Die globale Finanzkrise 2008 ist wie alle Krisen vor ihr das Kind ihrer Vergangenheit - hier der jüngste Teil ihrer Geschichte

 

Geschichte der Krise
 

Die "Gene" der globalen Finanzkrise 2008 reichen analog der biologischen Evolution weit zurück. Für ein Grundverständnis des Finanzwesens siehe Geschichte des Finanzwesens.

Ein wesentliche "Mutation" der mehrheitlich vertretenen ökonomischen Weltanschauung, die eine der Voraussetzungen der Krise war, fand in den achziger Jahren statt, siehe Ursachen.

Die Geschichte der letzten zehn Jahre folgt hier:

Deregulierung

1999 wurden in USA das Glass-Stegall-Gesetz von 1933 aufgehoben, das Geschäftsbanken den Verkauf und die Versicherung von Wertpapieren untersagte. Es wurde darauf verzichtet, den Markt für CDS (Credit Default Swaps, Kreditausfallversicherungen) zu regulieren. Die Mindesteigenkapitalquote der Banken wurde von 10% auf 3% gesenkt. Das Destabilisierungspotenzial des immer schneller und mächtiger werdenden elektronischen Handels wurde übersehen.

Durch die Deregulierung stieg das Investitionspotenzial, d. h. die Möglichkeit zur Verschuldung, drastisch an.Gleichzeitig nahm die Intransparenz des Marktes zu (CDS-Handel im direkten Interbankengeschäft).
Seit Beginn der neunziger Jahre war eine Destabilisierung zu beobachten.

Destabilisierung

Konjunkturförderung in den USA

Um die nachlassende Konjunktur anzukurbeln, wurden Anfang des Jahrtausends von der amerikanischen Notenbank (Fed, Federal Reserve) die Zinsen gesenkt. Staatlich geförderte Hypothekenbanken wie Fannie Mae wurden ermutigt, ihre Aktivitäten auszuweiten. In zunehmendem Maß wurden Hypothekendarlehen auch an einkommensschwache Schichten vergeben.

Derivate

Die Verbriefung von Hypotheken, an sich nichts Neues, gewann durch die Derivatisierung (Zusammenstellung letztlich intransparenter Mischungen inklusive der "Absicherung" durch CDS) eine explosive Dynamik.

Das Rad begann sich mit immer höherer Geschwindigkeit zu drehen.

Immobilienboom

Wegen der niedrigen Zinsen sanken die Hypothekenausfallraten um 2004 auf historische Tiefstände, obwohl ein Drittel der Subprime-Hypotheken auf 100% oder mehr des Hauswertes, und auf das bis zu Sechsfache des Jahreseinkommens lauteten. 2006 fiel ein Fünftel aller neuen Darlehen mit einem Wert von 600 Mio $ in die Subprime-Kategorie. Die zusätzliche Beleihung bestehender Hypotheken schoss auf über 600 Mrd $, ca. 9% der privaten Konsumausgaben, in die Höhe.
Die Hauspreise in USA stiegen in 10 Jahren um 124 %, die Hauseigentümerqoute stieg von 64 auf 69%, 2005 fand die Hälfte des amerikanischen Wirtschaftswachstums im Immobiliensektor statt.

Falsches Rating

Die US-Ratingagentur Moody's vergab irrtümlich die Bestnote AAA für Finanzprodukte von vielen Milliarden Dollar.

Der Fehler möglicherweise eines einzelnen Menschen führte zu einer systembeeinflussenden Auswirkung.

Gier

In Zeiten niedriger Zinssätze auf Staatsanleihen wurde auf diesem Weg der Traum vom schnellen Eigentum bzw. Reichtum angeboten. Die Giftpakete wurden weltweit und massenhaft an Investoren verkauft, die höheren Renditen nachjagten. Auch die Banken beteiligten sich nicht zu knapp, was sich nach dem Crash herausstellte, als sie mit riesigen Mengen dieser Derivate in den Büchern erwischt wurden.

