Der Dekadenzbegriff für Gesellschaften - Parallelen zwischen dem antiken Römischen Reich und der heutigen EU

 

Befindet sich die EU in einer Dekadenzphase?

Die Evolutionsgeschichte lehrt, dass Arten kommen und gehen. Als Auswahlkriterium wird üblicherweise "survival of the fittest" genannt, wobei in der heute gängigen Interpretation dieses Begriffes soziale ("altruistische") Züge sowie Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Spezies mit inbegriffen sind.

Die Geschichte der Spezies Homo sapiens lehrt, dass menschliche Sozialverbände, Gemeinwesen, Staaten und Reiche ebenfalls kommen und gehen (siehe Schlüssel zur Macht).
Welche Auswahlkriterien gelten dort? Häufig sind es Mangel an Ressourcen, wirtschaftlicher Niedergang oder militärische Unterlegenheit, die zum Verschwinden führen - der Begriff "Macht" kommt ins Spiel, aber auch der Begriff "Dekadenz".

Der Untergang des Römischen Reiches ist in zahllosen wissenschaftlichen Fachbeiträgen untersucht und nicht abschließend erklärt worden. Einig ist man sich darin, dass keine einfachen Gründe gefunden wurden: kein militärisch übermächtiger Gegner, keine wirtschaftlichen Nachteile gegenüber den Nachbarn. In der Populärliteratur wird der Begriff "Dekadenz" herbeigezogen.
Als historisch belegbarer Rahmen wird allgemein die sogenannte "Völkerwanderung" genannt, eine Wanderungsbewegung meist germanischer Stämme grob von Nordosten nach Südwesten in Europa, deren Beginn (etwas willkürlich) auf die Zerstörung des Ostgotenreichs am Schwarzen Meer durch die Hunnen im Jahr 375 gelegt werden kann und in deren Folge das weströmische Reich militärisch geschlagen wurde und zerfiel. Als Ursachen der Völkerwanderung werden neben der Flucht vor den Hunnen auch Übervölkerung und Landmangel genannt.

Man könnte Dekadenz in diesem Zusammenhang als den Zustand eines Staates definieren, in dem er sich gegen äußere Einflüsse und Veränderungen nicht mehr stabil erhalten kann.

Ist Europa heute in dieser dekadenten Phase?

Die heutigen großen Staaten-Akteure dieser Erde machen einen sehr vitalen Eindruck:
Die USA behaupten mit technologischem Vorsprung ihre militärische Übermacht, die angelsächsische Finanzwirtschaft beherrscht das globale Geschehen, US-amerikanische Internetgiganten überrollen den Rest der Welt und dringen aus kommerziellem Interesse in die Privatsphäre, in die Entwicklungshilfe und das Gesundheitswesen vor (bisherige Sphären der Zivilgesellschaft), um nur einige aktuelle Entwicklungen zu nennen.
Der zweite große Akteur China wächst in Wirtschaft und Macht mit atemberaubender Geschwindigkeit und vergrößert seinen globalen Einfluss von Jahr zu Jahr, sei es militärisch im Pazifik, wirtschaftlich durch Aufkauf von Land und Rohstoffquellen in Afrika, Südostasien und anderswo, sowie technologisch in vielen Bereichen wie Transport oder Kommunikation/Internet, ganz zu schweigen von einfachen Konsumgütern.
In der Ausspionierung politischer und wirtschaftlicher Daten liegen USA, China und Russland im Erfolg deutlich vor Europa, wenigstens soweit man die europäische Pressemeldungen als Bezug nimmt.

Europa hingegen?
Die EU kämpft seit sieben Jahren erfolglos gegen die globale Finanzkrise (2008), zumindest gegen  durch sie ausgelöste Probleme einiger Mitgliedsländer, prominent hervorstechend Griechenland.
Verträge (Maastricht; No-bailout-Regel) wurden geschlossen und nie eingehalten. Die Gemeinschaft findet in Jahren keine schlüssige Korrekturlösung (in diesem Fall der geordneten Staatsinsolvenz).
Für andere Weltgegenden ist die Finanzkrise längst Vergangenheit.

Die EU sieht sich akut einer sprunghaft steigenden Zahl an Migranten gegenüber, die nur zur deutlich kleineren Hälfte Asylsuchende im herkömmlichen Sinn sind - Menschen auf der Flucht, die um Leib und Leben fürchten. Wiederum waren Verträge geschlossen (Schengenabkommen; Freizügigkeit innerhalb der EU bei festgelegten Außenkontrollen) und werden nicht eingehalten: Eintrittsländer schleusen duldend oder aktiv die ankommenden Migranten in Richtung deren Zielland durch, statt sie vereinbarungsgemäß anzuhalten und vor Ort einem Asylverfahren zu unterziehen, zu dem auch die Ausweisung der Nichtberechtigten gehört. Im politischen Konsens bereits geschwächt, findet die Gemeinschaft - Stand August 2015 - keine einvernehmliche Lösung; europäische Staaten beginnen im Alleingang zu operieren, die Emotionen der Einheimischen steigen, das Schengen-Abkommen wird bereits in Frage gestellt.
Für 2015 werden um oder über eine halbe Million Migranten allein für Deutschland prognostiziert, ein Vielfaches der Vergangenheit. Eine Gesellschaft wird eine Immigrationsflut dieser Größenordnung, die ungebremst weitersteigen mag, nicht unbeschadet überstehen können.

