Alaska

Quelle: Mattioli 2017 (1)
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1. Einleitung (1)

1492, zur Zeit der Entdeckung Nordamerikas durch Kolumbus, schätzt man dessen Bevölkerung nördlich des Rio Grande (heutige Grenze zu Mexiko) auf rund 5-10 Mio. Menschen in rund 500 Stämmen (2). Am Tiefststand um 1900 waren in USA noch 237 000 Indianer übrig.
Diese ethnische Katastrophe wurde verursacht durch ein Zusammenspiel von eingeführten tödlichen Krankheiten, Gewalt auf privater bis staatlicher Ebene, Vertreibung, Entzug der Existenzgrundlage wie Nahrung und Boden sowie dem Versuch der zwangsweisen Umerziehung ("ethnischer Genozid").
Erst 1975 wurde mit dem Indian Self Determination Act die Politik der "Termination", der Zwangsassimilation in die westliche Zivilisation, beendet.

2. Erstbesiedelung bis Kolonialzeit (1500)

Die Besiedelung des nordamerikanischen Halbkontinents erfolgte wahrscheinlich etwa 11 000 Jahre v.u.Z. am Ende der letzten Eiszeit über die Beringstraße (Clovis-Kultur), möglicherweise in mehreren Wellen. Ab etwa 5000 v.u.Z. ist in einigen Gegenden, vor allem im südlicheren Landesinneren (mit weniger Fisch- oder Wildreichtum) Ackerbau nachweisbar. Um rund 700 u.Z. wurden im Colorado-Plateau, im Gebiet der heutigen "4-Corner-Staaten" (3) die ersten Hochkulturen entwickelt. Sie kannten den Ackerbau mit Mais, Bohnen und Kürbis, die Keramik, Pueblos und Straßen sowie den Fernhandel.

 
                    Wohnhäuser der Anasazi-Kultur (um 1190)
Mesa Verde, Colorado, 1984
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Diese auf die Landwirtschaft angewiesene Anasazikultur - ein Sammelbegriff für mehrere Stämme - ging im 13. Jh. durch eine längere Dürreperiode zugrunde, vor dem Eintreffen der Europäer (4).
 
Im 12. Jh. gab es am Mittellauf des Mississippi die Handelsstadt Cahokia mit wohl über 50 000 Einwohnern. Sie ließen rund 120 Erdpyramiden zurück.

Am stärksten besiedelt waren der Nordosten (Mischökonomie), der Südwesten (Ackerbau), die Westküste (Fischfang und Jagd) und einige Flussläufe. Der mittlere Westen, d. h. die Great Plains, das semiaride Gebiet zwischen Rocky Mountains und Mississippi/Missouri, war am dünnsten besiedelt, dafür tummelten sich dort mehrere zehn Millionen Bisons.



3. Kolonialzeit 1500-1783 (Unabhängigkeit der USA)

 
   Quelle: Mattioli 2017 (1)
 farbige Ergänzungen durch Autor:
 Orange: Erste Kolonialsiedlungen; braun: Appalachen; rot: Siedlungsdruck
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Die ersten "Invasionen" erfolgen durch Spanier bis in den Bereich des heutigen Kalifornien, durch Franzosen entlang des St. Lorenz-Stroms und durch Engländer an der Ostküste des Kontinents (s. Karte rechts). Die Europäer bringen Krankheiten mit, gegen die die Indianer keine Abwehrkräfte hatten: Pocken, Masern, Typhus, Diphterie, Grippe. Man schätzt, dass bis 1700 über zwei Drittel der Eingeborenen starb, mit einer Restbevölkerung von etwa 1,5 Mio. Menschen - lange bevor signifikante Kriegshandlungen ausbrachen. 

Im 17. Jh. ist unter Frankreich in Kanada der Pelzhandel das große Geschäft. Überjagen führt rasch zu Territorialkonflikten zwischen den Stämmen, im  "Biberkrieg" oder "Irokesenkrieg" verdrängen diese gewaltsam andere Nationen. Frankreich organisiert 1701 den Frieden von Montréal, der bis zum französischen Gebietsverlust 1763 hält.

