Weiterführende Literatur zur Allmende-Thematik und deren Umfeld

 

Buchtipps

 

1. Jared Diamond, "Collapse - How societies choose to fail or survive", 2005
(auch auf Deutsch)
Schlagworte: Umweltressourcen, Geschichte, Gesellschaften
Inhalt: Am Beispiel von rund einem Dutzend Gesellschaften aus aller Welt und aus vielen Jahrhunderten, von der Osterinsel über die mittelalterliche Besiedlung Grönlands bis zum heutigen Haiti / Dominikanische Republik, wird beschrieben, wie (lange) diese Kulturen überleben oder auch nicht, je nachdem, wie sie mit ihren begrenzten natürlichen Ressourcen haushalten.
Autor: Biologischer und historischer Ausbildungshintergrund


2. Richard Dawkins, "Das egoistische Gen", 1976

(Originaltitel: "The Selfish Gene")
Schlagworte: Evolution, Theorie zu deren Kausalität, Replikatoren, Gene, Meme, Gefangenendilemma
Inhalt: Die Kernthese lautet, dass im Darwinschen "Kampf der Arten" weder die Arten noch die Lebewesen, sondern die Gene miteinander konkurrieren. Dies wird mit vielen biologisch konkreten Beispielen, wie Brutpflege, Partnerverhalten, Koloniebildung, gegenseitiger Hilfe (wie z. B. bei der Fellpflege) anschaulich und in vielen Teilen humorvoll belegt. Die Triebkraft der Evolution sei immer die Statistik (der Chemiker würde sagen, der 2. Hauptsatz der Thermodynamik, Anmerkung GM). Sodann wird der Begriff der "Meme" geprägt, sozusagen der Software-Gene, nämlich der Replikatoren der Kultur, im
Tierreich z.B. Vogel-Gesangsvarianten, beim Menschen z. B. Schlager, Miniröcke, die Mona Lisa, die Bibel. Zu deren evolutionstechnischen Beschreibung führt er das aus der Spieltheorie bekannte Gefangenendilemma ein, und endet mit der offenen Frage, was letztlich die treibende Kraft für die Evolution der Meme sei. Hier schließt sich der Kreis zu Jared Diamond, s.o.
Autor: Evolutionsbiologe

3. Michael North, "Kleine Geschichte des Geldes - Vom Mittelalter bis heute", 2009

Schlagworte: Finanzwirtschaft, Geschichte
Inhalt: Der Autor beschreibt aus europäischer bzw. westlicher Sicht die Entwicklung des Finanzwesens, ausgehend von den Münzfunden des Mittelalters, über Kreditformen, papierene Zahlungsmittel und Währungen bis zur Entwicklung des Euro. Die Erläuterungen folgen mit profunder Kenntnis den Hauptschauplätzen der europäischen Geschichte. Der Wechsel zwischen Überblicksperspektive (z. B. globale Edelmetallströme) und Detailinformationen (z.B. die Höhe eines Arbeitslohns oder einer königlichen Bestechung) bietet ein spannendes und einfaches Verständnis der Schaltzentralen der finanziellen Macht über die Jahrhunderte.
Mit aktuellem Bezug auf die Finanzkrise 2008 weist der Autor im Nachtrag darauf hin, dass Wirtschafts-, Währungs- und Finanzkrisen, Spekulationsblasen und Bankencrashs regelmäßig aufzutreten begannen, sobald vom Instrumentarium her dazu die Möglichkeit
bestand. Langfristige Effekte, wie das Ringen um oder das Vernachlässigen von Stabilität, die Mittelverwendung, für Kriege, Konsum oder Investitionen, die absichernde oder gierige Spekulation haben durchgehend die Finanzgeschichte geprägt.
Autor: Dozent für Allgemeine Geschichte der Neuzeit

