Psychologie des Altruismus

 

Werte in der Institution des sozialen Dilemmas
 

Gemäß der neoklassischen Markttheorie haben Teilnehmer komplette Information, werten diese rational und vollständig aus und entscheiden sich für die Aktion mit dem höchsten monetären persönlichen Nutzen ("rationaler Egoist").
Die Realität ist komplizierter. Weder Märkte noch soziale-Dilemma- noch sonstige gesellschaftliche Situationen bieten Informationen, die ein vollständiges Verständnis ermöglichen und die allen bekannt sind, noch bewerten Menschen ausschließlich rational im oben genannten Sinn, noch sind alle individuellen Aktionen durch monetäre Profitmaximierung getrieben.   
Um das Handeln des Teilnehmers eines Aktionsraums in einer sozialen-Dilemma-Institution zu verstehen, kann man also fragen:
- Wie sucht der Akteur Information und wie verarbeitet er sie?
- Wie werden Aktionen und Ergebnisse bewertet?
- Nach welchen Kriterien entscheidet der Akteur?

Für die psychologische Betrachtung gibt die Evolution Hinweise. Während der Bildung der Gattung Homo seit ca. zwei Millionen Jahren entwickelte diese das Gruppenleben als Jäger und Sammler. In den letzten 100 000 Jahren war Homo sapiens mit dieser Lebensweise so erfolgreich, dass er innerhalb einiger Jahrzehntausende den gesamten Globus eroberte. Die Gruppenmitglieder waren voneinander abhängig, für Nahrungserbeutung und gegenseitigen Schutz. Gesichtserkennung, die Fähigkeit Betrug zu erkennen, das Sich-Merken verlässlicher und unzuverlässiger Gruppenmitglieder, die Aneignung reziproker Handlungsweisen, das Lernen aus sozialen Interaktionen waren überlebenshilfreich und bildeten sich daher heraus (s. auch Genetische soziale Intelligenz).
Die Fähigkeit, Normen zu bilden sowie die Normen selbst entwickelten sich durch die Bildung entsprechender Gehirnstrukturen (s. auch Somatische Marker (2)) und durch die zeitgleiche kulturelle Evolution. Normen unterliegen einem evolutionären Prozess.  
Für Aktionsräume werden mentale Modelle (Repräsentationen, s. auch Somatische Marker (2)) gebildet, die durch das kulturelle Umfeld (Erziehung, Summe der früheren Erfahrungen) und die Außenwelt (aktuelle Erfahrungen) geprägt werden. 

Information:
Das Sammeln von Information geschieht durch Zuwenden von Aufmerksamkeit. Die mentale Kapazität hierfür ist begrenzt. Die Priorisierung der Beachtung erfolgt (a) nach "Wichtigkeit" (welche Inhalte erachtet das Individuum für überlebens- oder sonstwie erfolgswichtig?) und (b) durch die "Einprägsamkeit" der Information (letzeres erklärt das Vorhandensein von Werbung, die unwichtige Objekte durch hohe Einprägsamkeit in den Vordergrund der Aufmerksamkeit schieben will).
Dass in Mehrrunden-Sozialen-Dilemma-Spielen die persönliche Kommunikation bessere Ergebnisse erzielt als die elektronische Kommunikation, spricht für eine höhere Einprägsamkeit der direkten Begegnung.
Wiederholung unterstützt den Informationssammelprozess (Lernen).
In Institutionen ist die - irgendwie geartete - Kommunikation der einzige Weg, gemeinsame mentale Modelle, sprich gemeinsame Strategien und Normen, zu entwickeln.

Bewertung:
Im sozialen Aktionsraum folgt die Bewertung sozialen Normen, die unter emotionalen Gefühlen wie Freude, Scham, Bedauern, Schuld, Neid, Rache Werte wie Herrschsucht, Gier, Fairness, Zuneigung, Egoismus, Altruismus, Reziprozität beinhalten können. Der "rationale Egoist" ist damit nur ein Sonderfall aus dem vorhandenen Spektrum.
Im Zusammenhang mit der Sozialen-Dilemma-Institution kann eine innere Motivation durch externe Interventionen gebremst werden, wenn diese Intervention als "fremde" Kontrolle empfunden wird. So wurde in Feldstudien mehrfach gefunden, dass z. B. in ehemals lokal verwalteten Urwaldgebieten die Abholzrate stieg und nicht fiel, nachdem die Verwaltung unter staatliche Aufsicht gestellt worden war. Die Motivation, den "eigenen" Urwald zu schützen, war weggefallen (es versteht sich, dass in diesen Fällen die staatliche Kontrolle ungenügend war). 
Eine externe Intervention kann jedoch auch verstärkend wirken, wenn sie als Unterstützung der Selbstbestimmung verstanden wird.