An der Ostküste explodieren im 18. Jh. die Siedlerzahlen: Von 250 000 im Jahr 1700 auf 2,5 Mio. im Jahr 1775. Da diese im Gegensatz zu den französischen Händlern das Land bebauen wollen, beginnt die Vertreibung der Indianer aus dem Gebiet östlich der Appalachen: Die Indianer sind Gegner.
Diese bekämpfen sich auch untereinander, teilweise alliiert mit den europäischen Mächten. Zudem findet Sklavenhandel statt: Die Chicasaw sollen innerhalb von 40 Jahren rund 50 000 Indianer gefangen und gegen westliche Waren an die Briten verkauft haben, die sie auf die karibischen Inseln weiterhandelten.

Im Siebenjährigen Krieg 1756-1763, der englisch bezeichnenderweise French Indian War heißt, kämpfen die Indianer im Wesentlichen auf Seiten der Franzosen, zum Teil mit grausamen Ausschreitungen, um ihr Land gegen die Eindringlinge zu verteidigen: Die Hassbeziehung zu den Briten entsteht.

 Quelle: Mattioli 2017 (1)
 farbige Ergänzungen durch Autor:
 orange: Ohio-Region; braun: Appalachen; rot: Siedlungsdruck
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Quelle: Mattioli 2017 (1)
farbige Ergänzungen durch Autor:
Schwarz: "Nordwest-Territorium", rot: Siedlungsdruck
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Frankreich verliert den Krieg und seine Kolonie, damit steht der Besiedelung der Ohio-Region (s. Karte oben links) nichts mehr im Weg. Eine Konföderation aus mehreren Ohio-Nationen unter dem Ottawa Pontiac wehrt sich 1763-1764 militärisch (mit 2500 Toten, meist Siedlern, auf britischer und 200 Toten auf indianischer Seite); der Konflikt wird durch König Georg III mit Hilfe einer Proklamation beendet, die die Siedlungsgrenze an den Appalachen festlegt. Diese wird bei ihrer Verkündigung 1764 in Fort Niagara unter Anwesenheit von 2000 Indianern aus 24 Nationen hoffnungsvoll aufgenommen, bringt jedoch die amerikanischen Eliten und die Siedler gegen Großbritannien auf und wird nicht eingehalten. Es beginnt das Phänomen der Gesetzlosigkeit der "Frontier", der Siedlungsgrenze. Während die Armee teilweise Ausrottungsbefehle erteilt, werden Massaker durch private Bürgerwehren nicht strafverfolgt. So ermordet eine Bürgerwehr in Paxtang, Pennsylvania in Lynchjustitz 14 sich in Schutzhaft befindliche christliche und assimilierte Conestoga, darunter acht Kinder - straflos. 

Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1776-1783 kämpfen die Indianer auf Seiten der Briten - wieder auf der Verliererseite. Die Armee betreibt die Taktik der verbrannten Erde und vernichtet in Pennsylvania und New York systematisch ihre Dörfer, Felder und Vorräte. Die Irokesenkonföderation versinkt in Bedeutungslosigkeit. Von Siedlermilizen werden Massaker wie das von Gnadenhütten 1782 veranstaltet, in dem 96 christliche Delaware in einem Missionsdorf gewaltlos gefangengenommen und dann durch Hammerschläge abgeschlachtet werden.
Die erste kontinentale Pockenpandemie fordert gleichzeitig zwei- bis dreimal soviele Tote wie die Kriegshandlungen auf beiden Seiten zusammen, rund 130 000 Opfer.
Die amerikanische Verfassung von 1787 ist geprägt durch Ideen der Aufklärung wie der Gleichheit aller Menschen und ihrer Grundrechte wie Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Dies gilt allerdings nicht für die afrikanischen Sklaven und auch nicht für die Indianer. 

4. 1783-1848 (Erwerb Kaliforniens)

 
   Quelle: Mattioli 2017 (1)
 farbige Ergänzungen durch Autor:
 orange: Kalifornien; grün: Große Ebene; blau: Mississippi; gelb: Baumwollgebiet
 rote Zahlen: Ende der auf freiem Land lebenden Indianer

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Die Unabhängigkeit der USA verstärkt den Einwanderungsdruck, innerhalb von 25 Jahren erhöht sich bis 1790 die nichtindianische Einwohnerzahl um ein Drittel auf 3,9 Mio. Personen. Die staatliche Indianerpolitik der jungen USA setzt mehr auf Umerziehung (zu christlichen Farmern) und Verträge (Abkauf des Landes) als auf militärische Konfrontation, da diese als teurer gesehen wird. In der Realität wird bestochen, mit nicht legitimierten Personen verhandelt oder das Prinzip der Schuldenfalle genutzt - indianische Kunden dürfen anschreiben und müssen irgendwann mit Land zu minimalen Preisen bezahlen. Letztlich findet eine Enteignung statt, und der Staat sucht das Landmonopol zu halten, um an der Weiterveräußerung zu verdienen. 