4. Robert Skidelsky, "Die Rückkehr des Meisters - Keynes für das 21. Jahrhundert", 2009

Schlagworte: Keynesianismus, Wirtschaftsgeschichte, Finanzkrise 2008, Ethik des Kapitalismus
Inhalt: Der Autor, bekannt für seine Biographie des Ökonomen Keynes (1883-1946), nimmt die globale Finanzkrise 2008 zum Anlass, um deren Ursache letztlich in einem Versagen der Gedankenmodelle gipfeln zu lassen.
Zitat: "Die Krise wurzelt nicht in charakterlichem oder fachlichem Versagen, sondern in einem Versagen der Ideen... Wie ungeheuerlich es auch immer war, das Verhalten der Praktiker, der Banker, Finanzaufseher und Politiker lässt sich auf die Ideen und Konzepte der Ökonomen und Philosophen zurückführen."
Skidelsky stellt die Ideen des Keynesianismus (darunter die Verantwortung des Staates zur Wirtschaftsunterstützung, Steuerung der Nachfrage durch finanzielle Anreize; wichtiges Ziel: Vollbeschäftigung), die als Lehre aus der Weltwirtschaftskrise 1929 ca. 50 Jahre lang angewandt wurden, den nachfolgenden Ideen eines Milton Friedman (Freier Markt mit vollständigen Informationen für alle Marktteilnehmer als Idealzustand, Geldmengensteuerung (Monetarismus); wichtiges Ziel: Niedrige Inflation) entgegen, welche ab den achziger Jahren das Paradigma der Finanzwirtschaft zu werden begannen.
Seine Kernhypothese: Die (spekulative) Instabilität der Märkte wird seit Friedman im Bewußtsein der ökonomischen Wissenschaft systematisch ausgeblendet - ein Blinder Fleck mit dramatischen Konsequenzen.
Autor: Dozent für politische Ökonomie





5. Elinor Ostrom, "Governing the Commons", 1990

(deutsch: "Die Verfassung der Allmende", 1999)
Schlagworte: Theorie der Selbstorganisation der Allmende, historische Beispiele, Erfolgskriterien
Inhalt: Die Autorin, die für ihre wissenschaftlichen Arbeiten zur Verwaltung gemeinschaftlicher Ressourcen 2009 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, analysiert in diesem grundlegenden Werk die Entscheidungsmechanismen, nach denen Gemeinschaftsgüter bewirtschaftet werden können. Ausgehend von spieltheoretischen Erwägungen ("Gefangenendilemma") formuliert sie drei Hauptfragen (Problem der Organisation / des Engagements / der gegenseitigen Kontrolle). Es folgen gut ein Dutzend detaillierte Analysen erfolgreicher und gescheiterter Allmendeverwaltungen sowie Beispiele für Veränderungssituationen, aus den Bereichen Landwirtschaft, Fischerei und Wasserwirtschaft. Abschließend formuliert sie Variablen und Mechanismen, die für die Entscheidungsprozesse und deren Erfolgswahrscheinlichkeit relevant sind. Das Buch ist "schwere Kost", insofern es in wissenschaftlichem Stil geschrieben ist.
Autor: Politikwissenschaftlerin
Im Artikel "Die Zukunft des Euro" /  "Allmendesichtweise" wird Ostroms Vorgehensweise benutzt.


6. Karl Olsberg, "Schöpfung außer Kontrolle - wie die Technik uns benutzt", 2010

Schlagworte: Evolution, Technik, Beschleunigung
Inhalt: Olsberg definiert den Begriff "Evolution" als Abfolge von Reproduktion - Mutation - Selektion, die nach rein statistischen Wahrscheinlichkeiten abläuft, also nicht zielgesteuert.
Er weist darauf hin, dass nach dieser Definition die Evolution für unbelebte Gegenstände zutrifft, wie die Moleküle der Ursuppe vor Entstehung des Lebens, die Gene (die selbst keine Lebewesen sind), oder Viren (die ebenfalls nicht alle Merkmale des üblichen Lebensbegriffs aufweisen).
Er beschreibt zitierend die Evolutionsstrukturen von Informationseinheiten / Ideen (wie Melodien, Kochrezepte, Glaubensinhalte) - dies ist Gedankengut von Dawkins, siehe Buchtipp (2).
Sodann zieht er die Parallele zu den Erfindungen der Zivilisation, wie Autos, Städten oder Schokoladentafeln. Um deren Entwicklung aus der ziellosen Statistik in eine "gute" Richtung zu bewegen, leitet er als einzige wirksame menschliche Eingriffsmöglichkeit die Selektion ab.
Ein weiteres Thema des Buches ist die Analyse der Beschleunigung der technischen Entwicklung, insbesondere auch der Informationstechnologie (von der Erfindung der Schrift über Buchdruck zu Computer und Internet), deren symbiotische Mensch-Maschine-Wirksamkeit so rasch zunimmt, dass sie eine kollektive Bewertung und "Selektion" im oben genannten Sinn immer dringender geraten sein lässt.