Hunderttausende von Hausbesitzern, zehntausende von Finanzexperten und Millionen von Anlegern auf der ganzen Welt folgten aus persönlicher Gier dem Lockruf des Geldes, in Verdrängung des üblichen Zusammenhangs zwischen Rendite und Risiko. Einzelne wußten es besser: Einer der größten Finanzinvestoren, Warren Buffet, warnte schon 2002, dass die Immobilienderivate sich in "finanzielle Massenvernichtungswaffen" verwandeln könnten.

Die Bankenkrise

2007 begannen die ersten Banken zu kollabieren. Im September beantragte die britische Bank Northern Rock, die Hypothekendarlehen von bis zu 125% des Objektwertes angeboten, und 60% ihres Kreditvolumens kurzfristig finanziert hatte, Notfallhilfe bei der Bank of England. 2008 wurde sie für
100 Mrd Pfund verstaatlicht. Bear Stearns, die fünftgrößte US-Bank, wurde für den Schleuderpreis von 1,2 Mrd $ von JP Morgan Case übernommen, um dem Bankrott zu entgehen. Im September gingen die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac in Staatsbesitz, die US-Regierung übernahm Garantien für Schulden von 12 Billionen $. Die Investmentbank Lehman Brothers ging am 15.9.08 in Konkurs, der größte Unternehmensbankrott der amerikanischen Geschichte. Am Tag darauf wurde der weltgrößte Kreditversicherer AIG zu 79,9% von der Regierung übernommen, um einen Kreditrahmen von 85 Mrd $ zu erhalten (AIG hatte mit 99 Mrd $ den höchsten Verlust der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte angehäuft und wurde insgesamt mit 182 Mrd $ vom Staat unterstützt). Goldman Sachs und Morgan Stanley gerieten in Schwierigkeiten.

Dank der weltweiten Deregulierung hatten sich die großen Banken von "Anlegern" der ihnen anvertrauten Einlagen zu hochgradig fremdfinanzierten "Spekulanten" wandeln können, wodurch bei ausbleibenden Zahlungsrückflüssen das Kredit-Kartenhaus nach dem Dominoprinzip zusammenfiel. Aus der Interbanken-Kreditklemme drohte sofort eine Kunden-Kreditklemme zu werden. Die Dienstleistungsfunktion der Banken für die Realwirtschaft war bedroht.

Bankenrettungspakete

Zehn Tage nach der Lehman-Pleite, am 25.9.08, wurde in den USA das erste Rettungspaket geschnürt, genannt TARP, mit einer staatlichen Kreditzusage von 700 Mrd $, danach folgte eine Zusage der Fed über weitere 600 Mrd. $. Trotzdem ging das Bankensterben weiter.
Länder in Europa folgten mit eigenen Rettungspaketen. Der Wert toxischer Vermögenswerte in den Bilanzen der Banken wird weltweit auf 5 Billionen $ geschätzt.

Die Regierungen erkannten "plötzlich" das Feuer in ihrer Scheune und begannen zu löschen. Die Suche nach der Brandursache war zu diesem Zeitpunkt nicht von Priorität.
Zitat:
"Die Rettungsmaßnahmen rührten an eine Reihe zentraler ethischer Fragen. So sorgte Henry Paulson, der 2006 direkt von seiner Position als Goldman-Sachs-Chairman und -CEO an die Spitze des US-Finanzministeriums gewechselt war, mit seinem Rettungsprogramm für AIG dafür, dass 12,9 Mrd $ Steuergelder in die Taschen von Goldman Sachs flossen. Wenn Investoren die Gewinne aus gewonnenen Wetten einstreichen dürfen, die Verluste aus verlorenen Wetten aber sozialisiert werden, bestätigt das alle negativen Urteile über den Kapitalismus".
aus: Robert Skidelsky, "Die Rückkehr des Meisters - Keynes für das 21. Jahrhundert", 2009
siehe auch: Buchtipps