1787 beschließt die junge Republik mit der "Northwest Ordinance", wie ihre eigene Ausbreitung vor sich gehen soll: Jeweils 5000 neue Siedler dürfen ein lokales Parlament wählen, ab 60 000 Siedlern kann ein Antrag als neuer Gliedstaat gestellt werden. Indianisches Land dürfe nur im Einverständnis oder als autorisiertes Kriegsergebnis besiedelt werden. Als erstes ist der "Nordwesten", der Bereich zwischen dem Ohio-Fluss und den Großen Seen (Ohio, Indiana, Michigan, Illinois, Wisconsin) vorgesehen (s. Karte weiter oben rechts, USA nach 1783).
Es setzt ein neuer Siedleransturm ein, auch mit illegaler Landnahme. Eine Allianz von rund zehn Nationen unter Führung der Shawnee führt den "Northwest Indian War" (1790-1795), der nach dem bekannten Muster verläuft: Die Indianer schlagen die Armee in der Schlacht am Wabash (800 Soldaten und 37 Indianer als Todesopfer), es folgt eine Kampagne von Gegenschlägen unter Vernichtung von Dörfern und Vorräten, und im Vertrag von Greenville werden weite Gebiete von Ohio und Indiana gegen 20 000 US-Dollar abgetreten. 
1803 kann Präsident Jefferson das "Lousiana"-Gebiet (s. Karte oben) von Frankreich erwerben, jedoch bereits 1802 äußert er die Idee, alle Indianer in Gebiete westlich des Mississippi umzusiedeln; er ist der Vordenker der Deportation. In seine Amtszeit fallen für die Nordwest-Region 28 Verträge mit Nationen mit 320 000 Quadratkilometern Landabtretung, darunter der "Whiskey-Vertrag" von Fort Wayne 1809, bei dem mit lokalen Führern ohne Vertretungsanspruch für ihre Nationen abgeschlossen wurde. 
Etwa 3000 Indianer ziehen freiwillig über den Mississippi, einige assimilieren sich unter Quäker-Missionen zu Bauern, jedoch formiert sich unter dem Shawnee-Führer Tecumseh militärischer Widerstand gegen die Vertreibung.

Der britisch-amerikanische Krieg 1812-1814 ist das letzte Mal, dass Indianer mit externen Bundesgenossen gegen die US-Eindringlinge kämpfen. Im Norden endet der Widerstand mit der Schlacht am Thames River, wo Tecumseh fällt, im Süden (Alabama und Georgia) findet mit den Creek eine Gewaltspirale statt: Eine Miliz tötet 20 Indianer, aus Rache wird ein Fort (Fort Mims) erfolgreich angegriffen und dort 275 Menschen, darunter Frauen und Kinder, getötet, was zu Strafexpeditionen führt, darunter dem Massakrieren eines Dorfes (Tohopeca) mit 850 Einwohnern. 93 000 Quadratkilometer werden zwangsabgetreten.
Die Briten hatten den Indianern eine "panindianische Heimstätte" zwischen USA und dem heutigen Kanada angeboten, jedoch endet der Krieg mit dem Status Quo (die britische Provinz des heutigen Kanada wird gehalten), wodurch die Indianer verlieren. Der Friedensvertrag von Gent (1814) sieht zwar vor, dass die Indianer den Status Quo von 1811 wiedererhalten, doch er ist das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben ist.
Die Expansion der USA wird sich künftig nach Westen und Süden richten, und die Gräuel des Krieges vertiefen den Hass auf die Indianer. Drei Veteranen des Krieges werden Präsidenten werden (1829, 1841, 1849) und politisch entsprechend vorgeprägt sein.