Entscheidung:
Die Auswahl verschiedener Alternativen erfolgt selten rein wissenschaftlich oder mathematisch, sondern, vor allem vor dem Hintergrund unvollständiger Information und begrenzter Entscheidungszeit, heuristisch nach mehr oder weniger einfachen Modellen. So wird beispeilsweise eine Aktion wiederholt oder verstärkt, wenn sie das letzte Mal Erfolg brachte.
Im Kontext der Sozialen-Dilemma-Situation kann der Mensch beschrieben werden als "teilrationales, irrtumsbehaftetes Wesen, das vielfältige Ziele für sich und andere verfolgt und durch Lernen und Erfahrung situationsbezogene Normen entwickelt". Die Institutionen und ihre Teilnehmer stellen einen Regelkreis dar, in dem auf Bewertungsmaßstäben beruhende Normen gebildet und laufend modifiziert werden - Teil des kulturellen Hintergrundes.
Institutionen sind das Mittel, das Menschen zur Überwindung des sozialen Dilemmas evolutionär entwickelt haben und benutzen.

Elinor Ostrom zerlegt die Bewertung eines Entscheidungsergebnisses formal in drei Summanden:
- das physische / monetäre Ergebnis Em
- die innere Bewertung Ei (nach durch Normen verursachten Gefühlen wie Freude, Stolz oder Scham)
- die äußere Bewertung Ea (durch kommunikative Rückkopplung anderer Institutionsteilnehmer wie Lob oder Tadel, öffentliche Zurschaustellung).
                                            Ergebnis = Em + Ei + Ea
Für die innere und äußere Bewertung gleichermaßen spielen typischerweise eine Rolle:

  • Gerechtigkeit (ist Aufwand / Nutzen für Einzelne fair zugeordnet?)
  • Stabilität (wird Institution als widerstandsfähig und dauerhaft stabil angesehen?)
  • Verantwortung (hat der Einzelne das Gefühl, beteiligt zu sein und entscheiden zu können? Müssen sich andere Teilnehmer für ihre Aktionen verantworten?)
  • Sanktionen (werden Regelbrecher ("Schwarzfahrer") bestraft und Systemförderer belohnt?)

Die obige Summation addiert Geldwerte und Nicht-Geldwerte, eine Methode, die kontrovers diskutiert wird, die jedoch in anderen Zusammenhängen - z. B. dem Umweltschutz - schon seit langem in der wissenschaftlichen Diskussion benutzt wird (s.  Bewertungsprinzipien für Ökosystemdienstleistungen). Wesentlich ist nicht, ob diese Addition mathematisch "korrekt" ist, sondern dass der Mensch tatsächlich so entscheidet. Die Entscheidung für den Kauf eines sparsamen oder eines spritschluckenden PKWs hängt nur teilweise vom Kaufpreis ab (monetäres Ergebnis). Bin ich stolz, etwas für den Klimaschutz zu tun? Bin ich stolz, zu zeigen, dass ich reich und mächtig bin (innere Bewertung)? Finden die Nachbarn und Kollegen das gut oder schlecht (äußere Bewertung)? 



 

 
                                   "Wegnehm-Spiel" - Basisversion
Auszahlungsangaben: links Haushalt 1 / rechts Haushalt 2
weitere Erläuterungen im Text
Quelle: Nach E. Ostrom (1)
                             "Wegnehm-Spiel" - mit Eigentumsrechten 


Oben ist das sogenannte "Wegnehm-Spiel" (englisch "Snatch Game") dargestellt, ein asymmetrisches Soziales-Dilemma-Spiel ähnlich dem Investorenspiel.
In der Basisversion (links) gibt es zwei Teilnehmer und zwei Positionen. Haushalt 1 baut Kartoffeln an, Haushalt 2 züchtet nur Geflügel. Die jährliche Ernte beträgt 10 Punkte. Ein Austausch von Gütern führt beim Empfänger zu einer Verdoppelung des Wertes (das Huhn ist als Ergänzung zur Kartoffeldiät hochwillkommen). Haushalt 1 kann einen beliebigen Wert (in der Abbildung 5 Einheiten) zum Tausch anbieten. Haushalt 2 kann den Tausch ablehnen, oder durchführen, oder die Ware wegnehmen ohne Austausch.
Der Austausch führt zum Ergebnis 15/15 (maximale gemeinsame Summe), das Wegnehmen zum Ergebnis 5/20, keine Transaktion bedeutet 10/10. Der "rationale Egoist" würde keinen Tausch anbieten (Haushalt 1) bzw. immer wegnehmen (Haushalt 2).
   
Unter Berücksichtigung von Normen wäre das Ergebnis für Klauen 5+Ei1+Ea1 / 20+Ei2+Ea2.
Ei1: Ärgert sich Spieler 1 zusätzlich zum Wertverlust?
Ea1: Wird er von Spieler 2 zusätzlich verhöhnt oder entschuldigt sich dieser?
Ei2: Ist Spieler 2 stolz auf seine erfolgreiche Klauaktion oder hat er ein schlechtes Gewissen?
Ea2: Fühlt er sich durch eine moralische Kritik von Spieler 1 betroffen?
Insbesondere sofern mehrere Runden gespielt werden: Wird eine gemeinsame Strategie entwickelt (regelmäßiger Austausch) und wird sie durch interne und externe Normen genügend gedeckt?