Fall der Rohstoffpreise

Anfang des Jahrtausends waren die Rohstoffpreise durch steigende Nachfrage in Ostasien und zusätzlich durch Spekulation gestiegen. Die Rekordhöhen des Ölpreises von 150 $ / Barrel 2008 wurden einer Spekulationsblase zugeschrieben. Innerhalb von sechs Monaten gab der Rohstoffpreisindex auf 45% nach. Auch dieser Absturz war spekulativ geprägt, da die Finanzmarktteilnehmer auf eine Rezession wetteten. Damit griff die Krise auf rohstoffexportierende Länder über.

Das ist ein Beispiel für eine "self-fullfilling prophecy", eine Vorhersage, die dadurch eintritt, dass man sie macht. Die Wette - in genügend großem Maßstab - auf fallende Preise lässt die Preise tatsächlich fallen (finanztechnisches Hilfsmittel ist das Derivat "Leerverkauf": Der Spekulant verkauft z. B. 100 t Kupfererz, die er garnicht besitzt, um sie zu einem späteren Zeitpunkt billiger wieder zurückzukaufen. Durch den Verkaufsakt sinkt am freien Markt der Preis). Tritt durch die Verschiebung der Handelsrelation zwischen dem realen Rohstofferzeuger und dem realen Rohstoffverbraucher oder aus anderen Gründen tatsächlich eine Rezession ein, ist aus den spekulativen Kasinowetten ein realwirtschaftlicher Schaden entstanden.

Absturz der Aktienmärkte

Bankaktien, die Kreditklemme und der Fall der Rohstoffpreise zogen die Aktienmärkte in die Tiefe. Der Dow Jones brach um ein Drittel ein (12000 auf 8000 Punkte), der Dax um 40%. Der russische Index verlor, wegen der starken Rohstoffabhängigkeit (Rohölpreis), sogar 80%.

Dass persönliche Gier zu kriminellen Machenschaften führen kann, zeigt der anlässlich des Aktiencrashs ans Licht gekommene Betrugsfall Bernie Madoff, welcher mit Hilfe eines Schneeballsystems Investoren um zweistellige Millardenbeträge erleichtert hatte.

Rezession und Konjunkturpakete

Im letzten Quartal 2008 fiel das Welt-Bruttosozialprodukt um 6,25% (auf das Jahr gerechnet), das der Industrieländer um 7,5%.
Um den Absturz der Realwirtschaft aufzuhalten, wurden von vielen Staaten Konjunkturpakete aufgelegt: China 586 Mrd $, Deutschland 115 Mrd Euro, USA 787 Mrd $.
Dennoch fiel das BIP 2009 in den industrialisierten Ländern weiter um 3% (USA) bis 6% (Großbritannien). In Deutschland betrug der Wert minus 5%, der stärkste Einbruch seit der Nachkriegszeit. Die Produktivität fiel um 2,2%, die Nettolöhne sanken um 1%, die Arbeitslosigkeit stieg (nur) um 169000 auf 3,3 Millionen, da 2,8% geringerer Arbeitsleistung durch Kurzarbeit aufgefangen wurden.  Quelle: Statistisches Bundesamt

Die globalen Abschreibungen aufgrund der Finanzkrise werden auf 4 100 Mrd. $ geschätzt, davon zwei Drittel auf Banken, der Rest auf Versicherungen. Das globale Haushaltsdefizit wird von unter 2% (2007) auf über 10% (2009) steigen, eine drastische Verschlechterung.

Quellenangabe: Viele Informationen sind entnommen aus:
Robert Skidelsky, "Die Rückkehr des Meisters - Keynes für das 21. Jahrhundert", 2009

Ein Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit von Daten und Interpretationen wird nicht erhoben.

siehe auch Buchtipps





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