In den 1820ern erfolgen Wahlrechtsreformen. In vielen Staaten fällt der Zensus - d. h. die Koppelung des Wahlrechts an Eigentum - weg und die Massendemokratie entsteht, mit Parteien, Propaganda und Populismus. Jackson propagiert die entgültige Enteignung aller Indianer und wird mit diesem Programm 1829 Präsident.
Im Südosten erzeugt der Baumwollboom Siedlungsdruck. 1830 arbeiten eine Million afrikanische Sklaven auf Baumwollplantagen, die USA sind die größte Sklavenwirtschaft der Welt.
1814-1829 werden über 100 Verträge mit Nationen geschlossen und dabei 280 Tausend Quadratkilometer Land abgetreten. Noch 125 Tausend Indianer leben östlich des Mississipi.
1830 wird der "Indian Removal Act" beschlossen, der die ethnische Säuberung des Ostens vorsieht. Bis 1851 werden in 86 Landabtretungs- und Umsiedlungsverträgen 1,8 Mio. Quadratkilometer Land beschlagnahmt.
Die erste Deportation ab Herbst 1831 von 20 Tausend Choctaw über eine Strecke von 900 km kostet 2500 Todesopfer, durch Verhungern und Erfrieren.
Die noch verbliebenen 15 Tausend Cherokee im Bereich der südlichen Appalachen ereilt ein besonderes Schicksal. Nach einem Anerkennungsvertrag (von Hopewell 1785) hatten sie sich weitgehend assimiliert in Kleidung, Bildung und Lebensweise. Die Erfolgreichsten waren sogar Baumwollfarmer mit eigenen Sklaven geworden. Sie erfanden ein Silbenalphabet, gaben sich eine schriftliche Verfassung (1827) und brachten eine zweisprachige Zeitung heraus (1828). Der Oberste Gerichtshof hatte 1832 die Souveränität der Cherokeenation anerkannt.
Dennoch überredet die Bundesregierung rechtswidrig eine nicht legitimierte Minderheitenvertretung für 5 Mio. US-Dollar zu einem Umsiedlungsvertrag (Scheinvertrag von New Echota 1835). 1835 wird die Zwangsdeportation, militärisch begleitet, durchgeführt. Auf dem 1600 Kilometer langen "trail of tears" ("Weg der Tränen") kommen bei 16 Trecks 4000 der 15 Tausend Deportierten um.
1840 ist die Bevölkerung auf 17,1 Mio. Personen gestiegen, die Immigranten kommen mehrheitlich aus Irland, Deutschland und Großbritannien.
Die öffentliche Meinung folgt der "manifest destiny", der "offenkundigen Bestimmung", dass die USA von Gott dazu auserkoren sei, den Kontinent zu besetzen und die dominierende Kontinentalmacht zu werden. Man sieht sich - gemeinsam mit den Briten - an der Spitze der Rassenhierarchie.
1850 sind praktisch alle Indianer östlich des Mississipi vertrieben (s. Karte oben).

