Bevölkerungsentwicklung von Iran

 

Iran - Bevölkerungskontrolle unter geistlicher Führung



Der Iran, historisierend auch Persien, benannt nach dem bis zum Eindringen des Islam im 7. Jht. mächtigen Perserreich, liegt mit der fünffachen Größe Deutschlands zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf und verbindet somit die Saudiarabische Halbinsel mit Zentralasien.
Über die Hälfte sind trockenes Hochland und Gebirge sowie Wüste, zwei Drittel des Territoriums entwässern nicht ins Meer.
Die Bevölkerung beträgt 79 Mio. Einwohner (2015), 48 Personen je Quadratkilometer, die jedoch sehr ungleich verteilt sind. Etwa 65 % sind Perser, die nächststärkste ethnische Gruppe sind die Kurden mit 7-10 % Anteil. 99 % sind Muslime, davon die meisten Schiiten.
Das Bruttoinlandsprodukt beträgt 4700 US-$ pro Kopf (kaufkraftbereinigt 12300 US-$, Stand 2014) (1).

                            Iran: Bevölkerungsentwicklung, Grundnahrungsmittelproduktion und Wald
Quelle: Eigene Darstellung mit Daten aus (2) und (3)
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Die obenstehende Graphik zeigt die Bevölkerungsentwicklung, die Produktion der zwei größten Grundnahrungsmittel Weizen und Reis sowie den Waldbestand. Hervorstechend ist der Abfall der Geburtenrate von über sechs auf unter zwei Geburten pro Frau innerhalb von nur 20 Jahren.
Zwischen 1960 und 2010 verfünffachte sich die Nahrungsproduktion der genannten Grundnahrungsmittel (s. Grüne Revolution), während sich die Bevölkerung "nur" knapp vervierfachte. Die kalorische Versorgung stieg von 1750 kcal/Person auf 3060 kcal/Person (4).
11 % der Landfläche sind Ackerland. Dessen Fläche insgesamt blieb in diesen 50 Jahren relativ unverändert (heute 13 %), wobei die Anbaufläche von Weizen und Reis sich etwa verdoppelte. Die Weidelandfläche sank von 27 % auf 18 %, eine Abnahme von 30 %. Wasser ist knapp. 

Wie kam die rasche Geburtenratensenkung zustande?
In den 1960er Jahren, in einer Phase der konstitutionellen Monarchie, begann der Staat bereits mit einem Familienplanungsprogramm, das jedoch wenig Wirkung zeigte.
1979 übernahm nach der "Islamischen Revolution" der religiöse Führer Ajatollah Chomeini die Macht und verwandelte Iran in eine islamische Republik unter geistlicher Führung. Moderne Geburtenkontrolle blieb jedoch erlaubt.
Der Angriff des Irak (1. Golfkrieg 1980-1988) änderte jedoch alles: Chomeini begann eine Kampagne zur Schaffung einer "20-Millionen-Mann-Armee". Das Familienplanungsbüro wurde geschlossen, das legale Heiratsmindestalter wurde von 18 auf 13 Jahre heruntergesetzt, es gab wirtschaftliche Anreize für jedes zusätzliche Kind.
1988 endete der Golfkrieg. Noch im selben Jahr fand eine Bevölkerungskonferenz statt, dessen Ergebnis zum staatlich und damit auch religiös bindenden Slogan führte: "Eines ist gut. Zwei sind genug" (5).
"Pferdebrigaden" mit Ärzten und Familienberatern bereisten jedes Dorf. Beratung und Verhütungsmittel waren für alle kostenlos. Ajatollah Khamenei, seit 1989 im Amt, erließ eine Fatwa, die Sterilisation erlaubte. Frauen durften über ihren Kinderwunsch selbst entscheiden. Heute hat jedes Dorf ein "Gesundheitshaus" zur Familienberatung, jeweils fünf davon sind einem Krankenhaus zugeordnet (5).
Verpflichtend war eine voreheliche Schulung zu Fragen der Familienplanung und der Geburtenkontrolle. Der einzige negative Anreiz war der Entzug von Kindergeld ab dem vierten Kind (5).

1975 konnte nur knapp ein Drittel der iranischen Frauen lesen. 2012 betrug der Anteil der unter 26-Jährigen bereits 96 %. Ein Drittel der Staatsangestellten war weiblich (5)

Iran schaffte diese Wende (Geburtenrate von über sechs auf unter zwei in 20 Jahren) im Gegensatz zu China ohne Zwangsmaßnahmen. Unterschiede zum ebenso islamischen Pakistan, das diesbezüglich weniger erfolgreich war, bestanden im Wesen der religiösen Staatsform und in der erheblich höheren Bildungsquote, sowie in einem höheren wirtschaftlichem Wohlstand.

Der konservative Staatspräsident Ahmadinedschad (2005-2013) wollte das Rad allerdings wieder zurückdrehen. Er kündigte 2012 an, das Familienplanungsprogramm zu streichen, und Frauen den Zugang zur Universitätsausbildung zu erschweren.
Ein amerikanischer Demograph interpretiert die Politik des nun über 30 Jahre bestehenden islamischen Staates als Steuerung nach zwei Prinzipien: Zum einen nach Glaubensinhalten, zum anderen nach säkularen staatlichen Entwicklungszielen - und deren ständiger Widerstreit würde den schlingernden Steuerkurs erklären (6).



 Quellenangaben und Anmerkungen
(1) Wikipedia, abgerufen 1.8.16
(2) UN World Populations Prospects, 2015
(3) FAO Stat, Version von 2014 (Food and Agricultural Organisation of the United Nations)
(4) FAO Stat, Version von 2014, Food Balance Sheets
(5) A. Weisman, "Countdown" (London: Little Brown Group, 2013)
(6) R. Cincotta, "Iran: Taking Aim at Low Fertility and Women's Mobility", Stimson Center (2012)