7. Ma Jian, "Red Dust - A Path through China", 2001
(Auf deutsch: "Red Dust - Drei Jahre unterwegs durch China", 2009)
Schlagworte: Reisebericht, Autobiographie, Dissident
Inhalt: Ma Jian, geboren 1953 in Qingdao, arbeitete in Beijing als staatlich angestellter Fotojournalist, bevor er auf seine große Reise ging.
Als Systemkritiker wahrgenommen, emigrierte er später nach Hongkong, und, im Vorfeld dessen Übergabe an China, weiter über Deutschland nach Großbritannien.
Zu Beginn seiner Reise, 1982, lag der Höhepunkt der sogenannten Kulturrevolution, Maos letztem Versuch, den chinesischen Weg nach seinem Willen zu gestalten, indem er die Jugend, Studenten und Schüler ("Rote Garden"), zum Kampf aufrief, was viele Hunderttausende Tode kostete und Millionen in die Zwangsumsiedelung trieb, gerade gute zehn Jahre zurück, und Mao war erst sechs Jahre tot. In den achziger Jahren befand sich China in einer Umbruchphase zwischen Mittelalter und Neuzeit, bäuerlichen Traditionen und grausamer Diktatur, Kommunismus und Konsumrausch, staatlicher Kontrolle und Privatinitiative, Willkür und Ordnung.
      Ma Jians Reise führte ihn, teilweise auf der Flucht vor staatlichen Autoritäten und unter Lebensgefahr, durch viele Regionen Chinas bis nach Tibet, auf der Suche nach sich selbst und seiner Heimat, und er portraitiert die Menschen in dieser Umbruchphase, in einer für uns fremden Umgebung und Zeit, plastisch und einfühlsam.
Autor: Fotojournalist, Schriftsteller


8. R. MacPhee ed., "Extinctions in Near Time - Causes, Contexts, and Consequences", 1999

Schlagworte: Artensterben, Pleistozän, Holozän, Altsteinzeit, Ursachenforschung
Inhalt: Thema ist das globale Artensterben ab dem Spätpleistozän, das synchron mit der Besiedelung durch Homo erectus / neanderthalensis oder Homo sapiens, also etwa ab 70 000 v. u. Z., stattfand. Schwerpunkte sind die Großsäuger (ab 40 kg bis zu über 1000 kg), aber auch andere Großtiere (wie Schildkröten, Laufvögel), die dem Menschen als Beute gedient haben, aber auch kleinere Spezies, die eingeschleppten invasiven Arten (Ratte, Katze, Hund) zum Opfer gefallen sein könnten.
Das Buch gliedert sich in 14 Fachartikel, die für den Laien (mit Englischkenntnissen) mehrheitlich gut verständlich sind. Diese decken alle Kontinente, sowie einige große Inseln (z. B. Neuseeland, Madagaskar) und auch kleine Inseln (z. B. Mittelmeerraum, Molluken und Melanesien im Pazifik) ab.
Regelmäßig werden Artenlisten vorgestellt, die Genauigkeit der Zeitdatierung für Aussterbeereignisse und Besiedelung erläutert und Pro's und Con's für die unterschiedlichen Theorien diskutiert.
Ein umfassender Überblick über 70 000 Jahre Menschheitseinwirkung auf die Biosphäre. Der Einfluss von Ackerbau und die Neuzeit (ab 1500 u. Z.) wird gestreift.
Autoren: Wissenschaftler der Paläontologie und Umfeld


9. Liao Yiwu, "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser - Chinas Gesellschaft von unten", 2002
(deutsche Ausgabe: 2009)
Schlagworte: China, Gesellschaftskritik, Zeitzeugen
Inhalt: 29 Geschichten aus seinem dokumentarischen Buch "Interviews mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft", das illegal entstanden und erst nach Herausschmuggeln aus China 2002 veröffentlicht worden war. Es werden Zeitzeugen befragt, die den "Großen Sprung nach vorn" und die "Kulturrevolution" mit ihren Hungersnöten, Grausamkeiten, Morden und Millionen Todesopfern noch selbst erlebt hatten. 
Aus dem Bucheinband: " Ein professioneller Trauermusiker, eine Prostituierte, ein buddhistischer Mönch, ein alter Rotgardist, ein Dissident. Der chinesische Dichter Liao Yiwu porträtiert in seinem Buch Chinas Außenseiter... Das Ergebnis ist ein Panorama des Lebens einfacher Menschen in China, das in seiner individuellen Vielfalt kaum etwas mit dem offiziellen Volksbegriff gemein hat."
Autor: Schriftsteller, Straßenmusiker und Gelegenheitsjobber, Dissident. Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2012
Das Buch ist über die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) für wenige Euro zu beziehen.