Entwicklung der globalen und nationalen Einkommensverteilung und ihr Konflikt mit der Demokratie

 

Ungleichverteilung der Einkommen und Demokratie

Februar 2017


Der US-amerikanische Ökonom Milanovic hat statistische Einkommensdaten über viele Länder und teilweise mehrere Jahrhunderte zusammengetragen, und in einem 2016 veröffentlichten Buch (1) schwerpunktmäßig auch den Zeitraum 1988-2008, d. h. die Phase der Globalisierungsbeschleunigung, untersucht.

 
          Bruttosozialprodukt pro Person nach Ländern
x-Achse: BSP/Person 2013 in $ (kaufkraftbereinigte 2005-$)
y-Achse: Anteil an Weltbevölkerung in %
Quelle: Milanovic 2016 (1)

Die Graphik rechts zeigt beispielhaft an einigen Ländern die Spreizung der mittleren nationalen Pro-Kopf-Einkommen zwischen etwa 50 000 US-$ und unter 1000 US-$. Die Höhe der Balken zeigt die relative Bevölkerungszahl.

Die Graphik links unten zeigt die absolute Verteilung des globalen Einkommenszuwachses zwischen 1988 und 2008, also in einem Zeitraum von 20 Jahren.
Die reichsten 5 %, also etwa 35 Millionen Menschen, haben 44 % des Einkommenszuwachses erhalten. Das reichste Prozent, also etwa 7 Millionen Menschen mit einem Durchschnittseinkommen von 71 000 $ im Jahr 2008, erhielten 19 % des Gesamtzuwachses, soviel wie die ärmsten 70 % der Weltbevölkerung.

Die Graphik rechts unten zeigt dieselben Daten in der relativen Verteilung, d. h. die Steigerung in 20 Jahren bezogen auf das eigene Einkommen.
Die Kurve, wegen ihrer ausgeprägten Form auch "Elefantenkurve" genannt, zeigt, dass es Gewinner und Verlierer der Globalisierung gab.

Der mittlere Bereich der globalen Einkommen, etwa von 35 % bis 70 %, haben in 20 Jahren 60 % oder mehr gewonnen (Punkt A). Dies entspricht etwa einem Drittel der Weltbevölkerung in einem Einkommensbereich von ca. 2000-3000 US-$. Milanovic nennt diese die "globale Mittelschicht", die vor allem in den aufstrebenden Ländern wie China, Indien, Indonesien und anderen asiatischen Ländern zu finden ist. So hat sich in diesem Zeitraum im städtischen China das Einkommen verdreifacht, im ländlichen China stieg es um das 2,2-fache. In Vietnam, Thailand oder dem städtischen Indoniesien verdoppelte sich das Einkommen (1)

 Absoluter Einkommensgewinn zwischen 1988 und
  2008, sortiert nach globalem Einkommensniveau

x-Achse: Weltbevölkerung in 5-Prozent-Schritten sortiert nach Einkommen
y-Achse: Absolute Einkommenszunahme in Prozent der globalen Gesamtsteigerung 1988-2008

(kaufkraftbereinigte 2005-$)
Quelle: Milanovic 2016 (1)
  Relativer Einkommensgewinn zwischen 1988 und
  2008, sortiert nach globalem Einkommensniveau

x-Achse: Weltbevölkerung in 5-Prozent-Schritten sortiert nach Einkommen
y-Achse: Relative Einkommenszunahme 1988-2008 in Prozent des eigenen Einkommens 1988

(kaufkraftbereinigte 2005-$)
Quelle: Milanovic 2016 (1)
 

 



Es gibt jedoch auch Verlierer, und zwar bei denjenigen, die die 80-90 % global Reichsten sind (Punkt B). Dies entspricht einem Einkommen im Bereich von 10 000 US-$. Diese Personen bilden mehrheitlich die untere Mittelschicht der Industrieländer, wie USA, Japan oder Deutschland. So hat in den betrachteten 20 Jahren jeweils die einkommensschwächere Hälfte der Bevölkerung in diesem Zeitraum in Deutschland nur um 4 % mehr verdient, in USA um 22 %, in Japan nahm das Einkommen teilweise ab. 

Auf der rechten Seite der "Elefantenkurve" gibt es eine weitere Globalisierungs-Gewinnergruppe, und zwar das reichste Prozent (Punkt C). Milanovic nennt sie die "globalen Plutokraten" (Plutokratie griechisch "Herrschaft der Reichen"). Diese 70 Millionen Menschen stammen zur Hälfte aus den USA, sodann im Wesentlichen aus Westeuropa, Japan, Australien und Kanada.