Um wieder die Vergleichsbeispiele USA und China heranzuziehen: Erstere haben strenge und strikte Visumregeln, einen Grenzzaun zu Mexiko, und leben mit den vorhandenen, teilweise illegalen, Immigranten als billigen Arbeitskräften in einem stabilen Zustand. Von China ist nicht bekannt, dass seine Attraktivität große Immigrantenströme auslösen würde.

Die - aus Sicht des Gemeinwesens EU - Bedrohung der unkontrollierbaren "Völkerwanderung" wurde viel rascher gesellschaftlich und politisch wahrgenommen als die Finanzkrise: Soziale Bedrohungen gehen dem Einzelnen aufgrund der evolutionären Prägung als Gruppenwesen emotional mehr unter die Haut als eher nur rational eingängige Themen wie Probleme mit Geld und großen Zahlen.

Das politische Ergebnis ist jedoch das Gleiche, keine erfolgreiche Abwehr aus eigener Kraft gegen äußere Einflüsse und Veränderungen: Dekadenz?

Und wie sieht es mit internationalen Verträgen wie TTIP (Handels- und Wirtschaftsabkommen zwischen USA und EU) oder TISA (Dienstleistungsabkommen zwischen USA, EU und anderen Nationen) aus? Unter dem Deckmantel einfacher Begriffe wie Handelserleichterung kämpfen mächtige wirtschaftliche Lobbygruppen der USA und der EU um Einflüsse, die die regionalen gesellschaftlichen Regeln von morgen dramatisch verändern werden: Regeln der Arbeitssicherheit, der chemischen, biologischen und Lebensmittel-Zulassungen, des Natur- und Klimaschutzes, der Stärke oder Schwäche lokaler Märkte und Produkte, der kulturellen Identität,  der juristischen Einklagbarkeit, der politischen Entscheidungsprozesse für Gesetzesgestaltungen der Zukunft , z. B. auch für zuinnerst gesellschaftliche Ziele wie mehr Verteilungsgerechtigkeit oder nachhaltigen Umgang mit den Naturressourcen.

Die aktuelle mit hohem Einsatz geführte kontroverse Diskussion gründet nicht nur in den Zweifeln, ob die EU als schwerfälliger Vielstaatenbund dem Verhandlungspartner USA gewachsen sei; hinzu kommt das Unbehagen, dass rein wirtschaftliche Interessen die Interessen der Gesellschaften unkontrolliert und unkontrollierbar zu beschädigen drohen.
In weiten Bereichen sind diese Interessen gegensätzlich, wie z. B. bei Themen wie Nachhaltigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Lebensqualität, Fairness - Themen, die die Gesellschaft bewegen, jedoch nur in den seltensten Fällen die wirtschaftlichen Akteure.

Sind die EU in der Lage, diese ihre kulturellen Identitäten gegen den wirtschaftlichen Einfluss in diesem Fall der USA bzw. auch der reinen Wirtschaftslobbygruppen zu verteidigen?
Die Zukunft wird zeigen, ob das Verdikt "dekadent"  im oben definierten Sinn zu fällen sein wird.

Militärisch sind die EU seit dem Ende des zweiten Weltkrieges vom Wohlwollen dritter Staaten abhängig (d. h. nicht in der Lage, sich effektiv zu verteidigen) - dies mag der jüngeren Geschichte geschuldet sein oder auch dem kulturellen Selbstverständnis. Im Ergebnis ist das Resultat jedoch Unfähigkeit, sich selbst (militärisch) zu schützen.

Äußere Einflüsse, die ein Staatswesen bedrohen können, sind jedoch heute, wie oben dargelegt, auch ganz andere.

Was ist zu tun?

Im Presseartikel "Wer ist ein guter Europäer?", der den zentralisierungskritischen  Wirtschaftsminister Ludwig Erhard - damals, 1955, ging es um die Montanunion und die Gründung der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) aus den sechs Gründerstaaten Benelux, Italien, Frankreich und Deutschland - auf seine Relevanz bezüglich der Gegenwart untersucht, wird, mit Hinblick auf die Griechenlandkrise, formuliert:
"Im Gefüge des Euroraums, aber auch der EU, zeichnen sich schon Risse ab. Welches sind da gute oder schlechte Europäer? Sind es die Europa-Illusionisten, die um nahezu jeden Preis auf den eingeschlagenen Wegen weitergehen wollen? Oder sind es die Europa-Skeptiker, die statt pathetischer Beschwörungen lieber bescheidenere, aber dafür effektivere Lösungen anstreben?"
Erhard hatte eine Integration ohne bürokratische Institutionen, aber mit gemeinsamen Regeln gewollt; damit stand er im Gegensatz zum Kanzler Konrad Adenauer, der das "politische Projekt" vor Augen hatte.
"Dieser Widerstreit vom Primat der Politik und ökonomischer Ratio zieht sich bis heute durch den Prozess der Integration."

Was hier für die Finanzwirtschaft formuliert ist, kann eins zu eins übertragen werden auf die heutigen weiteren Probleme Europas.
In der EU-Wahl 2014 entfielen bereits 21 % der Stimmen auf die Gegner der EU-Integrationsanhänger.

Geht das Sozialwesen Europäische Union auf den Abgrund eines dekadenten Ablebens zu? Dann ist Innehalten und einen Schritt zurückgehen der richtige Weg.

Stand August 2015

 





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