5. Kalifornien 1848-1860er

Vor dem Eintreffen der Spanier lebten etwa 310 Tausend Indianer im heutigen Kalifornien, es war die am dichtesten besiedelte Gegend Nordamerikas. Dies war dem Klima und dem Fisch- und Wildreichtum zu verdanken. Die Indianer betrieben keinen Ackerbau, stellten jedoch Brot aus Eicheln her.
Bis 1848 hatte die eingeborene Bevölkerung bereits um über die Hälfte auf 150 000 abgenommen, hauptsächlich durch Epidemien (darunter eine Malariaepidemie 1833 mit rund 50 000 Toten), aber auch durch sklavenartige Behandlung in den spanischen / mexikanischen Missionsstationen und Landgütern.
Nahezu zeitgleich mit der kriegerischen Erwerbung mexikanischer Gebiete, darunter Kalifornien (s. Karte oben) wird 1848 Gold gefunden, was rasch Zehntausende über die Great Plains oder über die Seeroute anlockt. Bereits zwei Jahre später werden schürfende Mexikaner und Indianer aus rassistischen Gründen vertrieben. Die Kommerzialisierung führt zum Einsatz von Wasserkanonen für die Gesteinstrennung, die Holz benötigen. Waldabholzung und die Vergiftung der Umwelt mit Quecksilber, das zur Trennung benutzt wird, sind die Folge.
Städte wie San Francisco, Los Angeles oder San Diego schießen aus dem Boden, die nichtindianische Bevölkerung steigt von 10 000 (1848) auf über eine halbe Million bis 1870. Gleichzeitig schrumpft die indianische Bevölkerung von 150 000 auf 31 000 in nur zwanzig Jahren (1860), 6000 Tote pro Jahr nur in Kalifornien.
Dies sind traurige Spitzenwerte an Brutalität in der US-Geschichte. Wie sind sie zu erklären?
Die Immigranten haben die üblichen Grundwerte: Das Evangelium, den Pioniergeist, den Glauben an die amerikanische Bestimmung und den Rassismus. Die einsetzende Industrialisierung beschleunigt Siedlerströme und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Gleichzeitig zieht der Goldrausch viele junge und gewaltbereite Männer an.
Wahrscheinlich finden hier die meisten Privatmilizen-Massaker der USA statt, belegt sind über 25 (1848-1871) mit je 20 bis über 400 Toten. Im "Mendocinokrieg" 1859 fordert eine Mordkampagne mehrere hundert Tote unter den Yuki, und die Verwaltung zahlt der Bürgerwehr die für das Morden aufgewendeten und geforderten Kosten von 11 000 US$! Auch die Armee selbst begeht Massaker, z. B. das Clearlake Massaker (1850) mit 100 Toten, als Rache für einen Mord an zwei Siedlern.
Für "Herumstreunende" wird die Zwangsarbeit eingeführt, was bis 1863 rund 10 000 Personen, darunter bis zu 5 000 Kinder, betrifft. Die Presse fordert die "Ausrottung".   
Man kann hier von regionalem Genozid sprechen, da der lokale Vorsatz von Staat und Union durch Duldung oder aktiv zumindest nachträglich abgesegnet wurde. 

6. Great Plains 1836 (Gründung von Texas) - 1890 (Ende der "Frontier")

Die voreuropäische Besiedelung dieser semiariden Grassteppe war dünn. Erst die Einführung des Pferdes (Berber) durch die Spanier (1598), das verwilderte und sich im 17. und 18. Jh. bis nach Kanada ausbreitete (um 1800 wird der Bestand auf 2 Mio. Wildpferde geschätzt) erlaubte die Bildung von Nomadenkulturen auf Basis der berittenen Büffeljagd, aus denen rund 30 Nationen entstanden, mit etwa 2-300 000 Plains-Bewohnern (1840). 
Im Süden dominierten ab 1750 die kriegerischen Comanche, die jährliche Raubzüge bis nach Mexiko durchführten und 1780 ein Maximum von 40 000 Köpfen erreichten.

1836 gründen amerikanische Siedler auf mexikanischem Gebiet Texas, das 1845 von den USA annektiert wird.
1863-1840 fordert eine Pockenepidemie mehrere 10 000 Tote. Einige Nationen verlieren bis zu 90 % ihrer Bevölkerung.
Bis 1850 verlaufen die Begegnungen (im wesentlichen Siedlertrecks) im allgemeinen friedlich, bis 1860 sind auf beiden Seiten nur wenige Hundert Opfer zu beklagen. Bei höherem Siedlungsdruck verläuft die Konfrontation mit den Siedlern nach dem üblichen Muster. Während Washington in einer Politik der (ungleichen) Verträge die Absonderung in Reservate betreibt, eskaliert die Gewalt zivil und militärisch bei entsprechenden Gelegenheiten. So werden beispielsweise im Vertrag von Laramie 1851 die Durchfahrtsrechte der Tausenden von Trecks gegen eine Geldzahlung von 50 000 US$ auf 15 Jahre verhandelt, dabei aber auch die Zuweisung der Plains-Indianer auf Regionen definiert. 
Zeitnah führt der Diebstahl einer Kuh in einer Gewaltspirale zum militärischen Massaker von Ash Hollow (1854), in dem in einem Lakotadorf 84 Indianerkrieger niedergemetzelt werden.

1865 geht der vierjährige amerikanische Sezessionskrieg zu Ende, während Lincoln Präsident ist. Er schafft zwar die Sklaverei ab (für rund vier Mio. Schwarzafrikaner), führt aber die bisherige Politik des Abdrängens der Indianer in Reservate fort.
1882 wird der "Homested Act" beschlossen, der jedem Siedler rund 64 ha Land kostenlos zur Verfügung stellt, sofern er es fünf Jahre lang bewirtschaftet. Dies war eine staatliche Aufforderung, in indianisches Gebiet einzudringen. Bis 1900 kamen auf diesem Weg rund 800 Tausend Farmer zu 320 Tausend Quadratkilometern Grund.
1869 geht die erste transkontinentale Eisenbahn in Betrieb. Zur Finanzierung aller Eisenbahngesellschaften wurden 700 Tausend Quadratkilometer Land übertragen. 