Eine Spielversion mit Eigentumsrechten ist rechts oben dargestellt, dies geschieht durch Einführen zusätzlicher Regeln (im dargestellten Fall ohne Vorhandensein von Normen).
Grenzregel:
-Es gibt mehrere Teilnehmer, andernfalls findet das Spiel nicht statt.
Positionsregeln:
- Es gibt drei Positionen. Die des Anbieters, die des Handelspartners (vom selben Teilnehmerkreis gehalten, nämlich den Landwirten) sowie die des Richters.
- Z. B.: Der Richter wird von den Landwirten ausgewählt, andernfalls treten die anderen Regeln nicht in Kraft.
Auswahlregeln:
- Jeder Landwirt darf als Anbieter einen beliebigen Handelspartner auswählen. Wer dies verhindert, wird bestraft.
- Ein Landwirt, dessen Tauschangebot weggenommen wurde, darf sich an einen Richter wenden. Wer dies verhindert, wird bestraft.
- Wenn der Richter einen illegalen Tatbestand feststellt, sorgt er für Rückgabe des Tauschgutes und für eine Enteignung des Diebes (durch die Bestrafungsregel wird eine Legalität geschaffen, und der Begriff "Dieb" wird deutlicher als der Begriff "wegnehmen"), andernfalls wird er selbst bestraft.
Kontrollregel:
Beide Handelsparteien müssen dem Handel zustimmen, andernfalls findet er nicht statt.

Man erkennt, dass in den Spielregeln die Nichterfüllungsklausel häufig Sanktionen enthält (im Gegensatz zu Normen, die keine Nichterfüllungsklausel haben). Im Realfall ist die Durchsetzung von Rechten (Art und Zuverlässigkeit der Kontrolle, Art und Zuverlässigkeit der Sanktionen, Besetzung der Positionen des Kontrolleurs und des Richters und Qualität deren Arbeit) entscheidend für die Bildung von Normen und die Funktionalität der Institution.

   
          Gleichgewichtsdigramm für ein Spiel mit Normen und Kontrolle
Erläuterungen im Text
Quelle: Nach E. Ostrom (1)
 

Rechts ist das Gleichgewichtsdiagramm eines Spieles mit Normen und Kontrolle (ohne Regeln, d. h. auch ohne Sanktionen) dargestellt.
Die X-Achse stellt die Rentabilität der Kooperation dar, als (Kooperationsnutzen / Verweigerungsnutzen). Ist sie kleiner als Eins, wird der Teilnehmer verweigern. Am Punkt "1*" sind die gefühlten Vorteile der internen und externen Normen für die Kooperation gleich groß wie die monetären Vorteile der Verweigerung. Links davon wird immer verweigert, rechts davon kommt es auf die Häufigkeit der Kontrolle an, da diese den Summanden der externen Normen beeinflusst. Ab dem Punkt "1**" überwiegen die Vorteile der internen Normen bei Kooperation die monetären Vorteile des Verweigerns. Rechts davon wird immer kooperiert, auch ohne Kontrolle (grüner Bereich).
Die Y-Achse zeigt die Rentabilität der Kontrolle, als (Ertrag / Kosten) der Kontrolle. Im Spiel wird unterstellt, dass der Kontrolleur keine Normen kennt und nur auf monetäre Anreize hin agiert. Er hat Kosten bei jeder Kontrolle und erhält eine Prämie bei jedem entdeckten Verweigerungsfall. Wird er mit der Kontrolle "nichts verdienen", findet sie nicht statt (unterhalb des Punktes "1"). Oberhalb kontrolliert er immer (wenn nie kooperiert wird, da er dann am meisten verdient - roter Bereich), oder manchmal (je nach Häufigkeit der Verweigerungen und Ausgestaltung seiner Belohnung - gelber Bereich) oder nie (wenn sowieso immer kooperiert wird - grüner Bereich).
Die Einführung von Regeln / Sanktionen würde in dieser Darstellung den monetären Verweigerungsnutzen beeinflussen, der durch eine - mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit verhängte - Geldstrafe geringer würde.

Das Diagramm stellt den Einfluss von Normen bildlich dar. Da die Normen einer Gruppe von Menschen üblicherweise zum Teil deutlich voneinander abweichen (es gibt Helden und Verbrecher), liegen funktionierende soziale-Dilemma-Institutionen meist im gelben Bereich - die Zahl der "Schwarzfahrer" ist größer als Null, und Kontrollen und Sanktionen sind erforderlich, um deren Zahl hinreichend niedrig zu halten, und um Erhalt / Bildung gemeinsamer Strategien und Normen zu unterstützen.



Quellenangaben
(1) E. Ostrom, "Understanding Institutional Diversity" (Princeton: Princeton University Press, 2005)
(2) A. Damasio, "Descartes' Error - Emotion, Reason, and the Human Brain", 1994



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