Das reichste Millionstel der Erdbevölkerung, also etwa 7000 Personen, ordnet Milanovic den (im Jahr 2013 etwa 1400) Milliardären plus ihren Familien zu. Diese Milliardäre besaßen 2013 durchschnittlich je 3,8 Mrd. US-$, in Summe etwa 2 % des globalen Vermögens von 240 Billionen US-$.
Die Zahl der Milliardäre hatte sich seit 1988 verfünffacht (2).

 
      Gini-Koeffizient für ausgewählte Regionen
Erläuterungen siehe Text
Quelle: Nach Milanovic 2016 (1)

Für die Ungleichverteilung von Einkommen kann der sogenannte Gini-Koeffizient als Maßzahl betrachtet werden. Dieser ist Null, wenn alle dasselbe verdienen, und Eins (oder 100, wenn in Prozent ausgedrückt), wenn eine Person alles verdient und alle anderen nichts.
In Industriestaaten stieg der Gini-Koeffizient typischerweise im 18. und 19. Jh. an, in Folge der Industriellen Revolution und des Kolonialismus (der "frühen Globalisierung", ursächlich vergleichbar mit den hier betrachteten 20 Jahren der aktuellen Globalisierung). Danach fiel er in der Phase der beiden Weltkriege, was Milanovic mit der Vernichtung oder Verringerung von Kapital (Sachwerte wie Betriebsvermögen oder Gebäude, Anlagewerte wie Aktien) erklärt. 
In den letzten grob 40 Jahren, die die betrachteten 20 Globalisierungsjahre umfassen, stieg er wiederum deutlich an.
Die Tabelle rechts zeigt ausgwählte Zahlenbeispiele. Man kann ablesen, dass in den drei Industrieländern USA, Großbritannien und Deutschland der Gini-Koefizient ausgehend von einem Minimum um 1970 bis heute um jeweils 6-10 Gini-Punkte anstieg.
Der Welt-Gini-Koeffizient liegt deutlich höher als typische nationale Werte, da der Vergleich armer und reicher Länder die Speizung natürlich erhöht. Er stieg seit Beginn der Industrialisierung bis etwa zum Jahr 2000 ständig an.

Wie sind diese zeitlichen Entwicklungen der nationalen Ungleichverteilung der Einkommen zu erklären?

 
                                        Faktoren, die die Einkommensverteilung beeinflussen
Quellen: 1,2,7,9 Piketty 2014 (3), 3-11 Milanovic 2016 (1)
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Erhöhende Faktoren sind erstens die Anreicherung von Kapital in den Händen weniger, der zunehmende Anteil von Kapitaleinkommen am (nationalen) Gesamteinkommen und die Spreizung der Löhne durch Selbstbedienungsmechanismen - diese Faktoren können der neoliberalen kapitalistischen Marktwirtschaft als solcher zugeordnet werden. 
Zweitens spielt die Verlagerung von Arbeiten in Niedriglohnländer und ggf. ein Wegfall von Arbeitsplätzen durch Technologiewandel eine Rolle - diese Faktoren sind wesentlich der Globalisierung zuzuordnen.

Bei verringernden Faktoren unterscheidet Milanovic zwischen "bösartigen" und "gutartigen". Erstere sind Kriege, Bürgerkriege und politische Umwälzungen mit Enteignung. Konkret passt dies auf den I. und II. Weltkrieg (1914, 1939) und die Russische (1917) und Chinesische (1949) Revolution.
"Gutartige" Faktoren sind progressive Besteuerung und Erbschaftssteuer zur Verteilung der hohen Einkommen/Vermögen sowie eine verbesserte Ausbildung zur Anpassung des Arbeitsmarktangebotes an die Nachfrage. Dies sind nationalpolitische Aufgaben.
Dazu kommt eine mögliche Angleichung von Löhnen in unterschiedlichen Ländern (möglicher Globalisierungseffekt) sowie die verbesserte Besteuerung transnationaler Unternehmen / Banken, was eine internationale Aufgabe ist.


Der neoliberale marktwirtschaftliche Kapitalismus vertritt den freien Fluss von Waren, Dienstleistungen, Informationen und Kapital (s. Globalisierung). Warum gilt der freie Fluss nur sehr beschränkt für Arbeitskräfte, die üblicherweise kontrolliert und nach Arbeitsmarktkriterien gezielt ausgesucht und zugelassen werden?
Hier stehen den kapitalistischen Akteuren eine weiterere mächtige Akteursgruppe gegenüber: Die nationalstaatlich organisierte Gesellschaft. Der Nationalstaat ist ein Beispiel einer sozialen Organisation, deren Selbsterhaltungsantrieb unter anderem ein Homogenitätsstreben umfasst (4).  
Der durch die evolutionäre Geschichte des Menschen geprägte Gruppentrieb (s. auch Horden erobern die Erde) führt bei Staaten daher elementar zu einer Kontrolle der Grenzen und einer Kontrolle der Mitglieder. 