Nach Ash Hollow finden in den Plains bis 1890 zahlreiche blutige Konflikte statt:
1862 werden nach einem hungerbedingten Aufstand der Reservats-Dakota (Sioux) in Minnesota 303 Indianer lokal zum Tod verurteilt. Selbst nach einer Massenbegnadigung durch Lincoln werden noch 38 Dakota gehängt - die größte Massenhinrichtung der US-Geschichte. Ihr Reservat wird aufgehoben und weiter nach Westen verlagert.
1861 wird den Cheyenne ihr vertraglich zugesichertes Territorium wieder genommen, außerdem werden die Bisons knapp, die für die Lederherstellung in Massen geschossen werden. Nach Widerstand ermächtigt der lokale Gouverneur alle Bürger, Indianer als "Feinde des Landes" zu töten. Im militärischen Massaker von Sand Creek (Colorado) ermorden die Soldaten in einem Dorf 150-200 Indianer, um sie danach stundenlang zu schänden, durch Abschneiden von Nasen, Ohren und Genitalien. Dieses Massaker löste zwar im Osten der USA Entsetzen aus, wurde jedoch als legal eingestuft. 
Die Sioux leisten in den nach ihrem Führer genannten Red Cloud-Kriegen (1866-1868) gemeinsam mit den Cheyenne und Arapaho Widerstand. Er endet mit dem zweiten Vertrag von Fort Laramie, in dem das Stammesgebiet wiederum verkleinert wird. Nachdem militante Cheyenne das Reservat wieder verlassen, beginnt wieder die Politik der verbrannten Erde.
Nachdem Goldsucher 1874 illegal in die heiligen Berge der Sioux, die Black Hills (South Dakota) eingedrungen waren, sammelt der Häuptling Crazy Horse mehrere Tausend Krieger und vernichtet eine Militäreinheit am Little Big Horn vollständig (216 tote Soldaten). Die Black Hills werden annektiert, Sitting Bull flieht nach Kanada und ergibt sich 1881.
Im Süden wurden die Comanche im Reservatsgebiet "Indian Territory" bis 1870 durch Krankheiten von 20 000 auf 5000 reduziert (1848 Pocken, 1849 Cholera, 1862 Pocken). Der Siedlerangriff auf ein Dorf 1872 führt 1874 zu einem Racheangriff auf einen Handelsposten, der gegenüber den 1866 eingeführten Repetiergewehren scheitert. Die ultimative Aufforderung an 2000 außerhalb lebende Comanche, in das Reservat zu gehen, wird militärisch mit den üblichen Mitteln durchgesetzt - einmal werden rund 1000 Pferde getötet (Palo Duro 1874). Nach Entzug der Subsistenzbasis und nach den Kriegshandlungen überleben noch 1500 Comanche. Das "Indian Territory" wird 1907 aufgelöst werden und in den Staat Oklahoma übergehen.
Im Westen ergibt sich der Apache Geronimo mit seinen letzten 36 Kriegern 1886.
Insgesamt werden in Militärkampagnen 1868-1877 mindestens elf Dörfer dem Erdboden gleichgemacht.

Im Jahr 1890 wird die Frontier für geschlossen erklärt. Innerhalb von nur 25 Jahren wurde aus der freien Steppe eine eingezäunte Viehweide in Privatbesitz. Die Spezies der Bisons überlebt mit rund 800 Tieren nur knapp.
Die indianische Bevölkerung beträgt noch 248 000.

7. Reservate 1879 (erstes Internat) - 1934 (Indian Reorganization Act)

Die Reservate waren keine kulturellen Schutzzonen, sondern dienten der Umerziehung.
Schulen, Kirchen, Gerichte, Polizei und Farmen, alles nach amerikanischem Vorbild, gehörten zur Grundausstattung.

1879 wird das erste Internat für indianische Kinder gegründet (Carlisle, Pennsylvania), in dem bis 1903 4900 Kinder aus 77 Nationen zwangsweise von ihren Eltern getrennt leben müssen. Die Muttersprache ist unter Sanktionsdrohungen (wie Essensentzug) verboten, Kinderarbeit und militärischer Drill sind die Regel. Bis zur Schließung 1918 wird es 190 Tote durch Krankheiten und Selbstmord geben.
1882 wird durch christliche Aktivisten die "Indian Rights Association" gegründet, die zum Ziel hat, die "zum Untergang bestimmte" Lebensform, Kultur und Sprache der Indianer durch Umerziehung zu US-Bürgern zu ersetzen.
1887 wird das Carlisle-Internat zum nationalen Modell ernannt; um 1900 werden rund 80 % der 21500 Kinder auf amerikanische Schulen gehen, darunter (1920) die Hälfte auf Internate.
In den Reservaten ist die Ausübung religiöser und kultureller Praktiken verboten - im Widerspruch zum 1. Verfassungsanhang, der die Religionsfreiheit vorschreibt. 1890 gibt es bereits in 59 Reservaten ein lokales Polizeicorps aus willigen Indianern, die dies kontrollieren sollen und damit zur Zerstörung ihrer eigenen Kultur beitragen. Wirtschaftlich sind die Reservate auf Essenslieferungen angewiesen.
Die offizielle Politik der "Zivilisierung" und "Amerikanisierung" kann als geplanter Ethnozid verstanden werden.

1887 verfügt der "General Allotment-Act" die zwangsweise Privatisierung der Reservate (unter Verletzung diverser früherer Verträge); fixe Flächen gehen an jeden einzelnen Indianer, der Rest an den Privatmarkt. Bis zur Außerkraftsetzung 1934 werden von 213 Reservaten zwei Drittel privatisiert und nur noch 212 000 Quadratkilometer in - teils privatem - Indianerbesitz sein. Senator Dawes: "Selbstsucht ist die Grundlage der Zivilisation": Die Indianer sollen erzogen werden, Privatbesitz anzustreben.

Die physische und kulturelle Not erzeugt über den prophetischen Paiute Wovoka die friedliche "Geistertanzbewegung" (1889), die mit Hilfe ritueller Tänze die Weißen vertreiben soll und sich rasch ausbreitet. 1890 marschieren 9000 Soldaten in die Sioux-Reservate, um die "Revolte" niederzuschlagen, Sitting Bull wird festgenommen und erschossen. Ein Trupp von 120 Männern und 250 Frauen und Kindern, die auf dem Weg zu einem Geistertanz sind, werden am Wounded Knee gestellt, eingefangen und niedergemetzelt (rund 300 Tote). Der Öffentlichkeit wird das Massaker als "Schlacht" dargestellt.  
Die indianische Bevölkerung beträgt auf ihrem Tiefststand noch 240 000.

Roosevelt, Präsident ab 1901, unterstützt die Gründung der "American Bison Society" und richtet mit die ersten Naturparks wie Grand Canyon oder Mesa Verde ein, aber er sagt auch 1886: "Ich gehe nicht davon aus, dass die einzigen guten Indianer Tote sind, aber ich glaube, dass es auf neun von zehn zutrifft, und ich möchte nicht zu genau über den Fall des zehnten nachdenken."
1905 bilden fünf zivilisierte Stämme im Indian Territory (Oklahoma) einen Verfassungskonvent zur Bildung eines eigenen Bundesstaates, dieser wird von Roosevelt abgelehnt.

Nach dem Ende der Landnahme beginnt die Prägung der öffentlichen Wahrnehmung des "Wilden Westens" durch Wildwestshows. Buffalo Bill (ein ehemaliger Frontiersiedler und Teilnehmer an Einsätzen gegen Indianer, der in 7 Monaten 4280 Bisons erschossen haben soll), tritt 1883-1894 in einer Show mit "echten Indianern" und "echten Cowboys" vor einem Millionenpublikum auf. Ab 1903 folgt der Western-Film. John Wayne, aktiv als Schauspieler ab 1930, wird noch 1971 sagen: "Ich denke nicht, dass wir ein Unrecht begingen, indem wir ihnen [den Indianern] dieses großartige Land wegnahmen". 