Milanovic betrachtet auch die Wirtschaftsmigration als Folge der Globalisierung.

 
                           Befestigte Grenzen zwischen Ländern
Erläuterungen im Text
Quelle: Milanovic 2016 (1)

Die nebenstehende Karte zeigt durch Mauern, Minenfelder oder Bootspatroullien befestigte Grenzen, von links nach rechts:
USA/Mexiko; Europa/Nordafrika und Naher Osten; Israel/Palästina; Saudi-Arabien/Yemen; Indien/Bangladesch; Straße von Malacca zwischen Indonesien und Malaysia; Nord-/Südkorea.
Milanovic weist darauf hin, dass alle Sperren zwischen Ländern mit hohem Einkommensunterschied liegen, und alle zumindest teilweise der Verhinderung von Wirtschaftsmigration dienen.

Was hat die steigende Ungleichverteilung der Einkommen für die Demokratie zu bedeuten? 

Milanovic zieht eine einfache Schlussfolgerung: Er stellt fest, dass kapitalistische Wirtschaftsform und Demokratie entkoppelbar sind (wie augenfällig das Beispiel China zeigt), und diagnostiziert, dass neoliberaler (ungeregelter) Kapitalismus die Demokratie existenziell bedroht, aus zweierlei Gründen:

  • Die Konzentration des Vermögens auf wenige Reiche und sehr wenige Superreiche führt zu einer Dominanz der Politik durch die Interessen dieser Gruppe. Als Beispiel nennt er die USA, wo ein Präsidenten- oder Parlamentswahlkampf seit 2000 je zwei Milliarden US-$ oder mehr kostet und wo politische Funktionäre beider Parteien zunehmend reich sind und eigene Interessen vertreten.
    Er nennt dies Plutokratie. Er unterstellt (für die USA) weiterhin, dass das "politische Establishment" die Wähler von für sie wichtigen wirtschaftlichen Themen ablenken würde durch Themen beispielsweise aus dem gesellschaftlichen oder religiösen Bereich.
  • Die Globalisierung verstärkt die unkontrollierte Migration. In USA leben ca. 11 Millionen Illegale [davon etwa die Hälfte Mexikaner], die wiederum durch Billigarbeit zur Einkommensspreizung und damit zur Erhöhung der Ungleichheit beitragen. In Europa überschritten 2015 über eine Million Migranten mehrheitlich illegal die Grenzen. Dies führe zu nationalistischem Populismus.

Sein Fazit ist, dass ungeregelter Kapitalismus (neoliberale Marktwirtschaft) und wirtschaftliche Globalisierung, die die Ungleichverteilung noch beschleunigt und zusätzlich unkontrollierte Migrationen fördert, eine Bedrohung für die nationalstaatliche Demokratie darstellt.   

Das war Anfang 2017 zu beobachten!
Milanovic, dessen Buch wenige Monate vor der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA herauskam, sah nicht voraus, dass sich Plutokratie und Populismus im selben Staat gleichzeitig realisieren könnten.

Demokratiebildung war regelmäßig ein Ringen um finanzielle Rechte wie der Besteuerung und der Verteilung von Finanzmitteln, bereits seit der englischen Glorreichen Revolution (1688) oder der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776), und es gab regelmäßig Rückschläge.
Die Zeit des Traumes vom Ende der Geschichte - nach dem Berliner Mauerfall und dem Zerfall der Sowjetunion 1990 - ist endgültig vorbei. Die Messlatte für das Überleben demokratischer Systeme ist höher gehängt.





Quellenangaben und Anmerkungen

(1) B. Milanovic, "Global Inequality - A New Approach for the Age of Globalization" (Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press, 2016)
(2) Die Verfünffachung ist kaufkraftbezogen berechnet, d. h. unter Berücksichtigung der Inflation, die im betrachteten Zeitraum etwa 100 % betrug. Konkret wurden aus 145 Milliardären 1987 735 Bi-Milliardäre 2013 (Faktor 5) 
(3) T. Piketty, "Le capital au XXI siècle" (Éditions du Seuil: Paris, 2013), englisch "Capital in the Twenty-First Century" (2014)
(4) Eine ausführliche Analyse zu den Selbsterhaltungsmechanismen für soziale Organisationen siehe unter Institutionen