Siedlerkolonialismus war im 18. und 19. Jh. ein gängiges Phänomen, so auch in Kanada, Australien, Neuseeland, Sibirien, Südafrika oder Brasilien. In den USA war einerseits das Tempo besonders hoch (mit einer nichtindianischen Bevölkerungszunahme 1800 bis 1900 von 5 auf 75 Mio. Einwohner), andererseits waren sie die erste selbstbefreite Kolonie mit einer aufklärerischen, damals hochmodernen Verfassung, die Menschen- und demokratische Rechte als Kernaussagen hatte, die jedoch, aus dem zeitgenössischen rassistischen Verständnis heraus, nicht für "minderwertige" Rassen wie Schwarzafrikaner oder Indianer galt.  

8. 1934 - 1975 (Lockerung) und Gegenwart

 
                                              Pueblodorf
  New Mexico, 1984
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1934 wird im Zusammenhang mit dem "New Deal" (Maßnahmen zur Minderung der Wirtschaftskrise) der Indian Reorganzation Act verabschiedet. Er erlaubt erstmals die freie Religionsausübung, soll die indianische Kultur fördern und gewährt eine lokale Regierung. Der Landkauf wird gestoppt, und Mittel für den Rückkauf gewährt (für gesamt 12 800 Quadratkilometer).
1944 wird der National Congress of American Indians gegründet, die erste panindianische politische Widerstandsbewegung. Sie wird 1978 3000 Mitglieder für 154 Stämme haben.
1953 wird allerdings in der "House Concurrent Resolution 108" wieder der Terminationspolitik das Wort geredet, die Reservate und die verbleibenden Rechte sollen abgeschafft werden. Bis 1962 werden 120 meist kleinere Stämme "aufgelöst"; Umsiedelung in Städte wird versucht.
1974 gründet sich der Internationale Indianische Vertragsrat, der juristisches Vorgehen zum Ziel hat. 
1975 folgt der Indian Self Determination Act, der endgültig die Zwangsassimilierung beendet. Die Ausübung religiöser Praktiken und eigene Schulen werden erlaubt.

Wie ist die Situation heute? Es gibt heute rund 300 Reservate mit eigenen stammesrechtlichen Befugnissen, mit gesamt 225 000 Quadratkilometer (2,3 % der Landesfläche). 562 Stämme sind anerkannt (davon 235 in Alaska), die meisten sind assimiliert. 2000 sind 2,4 Mio. Indianer mit Vorfahren aus nur einem Stamm registriert, 4,1 Mio. mit gemischten Vorfahren auch aus anderen Ethnien.
85 % leben außerhalb von Reservaten, rund die Hälfte in Städten.
Durchschnittlich 80 % des Reservatslandes sind kollektiv. Die Arbeitslosenquote beträgt 40-80% , die staatlichen Zuwendungen zum Lebensunterhalt betragen 70 % (1980-2000). Alkoholismus ist verbreitet.
Konflikte drehen sich um Landrechte, darunter die Ressourcenausbeutung (wie Uran oder Öl).
Die Karten unten zeigen die heutigen Reservate und die relativen Bevölkerungsdichten.

 

                 Heutige Reservate in den USA (ohne Alaska)
   Quelle: Bureau of Indian Affairs ca. 2006
                       Verbreitung der Indigenen in den USA
Hinweis: Die Verteilung in den Städten (z. B. New York mit 87 000) ist nicht deutlich erkennbar
Quelle: US Census Bureau 1990

 

August 2018


Quellenangaben und Anmerkungen
(1) A. Mattioli, "Verlorene Welten - Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910" (Stuttgart: Klett-Cotta-Verlag, 2017)
Die meisten Angaben - soweit nicht anders gekennzeichnet - stammen aus diesem Werk.
(2) Der Begriff "Stamm" und "Nation" wird im folgenden synonym gebraucht. Die Indianer lebten in kulturellen Einheiten von wenigen Zehn bis mehreren Tausend, mit ggf. eigener Sprache, eigener Religion und eigenen Ernährungsmethoden. Sie fühlten sich als unabhängige "Nationen", die unter Umständen auch gegeneinander Krieg führten. Abgesehen von der Zuordnung heiliger Stätten kannten sie keinen Besitzbegriff für das Land.
Ein gemeinsames Identitätsgefühl entstand erst im Lauf des 19. Jh. als Antwort auf die gemeinsame und permanente Bedrohung durch die fremden Siedler und Mächte. 
(3) "4-Corner-Staaten": Utah, Colorado, Arizona und New Mexico
(4) Wikipedia, "Anasazi", abgerufen 2.8.18